Erst sieben Steine, dann fünf Molotowcocktails aus Bierflaschen, die mit Benzin gefüllt und mit Streifen eines T-Shirts als Lunte bestückt wurden – mit einem Brandanschlag wollten sich junge Kurden rächen für „die massenhafte Tötung von Zivilistinnen in Afrin“, wie es in einem Bekennervideo heißt. Ziel der militanten Reaktion auf „Angriffe der türkischen Besatzerarmee“ waren die Räume der Islamischen Gemeinde Milli Görus in Lauffen am Neckar (Kreis Heilbronn). Die Angreifer bezeichneten die Gemeinde als „Verein türkischer Faschisten“. Dass am 9. März 2018 niemand verletzt oder gar getötet wurde, ist ein Wunder.

40 Wohnungen gefährdet

In dem Gebäudekomplex haben seit über 15 Jahren nicht nur 200 Muslime ihren Treffpunkt mit Schulungs- und Gebetsräumen. In den sieben Etagen darüber leben 53 Menschen in 40 Wohnungen. Als die Brandsätze geschleudert wurden, hielten sich der Imam und seine Frau im Erdgeschoss auf. Der Geistliche ist vom Lärm erwacht, hat einen Glaubensbruder alarmiert, der die letzten Flammen gelöscht hat. Deshalb entstand lediglich Sachschaden in Höhe von rund 5000 Euro.

„Der Imam und seine Frau waren ernsthaft gefährdet“, erklärte die Stuttgarter Oberstaatsanwältin Tomke Beddies von der Abteilung für Staatsschutzdelikte gestern im Heilbronner Landgericht. Sie hat drei junge Kurden – zwei Türken und einen Syrer – angeklagt wegen versuchten Mordes und versuchter schwerer Brandstiftung. Sie hätten den Tod der Hausbewohner „zumindest billigend in Kauf genommen“.

Schwierige Ermittlungen

Die Ermittlungen seien schwierig gewesen: „Das war eine mühevolle Kleinarbeit.“ Eine große Hilfe war nicht nur das Bekennervideo, auch Geodaten und DNA-Spuren führten zur Identifizierung der mutmaßlichen Täter. Nicht alle konnten erwischt werden. Die Aufnahmen zeigen vier Personen, die wiederum von einer Frau gefilmt werden. Im Juni 2018 hatten 200 Polizisten zehn Objekte in den Kreisen Heilbronn und Neckar-Odenwald durchsucht. Dabei waren sechs Personen festgenommen worden.

Beim Prozessauftakt wollte sich keiner der drei Angeklagten zum Tatvorwurf äußern. Zu ihrem Werdegang machten nur zwei Angaben, der türkische Staatsbürger Kerem S. (21) sagte gar nichts. Tahir A. (24) stammt aus einem türkischen Kurdendorf, zehn Kilometer von der Grenze zu Syrien entfernt. „Ich hatte kein schönes Leben“, sagte er vor Gericht. Der Staat habe die Kurden unterdrückt, das Militär habe Häuser zerstört und Menschen getötet. Weil er als Sympathisant einer Widerstandsgruppe um sein Leben gefürchtet habe, sei er 2016 nach Deutschland geflüchtet. Sein Asylantrag ist abgelehnt.

Keine politischen, sondern wirtschaftliche Gründe bewogen den aus Syrien stammenden Mohamed H. im Sommer 2015 zur Migration nach Deutschland. In Istanbul, wo er vorher lebte, habe er für wenig Geld viel arbeiten müssen. Aber seine Familie sei aus Afrin wegen des Krieges geflüchtet, mehrere Verwandte seien getötet worden. Weil H. zur Tatzeit 19 Jahre alt war, findet der Prozess vor einer Jugendkammer statt. Für einen reibungslosen Ablauf waren Justiz und Polizei mit einem großen Aufgebot präsent. Vorsitzende Richterin Eva Bezold hat bis zum 13. Februar neun Verhandlungstage angesetzt.

„Eine einmalige Sache“

Der Imam wird nicht im Gerichtssaal erscheinen, auch wenn er laut Anklage ein „potenzielles Todesopfer“ gewesen ist. Er sei nach dem Anschlag zurück in die Türkei gereist, „er hatte Angst“, sagte Fatih Tokmuk, Sohn des Gemeindevorstehers. In Lauffen seien sie wieder „zur Tagesordnung übergegangen“, erzählte er. „Wir erwarten keinen zweiten Anschlag, das war eine einmalige Sache.“ Warum die Aksemseddin-Moschee als Ziel ausgesucht wurde, kann sich Tokmuk nicht erklären. Die Gemeinde habe sich immer sicher gefühlt. Auch wegen der Nachbarschaft – 100 Meter entfernt ist das Polizeirevier.

Das könnte dich auch interessieren:

Operation Olivenzweig


Das türkische Militär begann im Januar 2018 mit der „Operation Olivenzweig“ eine Aktion gegen die Kurdenmiliz YPG im benachbarten Syrien. Im Nordwestzipfel, auf drei Seiten von der Türkei umgeben, liegt Afrin, Heimat von rund 400 000 Menschen. Der wissenschaftliche Dienst des Bundestags bezweifelt die Rechtmäßigkeit der Offensive. Weil kein bewaffneter Angriff vorausgegangen sei, könne es sich um einen Verstoß gegen das Völkerrecht handeln. hgf