Prozess um Oles Tod Angeklagte Ersatz-Oma schweigt immer noch

Vor dem Heilbronner Landgericht geht der Prozess gegen die 70-Jährige weiter, die den ihr anvertrauten Ole getötet haben soll.
Vor dem Heilbronner Landgericht geht der Prozess gegen die 70-Jährige weiter, die den ihr anvertrauten Ole getötet haben soll. © Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Künzelsau/Heilbronn / Hans Georg Frank 02.12.2018
Der Tod des siebenjährigen Ole in Künzelsau bleibt rätselhaft. Die Angeklagte sagt im Prozess bisher kein einziges Wort.

Die Frau mit grauem Haar sieht aus wie die nette Oma von nebenan. Elisabeth S. (70) aus Künzelsau soll aber ein schreckliches Verbrechen begangen haben. Sie ist angeklagt wegen Totschlags. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass sie einen Siebenjährigen umgebracht hat – erwürgt, dann tot in eine Badewanne gelegt. Im Prozess vor dem Landgericht Heilbronn schweigt sie. Die gelernte Krankenschwester hat sich erstmals des kränkelnden Ole angenommen, als er anderthalb war. Tagelang kümmerte sie sich um das Einzelkind, während die Eltern arbeiten mussten. Mutter Susanne (41) ist Lehrerin, Vater Jens (45) leitet die Rechtsabteilung eines örtlichen Unternehmens.

Wie ein rettender Engel

Es entwickelte sich ein inniges Verhältnis zwischen der Witwe und der zugezogenen Familie. „Oma Elisabeth“ war der rettende Engel. Der sonst scheue Ole hatte sie in sein Herz geschlossen. „Er hat sich immer gefreut, wenn er zu ihr durfte“, erzählt die Mutter. „Die beiden waren so glücklich miteinander“, bestätigt der Vater. Es sei nicht daran gedacht worden, das zu beenden, sagen beide. Nach Oles Einschulung wurden die Besuche bei der allein lebenden Rentnerin zwar seltener, aber drei bis vier monatliche Begegnungen habe es gegeben. Am Tattag, 27. April, hatte das Ehepaar Karten für ein Konzert. Ole wurde gegen 17 Uhr zu „Oma Elisabeth“ gebracht: „Er wurde wie immer freudig begrüßt.“ Um 19.44 Uhr fotografierte sie ihn zum letzten Mal, lachend im Schlafanzug auf dem Sofa. Im Haus standen Bilder des Buben, Freundinnen zeigte S. gerne Fotos vom Ersatzenkel. Ihr eigener Sohn in München ist kinderlos.

Trennungsangst als Motiv

Die Angeklagte ist seit 2009 verwitwet. Ihren Mann hatte sie im Krankenhaus als Patient kennengelernt. Er war Experte für Wasserwirtschaft. Sie war Schöffin, hat zeitweise im DRK-Kleiderlädle geholfen und kurz im Tafelladen. Niemand in Künzelsau kann bisher verstehen, was die allseits geschätzte Frau zu der ihr vorgeworfenen Tat getrieben haben könnte. Zu diesem Rätsel gehört auch, dass die bekleidete Leiche in einer vollen Badewanne lag. Ole habe Wasser gehasst, sagt seine Mutter, in die Wanne wollte er seit Jahren nicht. Schon Duschen sei nicht widerstandslos möglich gewesen. Der Staatsanwalt sieht „Trennungsangst“ als Motiv. Elisabeth S. habe „nicht ertragen können und wollen“, dass Ole nicht mehr so oft bei ihr war. Eine Mitgefangene in der Vollzugsanstalt Schwäbisch Gmünd will von ihr erfahren haben, die Eltern „verdienten“ den Jungen nicht. Sie sei immer für ihn da gewesen. „Wenn ich das Kind nicht haben kann, dann soll es keiner haben“, soll S. beim Hofgang gesagt haben.

Mitgefangener offenbart

Die Aussage der Zeugin steckt voller Widersprüche. Wenn es um Details geht, hat die fünffach vorbestrafte 28-Jährige keine Antwort: „Ich erinnere mich nicht mehr daran.“ Richter Roland Kleinschroth verliert schließlich die Geduld: „Jetzt hören Sie mit dem blöden Satz auf, so doof kann man doch gar nicht sein.“ Mit Pfarrer und Psychologen hat Elisabeth S. nicht gesprochen. Ausgerechnet der Mitgefangenen, die sie vorher gemobbt haben will, soll sie sich mit Details der Beziehung und des Verbrechens offenbart haben? Kleinschroth hält „einen wahren Kern“ für denkbar. Zu den 33 Zeugen des bis Ende Januar 2019 terminierten Prozesses gehört ein Ehepaar aus dem Bekanntenkreis der Angeklagten. Von diesem haben die Ermittler angeblich erfahren, dass Elisabeth S. gelitten haben soll, weil die Treffen mit Ole weniger geworden seien. Nur die Angeklagte könne zur Aufklärung beitragen, appelliert der Vorsitzende Richter: „Wenn es gesagt ist, dann ist es für alle leichter.“ Bisher sei „gar nichts klar“. Bei der Polizei sprach die Rentnerin von einem Unfall. Jens Rabe, Anwalt der Eltern, hält einen Mord für möglich.

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Mord und Totschlag         im Strafgesetzbuch

Paragraf 212 des Strafgesetzbuchs definiert Totschlag: „Wer einen Menschen tötet, ohne Mörder zu sein, wird als Totschläger mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft.“ Auf schwere Fälle steht „Lebenslänglich“.

Nach Paragraf 211 ist ein Mörder, „wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken einen Menschen tötet“. Das Verbrechen wird mit lebenslanger Haft bestraft. eb

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