Trockenheit Am Bodensee entsteht eine Insel auf Zeit

Seeufer bei Nonnenhorn. Der Wasserstand ist außergewöhnlich niedrig.
Seeufer bei Nonnenhorn. Der Wasserstand ist außergewöhnlich niedrig. © Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Friedrichshafen / Von Patrick Vetter 03.11.2018

Das bisschen Schnee und Regen, das Teile Baden-Württembergs zuletzt abbekamen, hat noch nichts an den teils extremen Niedrigwasserständen geändert. Sie hängen mit dem heißen Sommer ohne Regen, mit Stauregulierungen und mit Gletscherschmelzen zusammen. Ob die Situation direkt mit dem Klimawandel zu tun habe, müsse weiter erforscht werden, sagt die Bundesanstalt für Gewässerkunde. Auf Rhein und Neckar kam die Schifffahrt fast zum Erliegen und auch an den Bodenseeufern machte sich die Trockenheit bemerkbar. Küstennahe Seeabschnitte liegen trocken, Spaziergänger können mancherorts über ehemaligen Seegrund wandern, wo nicht zu viel Schlamm ist.­­

Der Untersee im westlichen Teil, Fanggebiet des Fischers Stefan Riebel von der Reichenau-Fischhandlung, hat auch jetzt noch tiefste Wasserstände. Jetzt, wo es kälter sei, sei das für die Fische nicht mehr schlimm: „Die Tiere schwimmen in tiefere Regionen. Das sieht nur von außen extrem aus. Bei 30 bis 40 Zentimetern mehr Wasser sind viele Flachwassergebiete schon wieder überflutet“, sagt Riebel. Raubvögeln und Kormoranen eröffnen die Wasserstände ein Festmahl, sie können an Stellen jagen, wo sonst das Wasser zu tief sei.

Schwärme von Jungfischen

Problematisch sei es im Hochsommer gewesen. Das wenige Wasser heizte sich schnell auf und habe speziell Äschen und Aalen zugesetzt. „Weißfische und Welse dagegen fühlen sich im warmen Wasser wohl. Die haben sich gut vermehrt“, erklärt Riebel. Schon jetzt könne man ganze Schwärme von Jungfischen beobachten. Auch für Raubfische wie Hecht und Zander seien die heißen Temperaturen kein Problem gewesen. Wirklich gefährlich wäre Niedrigwasser im Frühjahr. Der Laich wird im Flachwasser abgelegt, fallen diese Gebiete trocken, bevor die Jungfische in tiefere Gewässer flüchten können, trocknet die Brut aus. Dieses Jahr zum Beispiel sei der Pegel nach der Schneeschmelze fast zu schnell wieder gesunken.

Auf seine Arbeit und die Fangmengen wirke sich das wenige Wasser kaum aus, sagt Fischer Riebel. Das bestätigt auch Karin Kaulitzki von der Fischerei Kaulitz aus Wasserburg am östlichen Bodensees. Den Fischfang tangiere der Pegel nicht.

Das gesunkene Wasser hat nicht nur Ufergebiete, sondern auch gleich eine neue Insel freigelegt, 200 auf 50 Meter groß. Seit Anfang dieses Jahres bildet sie sich vor der Alpenrheinmündung aus angespülten Sedimenten und Sand. Nach Angaben der Internationalen Rheinregulierung in der Schweiz schwemmt der Fluss jedes Jahr zwei bis drei Millionen Kubikmeter Feststoffe, Schlamm und Kies in den Bodensee. Besonders sei die Größe der Insel und dass sie so lange sichtbar ist. Rund um die Sanderhebung könne sich ein kleines Delta an der Rheinmündung bilden.

Damit wären solche Gebiete Tabu für Segler und Yachtbesitzer. Auch sie merken den niedrigen Wasserstand. „Viele mussten schon Ende Juli auswassern und mit ihren Booten den Hafen verlassen“, schildert der Hafenmeister auf der Reichenau, Franz Egenhofer. Die Hafenplätze seien einfach nicht mehr tief genug. Sitzen die Segelschiffe dann tatsächlich auf, müssen sie mit einem Motorboot oder sogar einem Kran rausgezogen werden. Dabei entstehen auf dem sandigen Untergrund normalerweise aber wenigstens keine Schäden an den Schiffen. „Die Schiffe, die noch fahren konnten, mussten ziemlich aufpassen“, sagte Egenhofer. Nur noch zwei Drittel des Untersees seien überhaupt befahrbar. Offiziell endete die Saison in dem Yachthafen Ende Oktober. Zuletzt sei es 2003 so schlimm gewesen, doch sei der Pegel damals erst einen Monat später gesunken.

Auf Rhein und Neckar liegt die Schifffahrt lahm

84 Zentimeter zeigte der Rheinpegel in Mannheim dieses Jahr schon an – Rekordtief seit Beginn der Aufzeichnungen. Wirtschaftliche Schifffahrt sei bei solchen Pegeln nicht mehr möglich, sagt Walter Braun vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Stuttgart. Auf dem Neckar könnten Schiffe nur dank der vielen Staustufen fahren, die das Wasser im Fluss halten. Das Aufstauen beeinflusse auch den Pegel des Rheins, in den der Neckar mündet. Der Schiffverkehr auf dem Rhein und auch ein Großteil der Schifffahrt auf dem Neckar kamen durch das Niedrigwasser zum Erliegen.

917 Zentimeter zeigte 1882 der höchste Rheinpegel in Mannheim. Davon und von Normalwasser ist man laut Braun weit entfernt: „Die aktuellen Regenfälle bringen keine signifikante Entspannung.“ Der Pegel müsse um deutlich über einen Meter ansteigen. „Die vorhergesagten Niederschläge wirken sich auch auf Wasserstände aus, allerdings ohne dass die überregionale Niedrigwassersituation beendet wird“, heißt es von der Bundesanstalt für Gewässerkunde.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel