Autos stehen kreuz und quer auf Gehwegen, mitten auf der Straße  oder blockieren Haltestellen. Heraus steigen müde Kinder mit bunten Schulranzen. Busse hupen sich den Weg frei. Die Eltern brausen weiter – zur Arbeit oder nach Hause. Vor vielen Schulen im Land herrscht jeden Morgen ein regelrechtes Verkehrschaos. Schätzungsweise jedes fünfte Kind wird  von den Eltern mit dem Auto zum Unterricht gebracht. Meistens direkt vors Schulgebäude.
Das wollen der Auto Club Europa (ACE) und das baden-württembergische Verkehrsministerium ändern. Die bundesweite ACE-Aktion „Goodbye Eltern­t­a­xi“ wirbt dafür, Kinder selbstständig in die Schule gehen zu lassen. In Zusammenarbeit mit Schulen will die Initiative Lösungen für die unübersichtliche Verkehrssituation aufzeigen. „Wir wollen, dass dieses Chaos ein Ende nimmt. Es soll aufhören, dass Kinder zu transportierten Wesen werden“, sagt Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) bei einer Pressekonferenz. Der ehemalige Lehrer und Landespolitiker hat die Schirmherrschaft über „Goodbye Elterntaxi“ übernommen.  Morgendliches Laufen mache die Schüler wach, gesund, selbstständig und vor allem verkehrssicher, sagt Hermann.

Was sagen die Eltern dazu?

Fragt man Eltern, die ihre Kinder morgens zur Schule fahren, nach Gründen, so bekommt man meist zu hören: „Weil ich sowieso zur Arbeit fahre.“ Oft spielen aber auch Ängste eine Rolle. Um Grundschüler ebenso wie um ältere Kinder. „Ich fahre meine Tochter zur Schule, damit sie sicher ankommt“, sagt ein Vater, der sich vor dem Bildungszentrum Kuhberg in Ulm von der 10-Jährigen verabschiedet. Der Verkehr, andere Schüler und fremde Menschen bereiten ihm Sorgen, sagt er.

Video Umfrage: Warum fahren Eltern ihre Kinder zur Schule?

Ist die Fahrt im Auto sicherer?

ACE und der Verkehrsminister sehen das anders: Durch den morgendlichen Bringverkehr direkt vor dem Schuleingang produzieren „Elterntaxis“ selbst Risiko­situationen. „Eltern, die glauben, sie müssten ihr Kind im großen Auto schützen, missachten die Sicherheit der anderen Kinder“, sagt Hermann.
Zum Auftakt der Aktion hat der ACE am Montag mit ehrenamtlichen Helfern vor der Stuttgarter Grundschule Sommerrain „Elterntaxis“ gezählt und Fehlverhalten dokumentiert. Das Ergebnis: Von 450 Schülern kommen 53 im Auto ihrer Eltern. „Ein Drittel davon hat sich nicht an die Regeln gehalten“, sagt Reinhard Mohr, Regionalbeauftragter beim ACE. Registriert wurden gefährliche Wendemanöver, Rückwärtsfahren, Halten  im Parkverbot oder in der zweiten Reihe. Ein Kind sei fast von einem Postfahrrad erfasst worden, weil es zur Fahrbahnseite ausgestiegen sei.

„Manche können sich einfach nicht von ihren Kindern trennen.“

Ruth Möller, Rektorin der Sommerrainschule, beschäftigen die Elterntaxis schon lange: „Wir sind kein Brennpunkt. Aber vor zwei, drei Jahren war es sehr belastend.“ Die Grundschule appelliert regelmäßig an die Eltern, das Auto stehen zu lassen oder die Kinder wenigstens ein paar hundert Meter vor dem Schultor abzusetzen. Auch Verkehrssicherheitstraining und Punkte als Belohnung für jeden zu Fuß gegangenen Schulweg tragen dazu bei, die Situation vor der Sommerrainschule zu entspannen.
Grundsätzlich bringt Möller den Eltern Verständnis entgegen: „Es gibt mehr Autos, Zeitzwänge und mehr berufstätige Eltern als vor zwanzig Jahren.“ Auch die Größe des Einzugsgebietes spiele eine Rolle. Mit den meisten Erziehungsberechtigten ließe sich reden. Eine kleine Gruppe sei jedoch nicht zu erreichen. „Manche können sich einfach nicht von ihren Kindern trennen.“ Irgendwann fordere jedes Kind die Freiheit ein, alleine zur Schule gehen zu dürfen, ist sich der ACE-Ehrenamtliche Darko Brezonic, ebenfalls Vater, sicher. „Und dann müssen die Kinder mit zehn Jahren im Straßenverkehr lernen, was andere schon mit sechs Jahren können.“
„Ich fahre mein Kind so lange zur Schule, bis es erwachsen genug ist, um Gefahrensituationen einzuschätzen“, sagt der Vater, der seine Tochter jeden Morgen vom Ulmer Stadtregal zum Bildungszentrum auf dem Kuhberg fährt. Ob sie brenzlige Situationen auf dem Rücksitz einzuschätzen lernt? „Wir machen andere Sachen, die die Selbstständigkeit fördern.“

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Auto schützt nicht vor Schulwegunfällen


596 Schulwegunfälle sind 2017 laut Innenministerium in Baden-Württemberg passiert.

103 Kinder und Jugendliche wurden dabei schwer, 515 leicht verletzt. Ein Kind starb auf dem Weg zur Schule.

2990 Kinder sind 2017 insgesamt im Straßenverkehr verunglückt.

43 Prozent davon waren in einem Pkw, 33 Prozent auf einem Fahrrad und 24 Prozent zu Fuß unterwegs.