Interview „Es geht um die Existenz der Partei“

Barfüßer Neu-Ulm - Politischer Ascherfreitag der SPD Neu-Ulm & Ulm - Lars Castellucci
Barfüßer Neu-Ulm - Politischer Ascherfreitag der SPD Neu-Ulm & Ulm - Lars Castellucci © Foto: Matthias Kessler
Stuttgart / Von Roland Muschel 08.10.2018
Der SPD-Bundestagsabgeordnete Lars Castellucci über seine Motivation für den SPD-Landesvorsitz gegen die Amtsinhaberin Leni Breymaier zu kandidieren.

Der Bundestagsabgeordnete Lars Castellucci (44) ist seit 2005 einer von vier Vize-Chefs der Südwest-SPD. Nun kämpft der Nordbadener um den Vorsitz.

Herr Castellucci, 2016 hat die Südwest-SPD Leni Breymaier zur Vorsitzenden gewählt, eine Gegenkandidatur gab es nicht. Warum wollen Sie nun gegen sie antreten?

Lars Castellucci: Wir stehen zweieinhalb Jahre vor der Landtagswahl. Und die Umfragen zeigen deutlich: Wir haben seit 2016 weiter an Rückhalt verloren. Eine Umfrage sagt sogar, dass nur vier Prozent der Baden-Württemberger der SPD zutrauen, ihre Probleme zu lösen. Das war für mich der Punkt, wo ich gesagt habe: Jetzt muss sich etwas ändern. Es geht um die Existenz unserer Partei.

Was halten Sie Frau Breymaier vor?

Wir hatten am Samstag eine Konferenz der Parteibasis. Da haben viele beklagt, dass es keine sichtbaren Schritte der Erneuerung gibt. Ich habe Vorstellungen, wie wir das besser machen können. Daher stelle ich mich gerne einem Wettbewerb der Ideen.

Wie sehen Ihre Ideen aus?

Der Fokus unserer Arbeit muss auf der Landespolitik liegen. Die Menschen müssen endlich wieder spüren, dass wir uns um sie und um ihre Zukunft kümmern. Wir müssen auch organisatorisch die modernste Landespartei werden und die Schlagkraft und Kam­pagnenfähigkeit unserer SPD verbessern. Und wir müssen viel offener sein für Menschen, die einige unserer Ziele teilen, ohne gleich ein Parteibuch zu besitzen. Wir müssen uns besser mit verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen vernetzen. Ich möchte, dass viele Menschen die SPD wieder als  Partei des Fortschritts erleben, mit der sie zusammen etwas erreichen können.

Frau Breymaier steht für eine eher linksorientierte Politik. Soll sich thematisch etwas ändern?

Wir müssen uns breiter aufstellen.

Was heißt das konkret?

Ich will, dass wir ein Bild von Baden-Württemberg 2030 entwickeln, einen Zukunftsentwurf, für den sich die Menschen begeistern können. Dann kommt der Plan, wie wir dieses Ziel erreichen, und dann die ganzen politischen Einzelfragen, die sich daraus ableiten.

Von einer Volkspartei kann man bei Umfragewerten von elf Prozent ja nicht mehr reden.

Doch, doch! Ich bin in eine Volkspartei eingetreten, in eine Partei, die unterschiedliche Interessen bündeln und alle Bevölkerungsschichten ansprechen kann. Dafür stehe ich: Politik fürs ganze Land zu machen. Wir wollen den Fortschritt, und wir wollen, dass er bei vielen ankommt.

Die SPD hat Wähler an die AfD verloren, aber auch an die
Grünen.

Dieses Schielen auf bestimmte Gruppen macht uns kaputt. Die SPD wird viel zu sehr als eine taktisch agierende Partei wahrgenommen. Das ist nicht meine SPD. Meine SPD hat Werte, Visionen und klare Vorstellungen, wo sie hinwill. Die müssen klar sein und dann gewinnen wir auch wieder dazu.

Frau Breymaier hat einen Mitgliederentscheid um den Parteivorsitz vorgeschlagen.

Ich fände einen Mitgliederentscheid gut. Dass in der Satzung die Möglichkeit eines Mitgliederentscheids steht, geht ja auf meine Initiative zurück.

Welches Wahlziel geben Sie für 2021 aus?

Ich möchte, dass die SPD wieder einen kräftigen Sprung nach oben macht. Dafür muss sie erst einmal wieder über die Wahrnehmungsschwelle gelangen. Die Leute sollen spüren: Diese Partei hat verstanden, sie hat engagierte Leute und sie will unser Leben verbessern. Das zeigen wir jetzt auch in unserem Wettbewerb um den Landesvorsitz.

Sehen Sie Ihre Zukunft eigentlich in der Landespolitik?

Es geht jetzt darum, die SPD im Land wieder aufzurichten. Lassen Sie uns das erst einmal hinkriegen.

Lage der Genossen in Baden-Württemberg

Der Südwesten gilt für die SPD als schwieriges Pflaster: Bis auf wenige Ausnahmen in Städten wie Mannheim fehlen die klassischen Arbeitermilieus, die traditionell zur SPD-Wählerschaft gehören. Nach langem Schwund verzeichnete die SPD zuletzt steigende Mitgliederzahlen. 2017 traten rund 2700 Menschen in die Partei ein, darunter 1000 nach der Kanzlerkandidatur von Martin Schulz und rund 800 nach der Bundestagswahl. Die Gesamtzahl der Mitglieder im Land lag zuletzt bei gut 36 400 Menschen.

Im September 2017 fuhr die SPD im Land mit 16,4 Prozent ihr bis dahin schlechtestes Bundestagswahlergebnis ein. Zuletzt kam die SPD im Land in Umfragen nur noch auf 11 Prozent. dpa

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