Wendlingen / David Nau  Uhr
Tag und Nacht überwachen die Ingenieure von Transnet BW das Stromnetz. Die Energiewende stellt sie vor Herausforderungen.

Das Gewerbegebiet am Rande von Wendlingen am Necker (Kreis Esslingen) ist unauffällig. Ein Discounter, Autowerkstätten, ein Möbelgeschäft. Nichts lässt vermuten, dass wenige Meter entfernt so etwas wie das Herz der modernen Industriegesellschaft schlägt. Denn in einem stark gesicherten Gebäude an der Ohmstraße wird gesteuert, was unser Leben so stark beeinflusst wie kaum etwas anderes: die Stromversorgung. Um in die Leitwarte des an ein modernes Kunstmuseum erinnernden Gebäudes zu gelangen, müssen Sicherheitsschleusen überwunden werden. Mehrmals müssen sich selbst Mitarbeiter ausweisen und ihre Hände vor einen Scanner halten, um Einlass zu bekommen.  Das hat einen Grund: Die Hauptschaltleitung des Übertragungsnetzbetreibers „Transnet BW“ ist als kritische Infrastruktur eingestuft und daher besonders stark gesichert.

Beobachtung rund um die Uhr

Hinter der Schleuse geht es in die Kontrollzentrale. In dem großen, lichtdurchfluteten Raum fällt der Blick sofort auf eine 65 Quadratmeter große Leinwand, auf der hunderte Punkte eingezeichnet sind. Verbunden werden die Punkte durch rote und grüne Linien. Für Laien sieht die Karte eher aus wie ein kompliziertes und verzweigtes U-Bahn-Netz, Experten erkennen in den Punkten und Linien jedoch Kraftwerke, Umspannwerke und Stromleitungen.Beobachtet wird die Leinwand rund um die Uhr von drei Ingenieuren. Sie sitzen an riesigen, halbrunden Schreibtischen, vor ihnen mindestens zehn weitere Computerbildschirme. Sie sorgen dafür, dass in Baden-Württemberg das Licht nicht ausgeht. „Wir sind für die Sicherheit und die Zuverlässigkeit des Übertragungsnetzes zuständig“, sagt Markus Fürst, der die Abteilung Systemführung leitet. Der große Mann mit Brille, grauem Drei-Tage-Bart und Halbglatze spricht von „Frequenz“, „Regelzonen-Last“ und „N-minus-eins-Konzept“.

Vier große Netzgesellschaften

Schnell wird klar: So einfach ist das nicht mit dem Strom aus der Steckdose. Vier große Netzgesellschaften sind in Deutschland dafür zuständig, den Strom von den Kraftwerken zum Verbraucher zu transportieren. Die ENBW-Tochter Transnet ist eine davon. Sie verantwortet das Höchstspannungsnetz in Baden-Württemberg und betreibt und überwacht alle großen Leitungen mit 380 Volt und 220 Volt Spannung. Damit der Strom ohne Probleme von den Kraftwerken bis zum heimischen Fernseher fließen kann, ist vor allem die Netzfrequenz wichtig. Die ist im Prinzip der Puls des Stromnetzes und muss immer bei 50 Hertz liegen. Drängt zu viel Strom ins Netz, steigt die Frequenz und irgendwann fliegen daheim die Sicherungen raus. Im schlimmsten Fall bricht das ganze Netz zusammen: Black-Out. Damit das nicht passiert, haben die Ingenieure in der Hauptschaltleitung die Waage zwischen Verbrauch und Erzeugung immer genau im Blick.

Mehrheit der Stromverbraucher sitzt im Süden

„Wir finden die Energiewende gut“, sagt Fürst. Der Umstieg auf die erneuerbaren Energien stellt aber die Stabilität des Stomnetzes auf eine harte Probe. Mit vielen Kleinkraftwerken ist es ungleich schwieriger, die Waage von Verbrauch und Erzeugung im Gleichgewicht zu halten. „Früher habe ich in einem Kraftwerk angerufen und gesagt: Gib mir mehr“, erklärt Fürst. Heute sei das nicht mehr so einfach. Dazu kommt, dass zum Beispiel Windanlagen in Deutschland sehr ungleich verteilt sind: Die große Mehrheit steht in Norddeutschland. Dort sind die Anlagen deutlich effektiver zu betreiben. Die große Mehrheit der Stromverbraucher sitzt jedoch im Süden und Westen Deutschlands: Fabriken der Autohersteller, energieintensive Stahlindustrie.

Eingriffe sind nicht billig.

Weil die Transportleitungen dafür nicht ausgelegt sind und große Stromautobahnen wie Suedlink weiter auf sich warten lassen, müssen die Systemingenieure in Wendlingen inzwischen mindestens einmal am Tag eingreifen, damit das Netz nicht aus dem Takt gerät. 2010 lag die Zahl noch bei 50 Eingriffen. „Redispatch“ nennen die Profis diesen Eingriff in den Betrieb von Kraftwerken. „Wir drehen uns den Einsatz so hin, dass er netzverträglich ist“, sagt Fürst. In der Praxis kann das heißen, dass an der Nordsee die Windräder an einem stürmischen Tag abgeschaltet werden, um die Leitungen nicht buchstäblich zum Glühen zu bringen. Gleichzeitig müssen in Baden-Württemberg Ersatzkraftwerke hochgefahren werden, damit der enorme Stromhunger der Industrie gestillt werden kann.

Diese Eingriffe sind nicht billig. 2017 kostete der tägliche Redispatch in ganz Deutschland 1,4 Milliarden Euro. „Die Summe wird auf die Stromrechnung der Verbraucher umgelegt“, erklärt Werner Ehrle, Teamleiter der Hauptschaltleitung. Und mit dem weiteren Ausbau der Erneuerbaren könnten diese Kosten auf vier Milliarden Euro pro Jahr ansteigen, schätzt Transnet.

Im Notfall den Stöpsel aufmachen

Aber auch auf andere Gefahren sind die Ingenieure in Wendlingen vorbereitet. Etwa auf Cyberangriffe. Wie genau, sei geheim, erklärt Ehrle. Was er verrät: „Wir haben eine vollredundante Technik.“ Soll heißen: im Nebengebäude steht noch einmal eine Kopie der Leitwarte, die bei Bedarf aktiviert werden kann. Und was passiert, wenn alle Netze und doppelten Böden versagen und im Südwesten das Licht ausgeht? „Wir trainieren den Black-Out und auch die Verhinderung regelmäßig“, sagt Ehrle. Fallen zum Beispiel alle konventionellen Kraftwerke im Land aus, gibt es noch Pumpspeicherkraftwerke, zum Beispiel im Schwarzwald. „Da macht man dann im Notfall den Stöpsel auf“, sagt Ehrle und grinst.

Übertragungsnetze in Baden-Württemberg