Die extreme Herausforderung bietet eine besondere Chance für einen deutschen Eishockey-Coup bei der WM. Mit diesem Gedanken bereitet Bundestrainer Toni Söderholm das Nationalteam auf den Auftakt am Freitag (15.15 Uhr/Sport1) in Riga gegen Italien vor und arbeitet am erhofften ersten Halbfinaleinzug seit dem Heim-Turnier 2010. „Es kommt näher und näher, dass wir ein Halbfinale spielen“, sagte er.
Vor dem ersten Gruppenspiel zeigte sich der 43-Jährige erfreut von der Energie, der Konzentration und mentalen Stärke seiner verjüngten Mannschaft. Die besonderen Umstände des Turniers mit den Problemen der Pandemie, mit Fragezeichen hinter den Top-Nationen und dem Potenzial für Überraschungen will das deutsche Team ausnutzen.
Auch Buffalo-Stürmer Tobias Rieder bestätigt die gestiegenen Erwartungen: „Dieses Jahr ist ein anderes Turnier als in den vorherigen Jahren“, sagte die einzige NHL-Stammkraft im Kader. „Die Kanadier, die Amerikaner, die Topteams sind mit vielen jungen Spielern angereist. Es ist natürlich viel drin.“
Söderholm blickt seiner zweiten WM als Bundestrainer zwei Jahre nach dem Debüt unaufgeregt entgegen, obwohl er zwischenzeitlich eineinhalb Jahre nur sehr eingeschränkt arbeiten konnte. Mit erstaunlicher Ruhe geht er die vielschichtigen Herausforderungen an.
Dass die Auswahl erstmals seit sechs Jahren ohne den NHL-Ausnahmekönner Leon Draisaitl auskommen muss und die meisten anderen deutschen NHL-Profis während der dortigen Playoffs ebenfalls nicht verfügbar sind, ist nur ein Aspekt. Die Regeln in der Pandemie erlauben so gut wie keine Abwechslung.

Training unter Corona-Bedingungen

Angesichts von Video-Meetings und einer Isolation im Zimmer könne es schnell gehen, „dass die Wände etwas näherkommen“, wie es Korbinian Holzer beschrieb. „Wir dürfen nicht zu anderen Spielern ins Zimmer“, erklärte Rieder: „Nach dem Essen warten wir eigentlich bloß, dass der Bus geht und wir uns im Stadion wiedersehen.“
Für dieses Turnier mit diesem ungewöhnlichen Charakter muss Söderholm die Spieler nach einer mental schlauchenden Saison bei Laune halten. „Du brauchst nicht jeden Tag Entertainment zu machen. Wir leben hier nicht in einem Zirkus“, lautete sein Kommentar. Gelassen. Seine Art, Menschen zu führen und Probleme zu lösen, kommt ebenso an wie seine Expertise. Regelrecht verzückt meinte DEB-Präsident Franz Reindl: „Ich bewundere Toni, wie er mit allem umgeht.“
2018 hatte Reindl ihn überraschend vom Drittligisten SC Riessersee zum Bundestrainer befördert. Den Weg, den Marco Sturm begonnen hatte und der 2018 in der olympischen Silber-Sensation gipfelte, setzt der Finne seitdem fort. Die Spieler werden immer selbstbewusster. Das Selbstverständnis hat sich gewandelt.
Mit dem Viertelfinale will sich offenbar keiner mehr zufrieden geben. Ziel ist es nicht mehr, gegen die Top-Nationen nicht zu hoch zu verlieren, sondern zu gewinnen und um Gold mitzuspielen. Daran hat Söderholm seinen Anteil. „Wir haben uns spielerisch unter ihm sehr stark entwickelt“, sagte Holzer: „Er macht es super. Er bringt die nötige Lockerheit mit rein.“

Erinnerungen an Olympia

Dabei liegt eine schwierige Zeit hinter Söderholm. Nach seiner ersten WM 2019 mit Platz sechs und dem besten Abschneiden seit Rang vier 2010 stand der frühere Verteidiger nur noch beim Deutschland Cup 2019 an der Bande – bis zur WM-Vorbereitung in diesem Jahr. 2020 fiel die WM wegen Corona aus, beim Deutschland Cup war er dann selbst an Covid-19 erkrankt.
Nur drei Trainingstage bleiben ihm in Riga mit dem gesamten Team, bevor der Auftakt gegen den von 15 Corona-Fällen betroffenen Außenseiter Italien gelingen soll. „Ich habe ein gutes Gefühl, ein sehr positives. Ich bin zuversichtlich, dass wir das gut hinkriegen“, betonte Söderholm. In der Erinnerung bleiben die Olympischen Spiele 2018. Da fehlten alle NHL-Spieler, weil sie nicht freigegeben wurden– und dem DEB-Team gelang der  Coup.

Ausgezeichneter Verteidiger: Moritz Seider


Nationalspieler Moritz Seider, 20, ist als bester Verteidiger des Jahres in der starken schwedischen Liga SHL ausgezeichnet worden. Der Ex-Mannheimer war vom NHL-Team Detroit Red Wings nach Schweden verliehen worden und hatte nach einer starken Spielzeit mit Rögle BK das Playoff-Finale verloren. Nächste Saison will sich Seider in der nordamerikanischen NHL durchsetzen. Derzeit bereitet er sich in Riga auf seine zweite WM vor. Vor zwei Jahren in der Slowakei war Seider auf Anhieb bester deutscher WM-Verteidiger gewesen.