Mertesacker Wissenschaftler: „Im Sport herrscht permanenter Druck“

Per Mertesacker hat mit einem Interview im Spiegel eine Debatte über Druck im Leistungssport losgetreten.
Per Mertesacker hat mit einem Interview im Spiegel eine Debatte über Druck im Leistungssport losgetreten. © Foto: Marius Becker
Ulm/Tübingen / David Nau 13.03.2018
Der Tübinger Sportwissenschaftler Ansgar Thiel kennt viele Sportler, die ähnliche Beschwerden wie Per Mertesacker äußern. Darüber geredet werde aber wenig. „Psychische Probleme werden im Spitzensport oft bagatellisiert“, sagt er.

Der ehemalige Fußballnationalspieler Per Mertesacker hat mit einem Interview im Spiegel eine Debatte über Druck im Profisport ausgelöst. Der Spieler vom FC Arsenal hatte von Brechreiz und Durchfall vor jedem seiner inzwischen rund 500 Spiele als Profi gesprochen. Inzwischen springen ihm auch andere Profis bei und berichten von ähnlichen Problemen.

Für den Sportwissenschaftler Prof. Ansgar Thiel sind die Probleme der Profifußballer keine Einzelfälle: „Wir wissen aus unseren Erhebungen, dass viele Sportler unter psychischen Problemen wie Stress, Druck und Überlastung leiden.“ Der Direktor des Tübinger Instituts für Sportwissenschaft forscht seit Jahren zur Gesundheit im Spitzensport und hat festgestellt, dass etwa ein Viertel aller Befragten immer wieder unter Ängsten und depressiven Phasen leiden.

SSV Ulm: „Fußball ist immer noch ein Spiel“

Beim SSV Ulm 1846 Fußball kennt man Drucksituationen gut. „Einen solchen Fall, wie den von Per Mertesacker, hatten wir im Verein noch nicht“, sagt Lutz Siebrecht. Der Sportliche Leiter der Spatzen sagt, dass das Thema unter den Spielern nicht besonders angesprochen werde. Aber Siebrecht stellt auch fest: „Es gibt Jungs, die das leichter wegstecken und Jungs, die intensiver betreut werden müssen“, sagt Siebrecht. Diese Betreuung finde zwischen Trainer und Spieler statt. Der Verein versuche aber, den Druck nicht künstlich zu erhöhen: „Wir versuchen zu betonen, dass Fußball noch immer ein Spiel ist.“

Der Direktor des Instituts für Sportwissenschaft Tübingen, Professor Ansgar Thiel, erforscht seit Jahren das Thema Gesundheit im Leistungssport.
Der Direktor des Instituts für Sportwissenschaft Tübingen, Professor Ansgar Thiel, erforscht seit Jahren das Thema Gesundheit im Leistungssport. © Foto: Universität Tübingen

Diesen Weg empfiehlt auch der Sportwissenschaftler. Die Forschungsergebnisse des Tübingers zeigen, dass ein Trainer mit offenem Ohr für die Probleme seiner Spieler, ein Schutz vor psychischen Problemen sei. Im Spitzensport herrsche eine „Kultur des Risikos“, junge Nachwuchssportler würden von Beginn an darauf trainiert, alles für den Sport zu riskieren. „Das führt dazu, dass Schmerzen bagatellisiert werden, dass über psychische Probleme nicht gesprochen wird“, so Thiel.

Das zeige auch die Reaktion der Fußballbranche. Ex-Nationalspieler Lothar Matthäus hatte in einer Fernsehsendung Unverständnis über die Äußerungen von Mertesacker gezeigt: „Nationalmannschaft spielt man freiwillig. Er hätte ja aufhören können, wenn der Druck so groß war“, sagte Matthäus.

Leibenath hat offenes Ohr für seine Spieler

Thorsten Leibenath hat sich über die Aussage von Matthäus geärgert. „Ich finde es sehr gut, dass Mertesacker so offen darüber gesprochen hat“, sagt der Headcoach der Bundesliga-Basketballer von Ratiopharm Ulm. Auch er hat in seiner Trainerlaufbahn schon öfters mit psychischen Problemen von Spielern zu tun gehabt. „Es gibt harmlosere, wie Nervosität vor einem Freiwurf und schwerere, wie Essstörungen oder Depressionen“, sagt Leibenath.

Was er seinen Spielern im Umgang mit Druck rät, möchte er nicht öffentlich berichten. „Man muss aber individualisiert vorgehen und jeden Spieler einzeln betrachten“, sagt er. Seine Spieler fänden bei Problemen immer ein offenes Ohr bei ihm: „Es hat noch nie geholfen, Probleme zu verschweigen“, sagt der Trainer.

Sportwissenschaftler: „Früh intervenieren“

Sportwissenschaftler Thiel empfiehlt, bereits in der Nachwuchsförderung zu intervenieren. „Man muss den Athleten möglichst früh klar machen, dass es ein Leben neben dem Spitzensport gibt“, sagt der Professor. Er rät jungen Leistungssportlern, nicht alles für den Sport aufzugeben. Studien hätten gezeigt, dass Sportler, die auch Freunde und Interessen außerhalb der Sportwelt hätten, deutlich weniger anfällig für psychische Probleme seien.

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