In drei Monaten soll die neue Saison im Ski-Weltcup beginnen, der Winter-Auftakt Ende Oktober in Sölden ist eigentlich ein fixer Termin im Alpin-Kalender. Das Corona-Jahr 2020 aber schert sich nicht um solche Traditionen.
Das Sommer-Training der Ski-Asse ist diesmal geprägt von Ungewissheiten. Das deutsche Team muss zusätzlich improvisieren. Keine Camps auf der südlichen Erdhalbkugel, flexible Trips durch Europa, intensive Abstimmungen mit anderen Nationen: Für die Mannschaft um Thomas Dreßen und Viktoria Rebensburg geht es in den nächsten Monaten vor allem darum, sich zu arrangieren.
„Klar sind wir etwas anderes gewohnt“, sagt Abfahrer Josef Ferstl der Deutschen Presse-Agentur. Er will aber gar nicht lange hadern und betont: „Wir müssen jetzt das Bestmögliche rausholen. Es könnte ja schlimmer sein und wir gar nicht Skifahren dürfen.“ Genauso sieht es der deutsche Alpin-Chef Wolfgang Maier: „In solchen Situation kann man sich aufreiben oder eben sagen, das packen wir jetzt an, wir passen uns an und holen das Maximale aus der Situation heraus.“
Der Deutsche Skiverband (DSV) hat mehrere Herausforderungen zu bewältigen. Zunächst ist die Frage, ob aufgrund der Pandemie 2020/21 überhaupt ein Weltcup-Winter stattfindet. Und wenn ja, welche Rennen ausgetragen und wie viele - etwa wegen eines Zuschauer-Verbots - gestrichen werden. „Wir stellen uns auf jeden Fall auf einen Winter mit Rennen ein. Von dieser Vorstellung rücken wir nicht ab. Sonst bräuchten wir ja gar nicht trainieren“, stellt Maier klar.
Die nächste Aufgabe ist, Trainingsstätten zu finden. Normalerweise stehen im Sommer Konditions- oder Teambuildingmaßnahmen an, in den vorigen Jahren etwa wurde Zypern für Fahrrad-Camps angeflogen. Die wichtigsten Trainingslager für Speed-Fahrer stiegen in Chile, wo der DSV und andere Nationen im August ganze Pisten reservieren konnten. Die Trainingslager in der südlichen Hemisphäre aber wurden abgesagt.
Ersatzweise geht es auf Gletscher in Europa - je nach Schneelagen und Wettervorhersage. In Österreich, Italien, der Schweiz und Norwegen aber sind die Deutschen dann die Gäste und können sich - anders als etwa im fernen Chile - nicht die besten Bedingungen aussuchen. Zum Abfahrtstraining gibt es in Europa nur eine adäquate Sommerpiste in Zermatt. Die idealen Trainingszeiten sichern sich da normalerweise die Schweizer, die Piste wird für die Einheiten perfekt präpariert, die Eidgenossen fliegen sogar mit dem Hubschrauber den Berg hoch.
Solche Privilegien haben die Deutschen nicht. „Aber das ist nicht weiter schlimm, das sind wir gewohnt“, meint Maier dazu. „So sind die Spielregeln, die kennen wir.“ Man muss sich anpassen. Schon im Frühjahr, als die Österreicher und Italiener anfingen auf Schnee zu trainieren, musste der DSV warten, bis die Grenzen wieder aufgemacht wurden und er für seine Teams ein Camp samt komplett reserviertem Hotel auf dem Stelvio-Gletscher in Italien beziehen konnte.
„Durch die ganzen Corona-Beschränkungen hat man nochmal deutlich gesehen, welchen Standortnachteil wir haben“, sagt Maier. Anders als etwa ihre Ski-Nordisch-Kollegen können die Alpinen in Ermangelung hoher Berge und Gletscher hierzulande nicht auf Schnee trainieren - für ihre Einheiten müssen die Rennfahrer teils weit reisen.
Lamentieren bringe aber nichts, meint Kitzbühel-Sieger Ferstl. Der Familienvater (31) nutzte den wegen Corona durcheinandergewirbelten Trainingskalender, zog einen Urlaub vor, baute in seinen Garten einen kleinen Pool ein und ruft sich selbst und seine Kollegen auf: „Jetzt sind wir Sportler halt noch mehr gefordert. Jeder muss sich auf seine vier Buchstaben setzen und sich selbst motivieren.“
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