Der Sudden Death im Eishockey-Finale markierte den Schlusspunkt von 16 schier unglaublichen Olympia-Tagen. Nicht nur für das Eishockey-Team, das sensationell die Silbermedaille gewann. Sondern auch für die gesamte deutsche Mannschaft, die sich vom ersten Moment an in einen wahren Rausch versetzt hat. 31 Medaillen, davon 14 Olympiasiege, Platz zwei im Medaillenspiegel: So gut war Deutschland bei Winterspielen seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Zu verdanken war das vor allem einem sportartenübergreifenden Teamgeist. Und die Eishockey-Mannschaft verkörperte genau diesen Zusammenhalt, selbst im Moment der unglücklichen Niederlage.

Freude und Stolz

In der Verlängerung hatten die Olympischen Athleten aus Russland (OAR) das Gold-Wunder von Pyeongchang verhindert, als sie ein Überzahlspiel clever zum 4:3-Endstand verwandelten. Natürlich flossen bei Torschütze Jonas Müller und Co. kurz Tränen, doch nach kürzester Zeit waren sie schon wieder abgewischt. „Die ersten zehn Minuten waren wir natürlich traurig“, gestand Dominik Kahun: „Aber dann haben wir realisiert, was hier eigentlich passiert ist: Wir haben diese Medaille und die nimmt uns keiner mehr weg“, sagte der Torschütze zum 2:2 und reckte das große Stück Silber stolz nach oben.

Nicht umsonst verdeutlichte Trainer Marco Sturm anschließend noch einmal, wo er und seine 25 Jungs herkamen: „Normalerweise sitzen wir zu Hause und gucken das vor dem Fernseher. Aber wir sind hier“, sagte der Coach lange nach dem nervenaufreibenden Finale immer noch überwältigt und breit grinsend.

Dabei wäre es wohl Gold geworden, wären nur Nuancen gegen die Superstars aus der russischen Profiliga KHL anders gelaufen. Doch die Russen hatten die individuelle Klasse und auch ein bisschen Glück auf ihrer Seite: So fiel das 1:0 für OAR 0,5 Sekunden vor Ende des ersten Drittels. Und 55,5 Sekunden vor dem Schlusspfiff sah Deutschland schon wie der Sieger aus, als der beste Stürmer des Turniers, Nikita Gusev, mit dem 3:3 in Unterzahl die Verlängerung erzwang. Der Knock­out folgte schließlich nach einer harten  Zwei-Minuten-Entscheidung gegen Patrick Reimer.

Dennoch gab es nach der unglücklichen Niederlage gegen den von DEB-Präsident Franz Reindl angekündigten „Achtzylinder mit Allrad“ keine Klagen zu hören. Stattdessen hofft das Dreamteam, dass es durch seine faire Spielweise und natürlich den Erfolg Vorbild für kommende Eishockey-Generationen sein kann: „Ich wünsche mir, dass wieder mehr Leute zum Eishockey kommen, dass dadurch mehr Gelder reinkommen und der Nachwuchs besser gefördert wird“, sagte der zum besten Torwart des Turniers gewählte Danny aus den Birken.

Bodenständig und demütig

Neben Fairness und Teamgeist war da aber auch noch diese unglaubliche Bodenständigkeit, die „Team D“ auszeichnete. So haderte Kapitän Marcel Goc überhaupt nicht damit, dass er am Mittwoch schon wieder in der DEL auf dem Eis stehen muss: „Ich zieh mich einfach um. Hier ist der Bundesadler, dort der Mannheimer Adler – kein Problem.“ Genau mit dieser Unbekümmertheit hatte es das erfolgreichste Olympia-Team der deutschen Eishockey-Geschichte bis in dieses Endspiel geschafft. Und vermutlich wird es genau diese Art sein, an die man sich trotz der Finalniederlage noch in vielen Jahren erinnern wird. Das gilt übrigens auch für die Spieler, wie der von der NHL umworbene Dominik Kahun voller Demut vor seinen Teamkollegen betonte: „Wir werden uns nie vergessen.“

Russland feiert sich selbst


Bis auf die Tatsache, dass die neutrale Flagge gehisst wurde, merkte man eigentlich keinen Unterschied: Als die russischen Spieler mit der Goldmedaille geehrt wurden, feierte  ein riesiger Fanblock mit so viel Weiß-Blau-Rot, wie es nur irgendwie ging. Spieler und Anhänger übertönten die Olympia-Hymnen aus eigener Kraft mit russischer Melodie und Text. Und immer wenn ein Tor für die Olympischen Athleten aus Russland fiel, stimmte die Regie im Gangneung Hockey Center den russischen Klassiker Dorogoi Dlinnoju in der englischen Version „Those were the days“ an. Flaggenverbot hin oder her: Das Eishockey-Finale mutierte zu einer riesigen russischen Party.