Biathlon-Bundestrainer Kirchner über Lillehammer: Blaupause, um Olympia zu retten

Biathlon-Bundestrainer Mark Kirchner schaut auf die Spiele 1994 in Lillehammer zurück und wagt auch einen Blick in die Zukunft der Olympischen Spiele. Foto: Hendrik Schmidt
Biathlon-Bundestrainer Mark Kirchner schaut auf die Spiele 1994 in Lillehammer zurück und wagt auch einen Blick in die Zukunft der Olympischen Spiele. Foto: Hendrik Schmidt © Foto: Hendrik Schmidt
Oberhof / Interview: Volker Gundrum, dpa 07.02.2019

Heute ist Mark Kirchner Biathlon-Chefbundestrainer, vor 25 Jahren trug der siebenmalige Weltmeister bei der Olympia-Eröffnungsfeier in Lillehammer die deutsche Fahne. Die Winterspiele in Norwegen vom 12. bis 27. Februar hat der 48-Jährige in guter Erinnerung.

Vor 25 Jahren haben Sie bei der Eröffnungsfeier die deutsche Fahne getragen. War der Hype damals auch so groß wie heute?

Mark Kirchner: Als Sportler hat man andere Dinge im Kopf. Man bereitet sich auf die Wettkämpfe vor und möchte möglichst gut in Form sein. Irgendwann habe ich erfahren, dass ich einer der Kandidaten sein könnte. Ich habe keine Ahnung, wer gewählt hat oder wie das zustande gekommen ist. Aber es ist eine Ehre, wenn man für Deutschland bei Olympischen Spielen die Fahne tragen darf.

Also ist es keine Belastung?

Kirchner: Das hört man heutzutage ja immer wieder. Aber ich habe das überhaupt nicht als Belastung empfunden. Es war schön und es steht halt immer irgendwo in den Geschichtsbüchern. Du bist immer einer von denjenigen gewesen, die die Fahne tragen durften. So viele gibt es davon ja nicht.

Wie war die Eröffnungsfeier?

Kirchner: Irgendwie lustig. Es gibt immer zwei oder drei Proben für die Fahnenträger. Aber da wir so weit weg in einem Hüttendorf mitten im Wald gewohnt haben, konnte ich da nie teilnehmen. Ich bin einfach immer meinem Vordermann hinterhergelaufen. Es hat auch so alles geklappt.

Heute wäre ihr Verzicht schon im Vorfeld eine Schlagzeile wert gewesen.

Kirchner: Die Zeiten haben sich geändert, das gehört zum Geschäft. Nicht nur die sportlichen Leistungen haben sich verändert. Wir sind professioneller geworden, die Zeit ist schnelllebiger - auch durch Social Media. Alles muss man aber nicht machen.

Aber auch ein Bundestrainer muss mit der Zeit gehen.

Kirchner: Ich weiß, dass es dazugehört. Ich versuche professionell zu arbeiten. Aber ich sage auch: Heutzutage wird vieles sehr, sehr oberflächlich betrachtet. Ich werde meinen Prinzipien treu bleiben und mich nicht verbiegen. Wenn mir die Dinge gegen den Strich gehen oder wenn ich anderer Meinung bin, dann sage ich das. Ich muss nicht auf jeden Zug springen.

Was ist Ihr Grundprinzip?

Kirchner: Wenn man mit mir arbeiten will, dann muss man mich so nehmen wie ich bin. Ich bin nicht immer einfach, habe auch meine Ecken und Kanten. Man muss aber auch die anderen, den Menschen, respektieren. Aber wir sind im Leistungssport, da will man natürlich Erfolg haben und muss dementsprechend zielstrebig und mit Struktur arbeiten. Ich bin jetzt nicht unbedingt einer, der Chef sein will. Ich möchte, dass wir gemeinsam vorwärtskommen. Bei mir darf jeder seine Meinung sagen, auch Kritik üben, wenn sie denn begründet und konstruktiv ist. Denn keiner ist perfekt. Das sind so ein paar Eigenschaften, die mir bis jetzt sowohl in meiner sportlichen Karriere als auch in meiner Trainerlaufbahn nicht geschadet haben. Nur stromlinienförmig kann man auch in unserem Geschäft nicht sein.

Im Sommer sind Sie zum Chef-Bundestrainer befördert worden. Hat Sie das verändert?

Kirchner: Fakt ist, dass ich nun die Verantwortung für die Frauen und die Männer trage - aber den Chef werde ich sicher nicht heraushängen lassen. Ich sehe mich eher als Mentor für meine jungen Trainer-Kollegen. Kristian Mehringer und Florian Steirer halten die Zügel ja selber in der Hand. Die Beiden sind gute Trainer, sie haben ihre Ausbildung gemacht, arbeiten tagtäglich mit den Mädels und machen das gut. Aber falls es doch das eine oder andere Problem geben sollte, egal auf welcher Ebene, dann bin ich da.

Beim Fußball hatte Ihr Bundestrainer-Kollege Joachim Löw einen schweren Sommer. Hat er Ihnen leid getan?

Kirchner: Ja, ein Stück weit.

Warum?

Kirchner: Im Fußball ist das mediale Interesse um ein Vielfaches höher als bei uns. Wenn es nicht funktioniert, stehen die Kritiker schnell auf dem Plan. Aber wer sich ein bisschen mit der Materie beschäftigt hat, der konnte absehen, dass man mit einem Minimum an Aufwand nicht ins Halbfinale kommt. Wenn man in den Vorbereitungsspielen gegen Österreich und Saudi-Arabien nicht überzeugt und gerade so auf dem letzten Hemd über die Runden kommt, dann kann ich auch zur Weltmeisterschaft nicht in Topform sein.

Also sind Fehler gemacht worden?

Kirchner: Ja, auch in der Aufarbeitung. Nach der WM hat es sehr, sehr lange gedauert, bis eine Analyse gekommen ist, bis der Reset-Knopf gedrückt wurde. Wenn die richtigen Schlüsse gezogen worden sind, dann kann es gut gehen. Der Bundestrainer hat mit der Mannschaft alles erreicht, ist Weltmeister geworden. Dann muss man irgendwo auch ein bisschen drüberstehen. Dass es irgendwann mal nicht funktioniert, kann passieren. Aber wenn es nicht funktioniert, muss man sich halt hinstellen und Verantwortung übernehmen.

Auch Sie haben mit Ihrer Biathlon-Mannschaft alles erreicht. Alle haben eine Olympia-Medaille, alle sind Weltmeister.

Kirchner: Da bin ich auch sehr stolz drauf, auch dass ich das als Trainer so miterleben durfte und immer noch darf. Vielleicht kommt noch die eine oder andere Medaille dazu.

Mit Arnd Peiffer und Erik Lesser haben Sie jetzt zwei junge Väter in der Mannschaft. Ändert sich dadurch etwas?

Kirchner: Für die Beiden ist das eine völlig neue Situation. Wir müssen Lösungen finden, damit der Arnd und der Erik noch lange dabei bleiben können und wollen. Dass wir ihnen dabei helfen, Familie und Sport unter einen Hut zu bringen. Das ist nicht immer einfach. Da kommt es auch auf die Einstellung an. Man muss hundertprozentig Bock darauf haben, denn nur so geht es im Leistungssport. Aber wenn am Ende Erfolge und Medaillen eingefahren werden, dann ist das Motivation genug.

Wie lange machen Sie noch weiter?

Kirchner: Ich habe mal gesagt, ich würde gerne bis Olympia 2022 weitermachen. Die WM ein Jahr später in Oberhof, das wäre auch ein Ziel. Vielleicht wäre es ein schöner Abschluss, die WM 2023 in meiner Heimat auch noch als Bundestrainer zu erleben. Aber das lasse ich entspannt auf mich zukommen.

Haben Sie vor 25 Jahren daran gedacht, Bundestrainer zu werden?

Kirchner: Da habe ich auch zwei, drei Jahre später noch nicht daran gedacht. Vielleicht irgendwann einmal 1998, als ich mich nicht für Olympia qualifiziert habe. Da habe ich über die Zukunft nachgedacht - aber als Trainer habe ich mich nicht gesehen. Ich hatte ursprünglich gesagt: Ich will komplett was anderes machen. Dann hat mich Frank Ullrich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, als Trainer zu arbeiten. Danach ging es ganz schnell, ich habe relativ bald mit einer Trainingsgruppe angefangen.

Ist bei Ihren vier Weltmeistern einer dabei, der in Ihre Fußstapfen treten kann?

Kirchner: Den Erik (Lesser, d. Red) könnte ich mir langfristig schon in der Trainer-Rolle vorstellen. Er ist einer, der jetzt schon sagt, wo es lang geht. Er ist ja fast schon unser Sprachrohr. Er macht sich unheimlich viele Gedanken über Trainingsinhalte und Trainingssteuerung. Wenn einer, der Weltmeister ist und Olympia-Medaillen gewonnen hat sich so einbringt, dann tun wir uns als Trainer viel leichter. Dann ist es egal, ob die Sonne scheint oder ob es Bindfäden regnet - im Training geht dann die Post ab, dann ziehen alle mit.

Waren die Lillehammer-Spiele Ihr schönstes Olympia-Erlebnis?

Kirchner: Wenn man das Gesamtbild nimmt mit dem Wetter, mit den Zuschauern, der Wintersport-Affinität der Norweger, dann waren das sehr schöne Spiele. Vielleicht eine Blaupause, wie man die Spiele retten könnte.

Haben Sie eine Idee?

Kirchner: Man sollte die Spiele auf zwei, drei Orte beschränken, die das leisten können und auch leisten wollen, und dann turnusgemäß rotieren. So, dass ein Ort alle zwölf Jahre mit Olympischen Spielen dran wäre. Ein Ort, der dann auch mit Beständigkeit und mit Nachhaltigkeit seine Anlagen erhält und weiterentwickelt, damit nicht immer Neues gebaut und viel Geld investiert werden muss. Das wäre vielleicht ein Weg, wenn man Partner findet und die entsprechende Unterstützung vom IOC bekommen würde.

Sollte sich Deutschland noch einmal um die Spiele bewerben?

Kirchner: Das Image der Spiele ist einfach irgendwie schlecht. Deutschland ist sicherlich ein Standort, der das leisten kann. Aber ob wir das wollen und müssen? Wir haben viele, viele andere Probleme, die wir als hoch entwickeltes Land auch nicht vernünftig gelöst kriegen. Deswegen glaube ich auch, dass viele sagen: 'Ja, da müssen wir uns Olympia nicht auch noch irgendwie antun, wenn es nur Geld kostet und der Kosten-Nutzen-Faktor nicht in einem ordentlichen Verhältnis steht.' Ich glaube, dass diese Einstellung nicht nur in Deutschland so vorherrscht. Der eigentliche Gedanke, der Olympia ausmacht, muss wieder mehr in den Vordergrund rücken.

Trotzdem freuen Sie sich auf Olympia?

Kirchner: Ich sage ja nicht, dass das Event negativ ist. Es wird nur negativ vermarktet, negativ gemanagt. Für einen Sportler ist Olympia das Highlight, ein absolutes Highlight. Olympiasieger ist nun mal etwas was anderes als Weltmeister. Das bringt die Geschichte mit sich.

Skiverband, Profil Kirchner

Olympiamuseum Lillehammer

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