Tagebuch Winterspiele in Südkorea: Das Olympia-Tagebuch

Manuela Harant (34) ist seit 2012 Sportredakteurin der Südwestpresse und bestreitet in diesen Tage ihre ersten Olympischen Spiele. In ihrem Tagebuch blickt sie hinter die Kulissen der Medaillenkämpfe im südkoreanischen Pyeongchang und beschreibt ihre Erfahrungen mit Land und Leuten.
Manuela Harant (34) ist seit 2012 Sportredakteurin der Südwestpresse und bestreitet in diesen Tage ihre ersten Olympischen Spiele. In ihrem Tagebuch blickt sie hinter die Kulissen der Medaillenkämpfe im südkoreanischen Pyeongchang und beschreibt ihre Erfahrungen mit Land und Leuten. © Foto: SWP
Pyeonchang / Manuela Harant 21.02.2018
Sportredakteurin Manuela Harant berichtet von den olympischen Winterspielen in Pyeonchang.

Teil 11: Auf den Hund gekommen

Über die Beziehung zwischen Südkoreanern und Hunden geht hier so manche Schauergeschichte um. Der vermeintlich beste Freund des Menschen steht hierzulande angeblich auf den meisten Speisekarten. Millionenfach sollen die Tiere mit dem treuen Blick gezüchtet werden, allein um in Steak- oder sogar Suppenform die 1700 Hunde-Restaurants in der Hauptstadt Seoul zu beliefern. Nahezu jeder Journalist schreibt hier darüber. Nur: Gesehen oder gar gegessen hat den felligen Kumpel auf dem Teller noch keiner.

Gesichert ist jedoch, dass es noch eine andere Realität gibt – die im Pet-Café „Play Dog“ in Gangneung. Wer hier hereinspaziert, wird von einem Dutzend freundlich bellenden Vierbeinern begrüßt, allesamt Misch­linge, die Café-Betreiber Ho Kim aus dem Tierheim geholt hat. „Ich bin mit Hunden aufgewachsen und liebe sie schon immer“, sagt der Mittdreißiger, der mit seiner Frau den kleinen Laden mit nur wenigen Sitzplätzen und einer großen „Spielwiese“ für Mensch und Tier betreibt.

Ob beim gemütlichen Kaffeetrinken mit dem in Superman-­Shirt gekleideten Mini-Hund oder beim Dressieren von „Sitz“ und „Platz“: Nach einer Stunde im Pet-Café geht einfach jeder gut gelaunt nach Hause. So hat eben jede Medaille zwei Seiten. Und wer Lämmer zu Keulen verarbeitet und Ferkel an Spießen grillt, sollte ohnehin nicht mit dem Finger auf Essgewohnheiten anderer zeigen.

Teil 10: Tägliche Umweltsünden

Da holen wir uns in Deutschland mit dem spülmaschinenfesten Thermobecher den Coffee-to-go und kaufen im Leinenbeutel ein, um ja nicht zu viel Plastikmüll zu produzieren. Und dann kommt man nach Südkorea und sieht, wie die persönliche Öko-Bilanz der vergangenen drei Jahre in drei Wochen komplett den Bach runtergeht.

Beispiel Frühstück: Nicht nur dass man sich Plastikteller, Plastikbesteck und Plastikbecher greifen muss. Vermutlich aus hygienischen Gründen ist das Plastikbesteck auch nochmal einzeln in Plastikfolie eingepackt. Bei der Geschirr-Rückgabe stapeln sich jeden Morgen die Kunststoffberge. Man fragt sich, wo das ganze Zeug entsorgt werden soll. Auch wer nach 14 Tagen seine Klamotten zum Waschen gibt, bekommt sie mit reichlich PVC zurück. Denn jedes Kleidungsstück, sogar jede einzelne Socke ist großzügig in Folie eingewickelt.

Beispiel Badezimmer: Hinweise wie „Legen Sie nur die schmutzigen Handtücher auf den Boden“ sparen sich die Koreaner. Der Zimmerservice ersetzt stets die komplette, mit reichlich Weichspüler behandelte Frotteewäsche durch neue – egal ob sie noch jungfräulich daliegt oder nicht. Selbst im Schrank verstecken bringt nichts, trotzdem gibt’s ein frisches paar Handtücher. Widerstand zwecklos.

Da braucht es nicht einmal die Anti-Umwelt-Politik von US-Präsident Trump, um zu erkennen: Solange wir nicht weltweit in Sachen Umweltschutz an einem Strang ziehen, wird sich auf diesem Planeten leider gar nichts ändern.

Teil 9: Mythologische Maskottchen
Es waren einmal ein Tiger und ein Bär, die lebten in den koreanischen Wäldern. Doch die beiden wollten Menschen sein.So baten sie Hwanung, den Sohn des Himmelsherrn Hwanin, sie zu verwandeln. Hwanung befahl ihnen 100 Tage lang Knoblauch und Beifuß, das erste Kimchi, zu essen sowie das Sonnenlicht zu meiden. Der Tiger gab nach einiger Zeit auf, während der Bär diese zweifelhafte Kur schaffte – und zum Dank in eine Frau verwandelt wurde. Die Bärenfrau wurde allerdings recht schnell traurig, weil sie keine Kinder hatte. Hwanung wurde von ihren Gebeten gerührt und zeugte mit ihr den gemeinsamen Sohn Dangun Wanggeom. Dieser Moment gilt als Gründung Koreas und wird im Süden mit dem Feiertag Gaecheonjeol gefeiert.

Dass Tiger und Bär die Maskottchen der Winterspiele 2018 sind, kommt also nicht von ungefähr, sondern ist untrennbar mit der Geschichte des Landes verbunden. Interessanterweise steht der willensschwächere Tiger für die Olympischen, der beharrliche Bär für die Paralympischen Spiele in Pyeongchang. In jedem Fall ist den Koreanern da eine gute Wahl gelungen, die Mythologie des eigenen Landes mit der Moderne zu verknüpfen. Und vielleicht wäre auch bei der Fußball-WM 2006 in Deutschland ein Bundesadler besser angekommen als das Ladenhüter-Maskottchen Goleo, der Löwe, über den bis heute gewitzelt wird, dass er seine Hose irgendwo vergessen hat.

Das kann Tiger Soohorang, und Bär Bandabi nicht passieren. Die beiden sind bereits nackt – typisch Kuscheltier eben. Der Name des Olympia-­Maskottchens, das hier meist gemeinsam mit seinem paralympischen Vertreter auftritt, setzt sich aus „Sooho“, koreanisch für Schutz, und „rang“, abgeleitet vom koreanischen ho-rang-i für Tiger, zusammen. Der Name soll die Olympioniken, Besucher und alle anderen Teilnehmer der Olympischen Spiele schützen. Auch der koreanische Schwarzbär Bandabi setzt sich aus zwei Teilen zusammen: „Banda“ für die typische sichel­förmige weiße Färbung seines Brustfells und „bi“ für das Zelebrieren der Paralympischen Spiele. Mögen die beiden auch in den nächsten olympischen Tagen und paralympischen Wochen Glück bringen.

Teil 8: Frohes Neues Jahr

Stell Dir vor, Du verschläfst Silvester. So dürfte es in der Nacht von Donnerstag auf Freitag den meisten Nicht-Südkoreanern in Pyeongchang gegangen sein. Beim Frühstück gab’s dann die große Überraschung: „Happy New Year“, sagt die freundliche Empfangsdame Harim Park, die den Wertgutschein für das kontinentale Morgenmahl entgegennimmt.

Moment, es ist doch schon der 16. Februar! Zum Glück ist ein großes Pappschild aufgestellt, auf dem in englischer Sprache die Erklärung steht: Heute ist „Seollal“, der erste Tag des Mondkalenders und zugleich der höchste Feiertag in Korea. Und auch wenn an den zwei Wettkampforten in Gangneung und Pyeongchang alles normal scheint, kleiden sich die Menschen in den Orten abseits von Olympia heute wohl in traditioneller Kleidung und gehen klassischen Ritualen nach.

„Welche Rituale?“, lautet die Frage an Harim Park. Sie lacht verlegen, dann spricht sie etwas auf Koreanisch in ihr Samsung-Smartphone. Ihre beiden Kolleginnen kichern. Schließlich spuckt das Handy in Schriftform  die englische Übersetzung aus: „Ich bete zu Hause und esse Reiskuchensuppe mit meiner Familie.“ Viel Tradition mit viel technischem Schnickschnack erklärt. Das ist typisch Südkorea.

Auf die Frage, ob es hier auch Silvesterpartys gibt, erntet man allerdings nur fragende Gesichter und wieder dieses verlegene Kichern, das für das in Südkorea fast unaussprechliche „Nein“ steht. Na, dann war das mit dem Verschlafen ja gar nicht so schlimm.

Teil 7: Die künstliche Intelligenz
Staubsauger-Roboter sind unheimlich praktisch. Während man gemütlich vor dem Fernseher sitzt, macht Robi fleißig den Boden sauber. Obwohl die Dinger ein halbes Vermögen kosten, erobern sie die deutschen Wohnzimmer. Bis 2019, so die Prognose, sollen 31 Millionen Roboter in der Bundesrepublik im Haushalt helfen.
Die Südkoreaner sind da schon einen Schritt weiter. Im roboterreichsten Land der Welt übernimmt die künstliche Intelligenz schon viele, mehr oder minder nützliche Aufgaben. Getränke servieren zum Beispiel. Wer an der Bar ein Wasser bestellt, der bekommt zwar vom Mann hinter dem Tresen (ja, den gibt es zusätzlich auch noch!) ein freundliches Lächeln. Statt die Flasche  jedoch aus seiner gut bestückten Bar zu kramen, zeigt er auf einen wenige Meter entfernten Roboter. Der kleine Kerl ist rot und weiß angestrichen, knapp über dem Boden hat er LED-Lichter, die ähnlich wie bei K.I.T.T. in Knight Ryder hin- und herschwenken. Der Robo-Kellner rollt auf seinen Gast zu, bleibt stehen und öffnet seine Schleuse. Zehn Wasserflaschen à 0,5 Liter kann das Gefährt mit einer Maximalgeschwindigkeit von 1,8 km/h transportieren. Wer zugreift, fühlt sich irgendwie seltsam, hat man doch tatsächlich gerade mit einem Roboter kommuniziert. Dass der verwirrende Vorgang fast eine Minute in Anspruch nimmt, während der Kellner nur einen Bruchteil benötigt hätte, lässt ein wenig am Konzept zweifeln.

Achtung: Diese Fische sind nicht echt!
Achtung: Diese Fische sind nicht echt! © Foto: Manuela Harant


Doch es geht noch doller: Zur Verschönerung des Medienzentrums tummeln sich Roboter-Fische in einem Aquarium. Koi-Karpfen und Doraden schwimmen da friedlich zwischen Orcas und Zitronenfischen. Schon allein das entbehrt jeder Logik. Dass sie dann aber auch noch an der Wasseroberfläche regelmäßig nach Luft schnappen, spricht entweder für eine sehr schlechte Wasserqualität oder fehlendes Fachwissen der Elektro-Fisch-Produzenten. Unter Tierschutzaspekten aber eine super Sache. Und irgendwie auch schaurig.
Bleibt nur zu hoffen, dass die automatisierten Geräte weiterhin für diese eher sinnlosen Ersatzbeschäftigungen eingesetzt werden und nie recherchieren, selektieren und schreiben lernen. Sonst werden sich Robi und seine Freunde vielleicht an den Journalisten rächen, die sich jetzt über sie lustig machen.

Teil 6: Mit Sicherheit freundlich

Die Show bei der Sicherheitskontrolle ist gigantisch. Sobald sich jemand dem Eingang nähert, erscheint die OAIC (Olympic Accreditation Identification Card) auf einem riesigen Flachbildfernseher. Dann trennen sich die Wege von Mensch und Gegenständen (Laptop, Handy und Co.) Richtung Körperscanner und Röntgengerät. Das scheint es aber schon gewesen zu sein an Sicherheitsmaßnahmen bei der weltgrößten Sportveranstaltung. Denn das Sicherheitspersonal in Pyeongchang ist extrem entspannt. Winterjacken und Mäntel, seien sie noch so dick, kann man getrost anlassen. Und wenn der Körperscanner doch mal piept, fährt die freundliche Dame mit ihrem Metalldetektor in so weiter Entfernung um den Körper, dass der gar nicht anschlagen kann (getestet mit einer Menge Münzen in den Hosentaschen).

Ob es am Norovirus liegt, oder an der bekannten koreanischen Scheu vor der Berührung anderer – die Zurückhaltung des Sicherheitspersonals ist angesichts der Brisanz der Veranstaltung beeindruckend. Auch die Polizei hält sich vornehm zurück, unter ihrer Uniform nicht einmal eine Schusswaffe zu erkennen. Stattdessen gibt es für jeden Blickkontakt ein freundliches Lächeln – auch wenn das Gegenüber wegen der Eiseskälte komplett vermummt ist.

Interessanterweise fühlt es sich dadurch nicht unsicherer, sondern nur entspannter an, durch die Sportstätten zu schlendern. Denn Korea gehört zu den sichersten Ländern der Welt. Die Botschaft von seinem außergewöhnlich friedfertigen Volk ist angekommen.

Empfang für den Gold Helden vom #teamdeutschland

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Teil 5: Grüße aus der Kältekammer
Als seriöser Journalist setzt man sich hehre Ziele. Eins davon lautete: In der Kolumne bloß nicht übers Wetter schreiben! Darüber spricht man in der Regel nur, wenn einem gar nichts mehr einfällt. Doch wie so oft kommt vor Ort alles anders. Der Wind und damit das Wetter von Pyeongchang sind so außergewöhnlich, dass es wohl ebenso wie die Olympiasieger auf ewig in den Geschichtsbüchern der Winterspiele in Südkorea eine große Rolle spielen wird.

Silberne Sektdusche: Skispringerin Katharina Althaus im #deutschenhaus

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Stellen Sie sich vor, Sie blicken bei bestem Wetter aus dem Fenster, es ist herrlicher Sonnenschein, es liegt noch nicht einmal Schnee. Dann setzen sie ihren ersten Fuß vor die Tür, und dann kommt diese Böe, die einem sprichwörtlich das Lächeln einfrieren lässt. Da können Sie sich noch so gut präpariert haben, mit Zwiebelprinzip, Handwärmern, Sturmmaske und Co.: Irgendwo zieht’s immer durch. „Windchill“ heißt das hier, also die gefühlte Temperatur, wenn man mal wieder so richtig angeblasen wird. Gerade bei den Abendwettkämpfen geht die so genannte „gefühlte Temperatur“ hier stramm Richtung -30 Grad.  Dabei fühlt hier kaum einer mehr was.

Wenn ein Biathlet wie Dominik Windisch sich sogar jeden einzelnen Finger abklebt, damit der Wind, dessen Freund er doch eigentlich sein müsste, nicht durch seine Handschuhe dringt, dann weiß man, welches Stündchen hier geschlagen hat: Der schöne Schein der Spiele, er trügt. So, wie im Fernsehen immer nur dieser eine volle Rang gezeigt wird, so scheint hier nur optisch die Sonne.

Einen Vorteil hat das Gebibber jedoch: Endlich darf man sich wie ein echter Polarforscher fühlen. Grüße aus Koreas Kältekammer!

Teil 4: Kampf gegen die Seuche

Vor dem Speisesaal bildet sich eine lange Schlange. Eigentlich will ich ja nur Frühstücken, aber so einfach ist das in diesen Tagen nicht. Denn erst gilt es die Quarantäne zu passieren. Ohne gründliche Hände-Desinfektion kommt hier keiner weiter. Der Grund: Ein Norovirus geht um!

In Sachen Epidemie-Kommunikation sind die Koreaner vorbildlich: Jeden Morgen informiert das Organisationskomitee im „Statement zum Norovirus“ per E-Mail über den aktuellen Stand. Die Zahlen zur Seuche: Erst 43 Fälle in Pyeongchang, dann 111, und gestern 177. 19 Neuerkrankungen in den vergangenen 24 Stunden, 11 in Pyeongchang und 5 in Gangneung, wo ich wohne.

Die Einschläge kommen näher: Mehrere Volunteers wurden schon vom Deutschen Haus abgezogen, außerdem hat es jetzt ein paar österreichische Journalistenkollegen erwischt. Da scheint es nur eine Frage der Zeit bis zum ersten deutschen Fall. Möge dieser Kelch an mir vorübergehen!

Weil mich der Virus nämlich vor gut zehn Jahren schon einmal erwischt hat, weiß ich, was potenziell auf mich zukommt: Ein Ritt durch die Übelkeitshölle mit heftigen Kopfschmerzen, Fieber und weiteren Ekelhaftigkeiten, die der fiese Erreger für seinen Wirt parat hat. In den seltensten Fällen tödlich, aber wirklich nicht vergnügungssteuerpflichtig. Und so freue ich mich gerade über dieses Kratzen im Hals, das mich seit der eisigen Eröffnungsfeier begleitet. Denn das wird höchstens eine ordentliche Erkältung, aber die nehme ich gerne in Kauf für Norovirus-arme Spiele.

Teil 3: Nächtlicher Notfall
Sonntag, 11. Februar 2018, 5.11 Uhr. Mein Smartphone mit der koreanischen Sim-Karte vibriert und gibt einen Sirenenton von sich. Vor zwei Stunden siegestrunken nach den ersten beiden Goldmedaillen dieser Spiele gerade erst eingeschlafen, schrecke ich hoch. Ein Griff zum Handy, ein Blick: „Notfallhinweis“. Dann jede Menge koreanischer Schriftzeichen, unterbrochen von den Zahlen 02.11, 5:03, 5 km und 4.6.
Sofort schießen tausend Gedanken durch den Kopf: Findet gerade ein Terroranschlag statt? War Kim Jon-un der Handschlag seiner Schwester mit Südkoreas Präsident zu viel und er schickt doch eine Atombombe hierher, um sie zu vernichten – und mich gleich mit? Oder brennt es in dem 23-stöckigen Hochhaus, in dem ich gerade noch selig geschlafen habe?

Warnmeldung aufs Handy
Warnmeldung aufs Handy © Foto: Manuela Harant


Sofort steigt ein Anflug von Panik hoch, ich stehe senkrecht im Bett, mein Kopf wird heiß, mein Magen zieht sich zusammen. Ich analysiere jedes Geräusch im Haus, warte jeden Moment auf das Heulen einer Sirene. Doch nichts dergleichen passiert. Und die koreanische Schrift lässt sich nicht in einen Online-Übersetzer kopieren.
Also kann nur noch Google helfen. Dort erfahre ich zwar nicht, was genau in der Nachricht stand, doch das, was mir diesen zweifelhaften Adrenalinstoß versetzte, war das „Korea Emergency Alert System“ der Regierung. Es soll die hiesige Bevölkerung vor Katastrophen warnen. Was ich bis dahin nicht wusste: Die Warnungen gehören hier zum Alltag. Wie mir später freundliche Koreaner erklären, handelte es sich in meinem Fall nur um ein Erdbeben der Stärke 4,6 im Süden des Landes. Zu spüren war hier nichts davon.
Schon am Donnerstag hatte das „KEAS“ im olympischen Mediendorf bereits für Aufregung und Verunsicherung unter den ausländischen Gästen gesorgt. Nur dass ich da noch nicht in Pyeongchang gelandet war. Und trotz der beruhigenden Recherche war an Schlaf nun nicht mehr zu denken.
Letztlich bin ich nur froh, dass in Deutschland ein solches System noch verboten ist - und hoffentlich nie zum Einsatz kommt. Denn lieber das Leben bis zum letzten Atemzug genießen als durch ständige Notfallhinweise um ein ruhiges, sorgenfreies Dasein gebracht zu werden.

Teil 2: Gut gekürzt ist halb gewonnen
Ich weiß nicht, ob es am Umstand liegt, dass ein koreanisches Schriftzeichen gleich für eine ganze Silbe steht, oder ob es den Organisatoren der Olympischen Winterspiele einfach praktisch erschien. Aber wer sich in Pyeongchang zurechtfinden will, der braucht vor allem zwei Dinge: Das vom koreanischen Komitee zur Verfügung gestellte Glossar und ein bisschen Phantasie. Denn ohne Abkürzungen geht hier gar nichts.

So steht PVC in Deutschland für den Kunststoff Polyvinyl­chlorid, in Olympia-Sprech ist es dagegen – na, das ist doch jedem klar – die Abkürzung für die unabdingbare Pre-Valid Card, die erstmalig zum Eintritt ins olympische Mediendorf berechtigt. Alternativ ist auch das OAIC als Ausweisdokument gültig, dann aber bitte mit GMV. Wer mit einem Fahrzeug anreist, sollte unbedingt ein VAPP dabei haben, am besten mit P4 für dauerhaftes Parken, zur Not tut es aber auch PX VAPP. Um es nicht unnötig kompliziert zu machen, verzichte ich hier mal auf das Ausschreiben der Abkürzungen, und wen das stört, der kann sich ja beim POCOG beschweren. Alles klar?

Dann fahre ich jetzt als frisch registrierter E (Journalist) mit dem TM (Media Transport System) – oder auch einfach BUS genannt – zum VAO (Venue Accreditation Offices) im JAL (Jeongseon Alpine Center). Dort gehe ich ins MPC (Main Press Center) und verbinde meinen PC (Computer) am WIPS (Wireless Intrusion Prevention System), damit Sie die Zeilen über die Eröffnungsfeier im POS (Pyeongchang Olympic Stadium) auch erreichen.

Teil 1: Paiting Korea! Anfeuerung auf Koreanisch
Lange haben die Südkoreaner darauf hingefiebert, jetzt ist es endlich soweit: Am Freitagabend wird die große Olympia-Sause eröffnet. Und in den folgenden Tagen wird auch endlich die Frage beantwortet, ob die Menschen auf der Halbinsel etwas mit Skifahren und -springen anfangen können und ihre Sportler nicht nur auf dem Eis anfeuern. Dies und weitere Auffälligkeiten aus dem zweiwöchigen Aufenthalt in der Provinz Gangwon, mehr als 10.000 km von zu Hause entfernt, werden Sie hier zu lesen bekommen. Dabei ist der Name des Tagebuchs Programm: Paiting Korea! Ich gehe davon aus, dass mir dieser Ausdruck aus hunderten Koreaner-Kehlen, des Öfteren in Pyeongchang begegnen wird. Denn was bei uns das „Hopp, hopp“ oder „Auf geht’s“ ist, das ist beim sportverrückten Asiaten das „Paiting!“.

Wie das dann in Schriftzeichen aussieht, ist jedoch völlig egal, denn das Wort kommt eigentlich gar nicht aus Asien. Die Koreaner haben nämlich, wie wir Deutschen auch, ihre Anglizismen. So hat sich das englische Wort „Fighting“ über die Jahre „eingekoreanischt“. Und weil es die Koreaner nicht so mit F-Wörtern haben wurde daraus „Paiting!“. Offiziell nennt man das dann Konglisch.

Wenn Sie sich dieser Tage also auch mal fragen, was die euphorischen Zuschauer da so ihren Landsleuten beim Shorttrack zurufen, wenn es wieder schrill und laut ist – jetzt wissen Sie es. Und auch ich kann sicherlich in den kräftezehrenden Olympia-Wochen das eine oder andere „Paiting!“ gebrauchen.

Info: Manuela Harant (34) ist seit 2012 Sportredakteurin der Südwestpresse und bestreitet in diesen Tage ihre ersten Olympischen Spiele. In ihrem Tagebuch blickt sie hinter die Kulissen der Medaillenkämpfe im südkoreanischen Pyeongchang und beschreibt ihre Erfahrungen mit Land und Leuten.

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