Dass der Deutschland-Achter bei der Ruder-Weltmeisterschaft in diesem Jahr wieder "nur" Zweiter hinter Großbritannien wurde, bedeutet für den Ulmer Maximilian Reinelt noch mehr Arbeit. "Sicher werden die Einheiten bis zu Olympia in Rio dadurch eine Spur intensiver", sagt der Ruderer aus Ulm. Als Spitzensportler und Medizinstudent ist er es gewohnt, häufig über den toten Punkt hinauszugehen. "Wer Studium und Leistungssport unter einen Hut bringen will, muss bereit sein, nachts zu lernen und wenig zu schlafen", sagt der 27-Jährige, der 2012 im Gold-Achter von London saß. "Es ist ein persönlicher Kampf, aber am Ende zählen nur die Ergebnisse." Beim Achter ist es extrem. Auch wenn sechs Boote im Finale rudern, geht es immer nur um eines: Gegen Dauerrivalen Großbritannien gewinnen oder verlieren. "Wenn wir Zweiter werden, interessiert es keinen, ob wir in der Zwischenzeit tolle Studienergebnisse erreicht haben", sagt Reinelt, der sich mit der Unerbittlichkeit des Leistungssports abgefunden hat.

Seit Jahren holt er das Maximum aus jedem Tag heraus. Dabei hat sich Reinelt auch noch für eines der schwersten Studienfächer, die Medizin, entschieden. So beginnt der typische Tag in der dualen Karriere um 6 Uhr morgens und dauert bis spät in die Nacht. Dazwischen pendelt der Spitzensportler und Student zwischen Ruhr-Uni Bochum und Olympiastützpunkt Dortmund, zwischen Bibliothek, Krankenhaus und Dortmund-Ems-Kanal.

Seit Juni hat der 27-Jährige das Studium unterbrochen, um sich voll auf Rio 2016 vorbereiten zu können. Danach gehts mit der Doppelbelastung weiter, mit 30 will er auf die Zielgerade einbiegen und das 2. Staatsexamen angehen. Das Problem: Während der Studienpause geht wichtiges Wissen verloren. "Man vergisst schon viel in der Zeit, deshalb habe ich trotzdem immer das eine oder andere Medizin-Buch dabei." Doch auf Großereignisse wie eine olympische Regatta müssen sich Spitzensportler fokussieren, um das Maximum aus sich herauszuholen.

Die Doppelbelastung aus Hochleistungssport und Studium ist auch für Säbelfechter Max Hartung ein ewiger Balanceakt. Der WM-Dritte bekam nach seinem Viertelfinal-Aus bei den Olympischen Spielen in London zum ersten Mal "ein bisschen Schiss". Drei Jahre hatte er nichts in seine Bildung investiert. Hartung fing an, an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen Soziologie, Politik und Wirtschaft zu studieren - rund 600 Kilometer vom Trainingsort Dormagen entfernt. "In Friedrichshafen habe ich jetzt allein trainiert, ohne Trainer", erklärt Hartung. "Das ist schwer. Da muss ich mir selbst immer wieder in den Hintern treten."

Bis zu den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro fühlt er sich finanziell gut aufgestellt. Die Deutsche Sporthilfe nahm den Medaillenkandidaten ebenso wie Reinelt ins ElitePlus-Programm auf und fördert ihn in den 18 Monaten vor Olympia mit monatlich 1500 Euro. Hinzu kommen 400 Euro als Stipendium für studierende Topsportler. Insgesamt unterstützt die Sporthilfe rund 3800 Athleten. Normal seien gut 600 Euro für eine 60-Stunden-Woche, sagt der Vorstandsvorsitzende Michael Ilgner. In anderen Ländern werden herausragende Erfolge fürstlich belohnt. Der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, Michael Vesper, hält das für keine Option. "Wir wollen keinen Staatssport", betont er.

Auch Reinelt würde am aktuellen Förderungssystem nichts ändern. "Es rudert ja keiner schneller, nur weil im Ziel ein Porsche auf den Sieger wartet", meint der Ulmer. "Es ist viel wichtiger den Sportler auf dem Weg zum Erfolg zu unterstützen als danach. Denn das ist viel schwieriger." Hartung dagegen fürchtet einen Nachteil durch die duale Karriere und den damit verbundenen späten Berufseinstieg: "Eine Karriere im Fechten kann locker bis Mitte 30 dauern, und selbst wenn man dann fertig studiert hat, muss man sich erst mal was einfallen lassen, um den Arbeitgeber von sich zu überzeugen."

Dieses Problem wird Reinelt als gefragter Mediziner später wohl nicht haben. Doch auch er wird wohl erst mit Anfang 30 die ersten Patienten eigenverantwortlich behandeln. "Bei den schwerwiegenden Entscheidungen, die Ärzte zu treffen haben, schadet eine gewisse Lebenserfahrung allerdings auch nicht", meint der Ulmer. Wer im Sport bewiesen hat, dass er zu den Besten gehört, der könne das zudem auf die Zeit nach der sportlichen Laufbahn übertragen. "Ich glaube, wer viel investiert in seinem Leben, der wird auch viel ernten", so Reinelt. Der hohe Aufwand wird sich langfristig auszahlen, so die Hoffnung aller studierenden Sportler. Ob die Rechnung aufgeht, zeigt sich hinterher. )