Ulm Turnen in Ulm: Zu erfolgreich

Janine Berger bei ihrem EM-Sprung in Sofia. Seit die 18-Jährige so richtig erfolgreich ist, gibt es vom DTB keine Unterstützung mehr.
Janine Berger bei ihrem EM-Sprung in Sofia. Seit die 18-Jährige so richtig erfolgreich ist, gibt es vom DTB keine Unterstützung mehr. © Foto: dpa
Ulm / MANUELA HARANT 07.06.2014
Das Ulmer Kunstturn-Leistungszentrum hat Janine Berger von Kindesbeinen an bis heute zu einer der besten Sprungspezialistinnen der Welt geformt. Fördergelder vom Turner-Bund gibt es dafür aber nicht mehr.

Janine Berger, jüngste deutsche Olympia-Teilnehmerin 2012, ist der ganze Stolz des SSV Ulm 1846 und des Ulmer Kunstturn-Leistungszentrums - kurz LZ Ulm. Die Sprungspezialistin gehört zu einer Handvoll Athletinnen weltweit, die den Tsukahara mit Doppelschraube und Handstandüberschlag mit eineinhalbfachem Strecksalto beherrschen. Bei Olympia in London wurde sie völlig unerwartet Vierte.

Um Erfolge wie diese zu ermöglichen, bezahlt das LZ Ulm zwei Profi-Trainer und hat in der Kuhberghalle von der Bodenfläche über mehrere Schwebebalken bis zur Schnitzelgrube optimale Trainingsbedingungen zur Vorbereitung auf internationale Wettkämpfe geschaffen. Daneben ist der SSV 46 fester Bestandteil der 1. Kunstturn-Bundesliga - und das fast ausschließlich mit Eigengewächsen, die unter 18 Jahre alt sind. Dennoch erhalten die Ulmer seit vergangenem Jahr keine Unterstützung mehr vom Deutschen Turner-Bund (DTB).

LZ-Leiter Gerd Nolte meint, dass die Interessen der DTB-Führungsriege über die seiner Sportlerinnen gestellt werden. "Im Moment tut der DTB alles dafür, um Janine Berger von Ulm abzuwerben und ins Bundesleistungszentrum nach Stuttgart zu holen", stellt Nolte fest. So darf Bergers Heimtrainer Gabor Szücs, der die heute 18-Jährige vor zwei Jahren zu Olympia gebracht hat, seine Sportlerin bei Wettkämpfen wie der EM vor vier Wochen im bulgarischen Sofia nicht mehr betreuen. Stattdessen gibt jetzt Bundestrainerin Ulla Koch der gebürtigen Bubesheimerin Hilfestellung im Training und bei den Probesprüngen. Berger zeigte den Tsukahara nur mit einfacher Schraube, patzte bei der Landung und wurde Fünfte.

Nolte ist überzeugt davon, "dass mit Gabor Szücs mehr drin gewesen wäre, vielleicht sogar eine Medaille". Seine Begründung: "Bei so einem Sprung muss alles passen. Es geht um über Jahre einstudierte Abläufe. Wenn da nur Kleinigkeiten verändert werden, kann sich das ganz stark auswirken." Janine Berger telefonierte täglich mit ihrem Coach, doch die Sicherheit für die Doppelschraube konnte er ihr ins 1500 Kilometer entfernte Sofia nicht übermitteln. Nolte ist froh, dass seine Sportlerin das Risiko eines Sturzes zugunsten eines höheren Schwierigkeitsgrades nicht eingegangen ist. "Trotzdem bedeutete der Trainerwechsel ein erhöhtes Risiko für unsere Turnerin. Und das wollen wir uns nicht bieten lassen."

Nolte glaubt, der DTB wolle künftige Erfolge der Ulmerin für sich verbuchen. Deshalb habe der Turner-Bund auch darauf gedrängt, dass die Ulmer Schülern vom Anna-Essinger-Gymnasium in das Sportinternat am Olympiastützpunkt in Stuttgart wechselt - und das, obwohl Berger nur noch ein Jahr vom Abitur entfernt ist. "Wir haben uns das alles in Stuttgart angeschaut, sind aber gemeinsam mit Janines Eltern zu dem Schluss gekommen, dass es nichts Besseres gibt, als zu Hause zu wohnen und in der gewohnten Umgebung die Schule fertig zu machen", so Nolte. "Die Geräte hier sind gut genug und ich behaupte, ein besseres Training als bei Gabor Szücs und Kristina Premusz gibt es für Janine nicht."

Und da wäre Nolte schon beim nächsten Ärgernis: Der Verein stellt seinen Trainer Szücs regelmäßig für die Bundeskader-Lehrgänge ab, erhält aber weder eine Entschädigung dafür noch eine Förderung für seine international erfolgreichen Athletinnen. Bis zum 16. Lebensjahr von Janine Berger waren das noch 3500 Euro pro Jahr, für sie und die zwei Jahre jüngere Teamkollegin Jannika Greber. Doch seit Bergers Aufstieg in die Nationalmannschaft ist die Förderung dahin. "Es gibt nur Geld, wenn wir zwei C-Kader-Athletinnen haben. Jetzt haben wir eine B- und eine C-Kaderathletin und bekommen gar nichts mehr. Das entbehrt jeglicher Logik", sagt Nolte. Janine Berger ist also zu erfolgreich, um gefördert zu werden. Das Geld wäre unter anderem für Fahrten zu Wettkämpfen und die Instandhaltung der Geräte verwendet worden. Durch die Veranstaltung des Bundesliga-Wettkampfes hat Nolte versucht, die fehlende Unterstützung auszugleichen, "aber soviel kam dabei auch nicht rein".

Geplant ist nun, dass Janine Berger noch das eine Jahr bis zum Abitur in Ulm bleibt. Dann wird neu überlegt, wie und wo es für die Sprungspezialistin auf dem Weg nach Rio 2016 weitergeht. Nolte hofft, dass zumindest bis zur WM in China ihr Heimtrainer wieder mitreisen darf - und der Ulmerin wieder Selbstvertrauen für den schweren Sprung geben kann. Dann wäre auch eine Medaille drin.

Bergers WM-Fahrplan

Der Höhepunkt des Jahres für Janine Berger werden die Weltmeisterschaften im Oktober in China sein. Der Fahrplan dorthin:

2. August 1. WM-Qualifikation (intern)

23./24. August DM in Stuttgart

20./21. September Deutsche Mehrkampfmeisterschaften in Einbeck

27./28. September Deutschland-Pokal in Heidelberg

3. - 13. Oktober WM in Nanning/China

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