Triathlon Triathlon: Ganz dicht an der magischen Marke

Kailua-Kona / dpa 15.10.2017
So schnell wie Partick Lange war noch nie ein Ironman auf Hawaii. Der 31-Jährige schafft die Tortur beinahe unter acht Stunden. Rückenprobleme werfen Titelverteidiger Jan Frodeno weit zurück.

Mehr Drama geht kaum. Patrick Lange war kurz vor der Aufgabe, aber der Wille siegte. Titelverteidiger Jan Frodeno konnte auch nicht mehr, der Rücken schmerzte stark, und doch: er schleppte sich beim Ironman weiter. Weit über eine Stunde nach dem Hula-Hula-Siegertänzchen auf wackligen Beinen von Streckenrekordmann kam der  entthronte Titelverteidiger ins Ziel und hatte nur noch einen Wunsch. „Ich brauch‘ ein kaltes Bier“, japste Frodeno. An einem der bittersten Tage in der Karriere des Olympiasiegers von 2008 und Ironman-Champions von 2015 und 2016 setzte Landsmann Lange die deutsche Siegesserie auf Hawaii fort. „Es gibt nichts Größeres für mich“, sagte er überglücklich.

Immer wieder stockte die Stimme des 31-Jährigen. „Ich kämpfe mit den Tränen. Seit ich ein kleiner Junge bin, träume ich davon.“ Zu heftig war dieser Wettkampf, körperlich, mental, emotional. „Du läufst hier raus und du hast am ganzen Körper Gänsehaut, einen Kilometer später denkst du dir: Ich springe gleich ins Meer, weil du einfach nur fertig bist“, sagte Lange.

Er verwies den Kanader Lionel Sanders auf Rang zwei, Dritter wurde der Brite David MacNamee. Sebastian Kienle aus Mühlacker in Baden-Württemberg, neben Frodeno der zweite deutsche Top-Favorit, konnte auf den letzten Kilometern Langes und MacNamees Attacken nicht kontern und wurde  Vierter. Er hatte 2014 die Serie deutscher Siege eingeleitet, 2015 und 2016 gewann Frodeno. Lange ist nach Thomas Hellriegel (1997), Normann Stadler (2004 und 2006), seinem jetzigen Trainer Faris Al-Sultan (2005), Kienle und Frodeno der sechste Deutsche, der auf Hawaii siegt. So schnell wie Lange, der sich vergangenes Jahr bereits den Laufrekord über den abschließenden WM-Marathon gesichert hatte, absolvierte noch nie ein Athlet seit der ersten Ausgabe des Rennens 1978 die 3,8 km Schwimmen, 180,2 km Radfahren und 42,195 km Laufen: 8:01:40 Stunden hieß es nachträglich. Eine Sekunde wurde am Ende noch addiert bei der finalen offiziellen Zeit.

Um Sekunden ging es bei Frodeno nicht mehr. Mit schmerzendem Rücken schleppte sich der gebürtige Kölner nach 9:15:44 Stunden ins Ziel. „Es war ein harter Tag“, sagte Frodeno. „Ich weiß auch nicht, was da los war“, sagte er zu den Problemen, die ihm nach dem Wechsel auf die Laufstrecke so schwer zusetzten.

Frodeno schrie kurz auf, musste sich setzen, nahm sein Kappe ab, verzog das Gesicht vor Schmerzen. Er sprach mit seiner Frau, der 2008-Olympiasiegerin Emma Snowsill. Frodeno versuchte, die Rückenmuskulatur irgendwie zu lockern. Langsam ging er nach einer Pause wieder los, klatschte die Konkurrenten ab, die Alterklassenathleten schauten verdutzt auf den gehenden Superstar der Szene. Für eine Tänzerin im Baströckchen hatte Frodeno sogar noch ein Lächeln parat. Im Ziel nahm er es mit Galgenhumor: „Das bleibt einem auch als Weltmeister nicht erspart, den Vier-Stunden-Marathon halt irgendwann mal erlebt zu haben.“

Als Vierter war Frodeno vom Rad gestiegen, die drei vor ihm unterboten allesamt den bis dahin geltenden Rekord von Normann Stadler bei dessen Sieg 2006 (4:18:23). Der Australier Cameron Wurf – ehemaliger Olympia-Teilnehmer im Rudern und Ex-Radprofi – hatte die Führung erstmals nach der Hälfte der 180 Kilometer übernommen. In 4:12:54 Stunden pulverisierte der 34-Jährige Stadlers Bestmarke.

Ein Läufer mit „Turbo“

Aber auch Sanders in 4:14:18 und Kienle in 4:14:57 blieben noch deutlich unter Stadlers Zeit. Doch war es ein Kraftakt, der sich für jene beiden rächen sollte. Sie waren mit über sechseinhalb Minuten auf die Spitze aus dem Wasser gekommen, Frodeno war auf Platz zwei noch im Plan. Nur eine Momentaufnahme. Nachdem Lange, der WM-Dritte von 2016 aus Bad Wildungen, am Ende den lange auf Platz zwei liegenden 33 Jahre alten Kienle überlaufen hatte, schnappte er sich dann wenige Kilometer vor dem Ziel auch noch Sanders.

Mit Extremsport gegen Drogen und Alkohol

Zweiter auf Big Island wurde der 29 Jahre alte Kanadier Lionel Sanders. Er zählte zu den Mitfavoriten, obwohl sein Leben früh außer Kontrolle geriet. Es begann gegen Ende der High-School-Zeit. Sanders nahm Drogen, konsumierte viel Alkohol. Er sei ernsthaft phobisch, depressiv und paranoid geworden, erinnert sich Sanders. Er wollte seinem Leben damals sogar ein Ende setzen, machte es aber nicht. Vor seinem Absturz schon ein vielversprechender Läufer beginnt er wieder mit dem Sport. 2010 bestreitet Sanders seinen ersten Ironman. Es ist der Start in eine Erfolgsstory.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel