Es herrscht Hochbetrieb auf den Loipen im Langlaufstadion Reit im Winkl. „Was ist das nur für ein überragendes Wetter“, freut sich Tobias Angerer, Olympia-Medaillengewinner von 2002, 2006 und 2010. Ungeachtet der vielen Anfängerkurse um sich herum, schnallt sich der 40-Jährige die Fellski unter die Füße und läuft los. Was für den Laien selbstverständlich ist, stellt für den Sportler eine Besonderheit dar. „Einfach loszulaufen, ohne sich vorher übers richtige Wachs Gedanken zu machen, ist vor allem für Breitensportler und Nachwuchsläufer eine Erleichterung“, so der Oberbayer.

Auf die Idee, die mit einem Fellbelag versehenen Bretter von Atomic für das Training und die Rennen mit den Nachwuchs-Langläufern in der Region zu nutzen, kamen der dreimalige Olympiateilnehmer Angerer und die Trainerteams im Chiemgau vor allem aus praktischen Gründen. „Für 40 Kinder die Ski zu wachsen, das ist der Wahnsinn. Zeitlich und auch finanziell. Dabei wollen sich die Kids doch einfach auf die Ski stellen und loslaufen.“

Das Fell unter den Brettern ersetzt das Wachs, und zwar bei jeden Temperaturen und Schneeverhältnissen. Das erleichtert nicht nur wegen der besseren Griffigkeit im Schnee das Erlernen der klassischen Langlauf-­Technik: „Dadurch hat jedes Kind das gleiche Material, unabhängig vom finanziellen oder zeitlichen Engagement der Eltern“, sieht Angerer den großen Vorteil des seit 2010 ursprünglich für Breitensportler entwickelten Skibelags. „Dadurch gibt es enge Rennen, es gewinnt immer mal ein anderer, und die Kids haben viel mehr Spaß,“ sagt Angerer, der es vor der Fellski-Einführung auch schon anders gesehen hat: Denn die Materialschlacht im Leistungssport beginnt sonst schon in den untersten Altersklassen, wenn Eltern oder Trainer ihren Schützlingen mit teuren Wachsen oder Schliffen Vorteile verschaffen wollen.

Davon hält Tobias Angerer, selbst Vater eines talentierten Nachwuchsläufers, gar nichts. „Mein Sohn Jonathan soll nie irgendeinen Druck verspüren, sondern immer nur aus eigenem Antrieb und Spaß am Sport langlaufen. So war es bei mir auch, und so will ich es auch bei meinen Kindern halten“, sagt der Traunsteiner, der mit der ehemaligen Langläuferin und Biathletin Romy Groß verheiratet ist. Und tatsächlich: Mit einem breiten Grinsen gleitet der sechs Jahre junge Jonathan Angerer schon wie ein ganz Großer durch den „Fun Parcours“, den die Trainer beim Schülercup in Reit im Winkl für die Kids aufgebaut haben. Und der junge Angerer ist auch auf Fell schon sehr schnell.

Gute Technik ist entscheidend

Seit seinem Karriereende nach den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 engagiert sich Tobias Angerer ehrenamtlich für den Langlauf-Nachwuchs im Chiemgau. „Egal, ob sie später Langläufer, Kombinierer oder Biathleten werden – die Grundlage bildet immer der Langlauf“, betont Angerer. „Wenn sie dann mit 13 oder 14 die richtige Technik erlernt haben, ist die Grundlage für später gelegt, alle Sportarten könnten davon profitieren und sie hätten auch dann noch genügend Zeit zum Biathlon zu wechseln. So würden  meiner Meinung nach weniger Talente im Wintersport verloren gehen.“

Dennoch sieht der Silbermedaillengewinner von Vancouver nicht Schwarz für die Medaillenchancen der DSV-Langläufer in Pyeongchang: „Grundsätzlich muss das Ziel sein, um die Medaillen zu laufen. Im Teamwettbewerb ist zumindest Bronze definitiv möglich.“

Marketingstudent und TV-Experte


Tobias Angerer zählt zu den erfolgreichsten deutschen Langläufern der Geschichte. Der gebürtige Traunsteiner gewann in den Jahren 2006 und 2007 zweimal den Gesamtweltcup, die erste Tour de Ski 2007 sowie vier Olympia-, sieben WM-Medaillen und insgesamt 11 Weltcuprennen.

Nach seinem Karriere-Ende 2014 begann der Oberbayer in der Nähe von München ein Sportmarketing-Studium, das er in Kürze mit dem Bachelor abschließen möchte. Er ist auch nach wie vor für viele seiner langjährigen Sponsoren und Partner als Markenbotschafter tätig und hält nebenbei Vorträge, wie Motivation zum Erfolg führen kann.

Mit Frau Romy und den drei Kindern Ioanna, Karlotta und Jonathan lebt der 40-Jährige in Traunstein.