London Kerber glückt Wimbledon-Coup gegen Williams

London / dpa 14.07.2018
Wow! Angelique Kerber hat das Wimbledon-Wunder tatsächlich geschafft. Mit beeindruckender Entschlossenheit trägt sich die 30 Jahre alte Kielerin in die Tennis-Geschichtsbücher ein.

Überwältigt zeigte Angelique Kerber nach ihrem Wimbledon-Coup auf ihren Namen an der Siegertafel des berühmtesten Tennis-Turniers der Welt. Mit dem begehrten Silberteller in beiden Händen stand Deutschlands Tennis-Heldin da und konnte einfach nicht fassen, dass sie sich als erste deutsche Wimbledonsiegerin seit Steffi Graf vor 22 Jahren in den Tennis-Geschichtsbüchern verewigt hat. „Hier zu gewinnen, ist für immer“, sagte die 30-Jährige und strahlte. „Was will man mehr, ich habe es geschafft. Ich habe meinen Lebenstraum erreicht. Ich kann jetzt immer sagen, dass ich Wimbledon-Champion bin. Das war der Traum meiner Träume.“

Mit einer furchtlosen und entschlossenen Leistung schaffte Kerber das Wimbledon-Wunder. Dank des beeindruckenden 6:3, 6:3 gegen Serena Williams feierte sie ihren Premieren-Coup in Wimbledon. „Ich weiß, dass Deutschland mitgefiebert hat, dass ich die erste Wimbledonsiegerin seit Steffi bin“, sagte sie. „Ich weiß, was auf mich zukommt. Ich freue mich darauf.“

Dritter Grand-Slam-Titel hintereinander

Überglücklich küsste die Kielerin die Venus-Rosewater-Dish, Gratulant an Gratulant reihte sich nach ihrem dritten Grand-Slam-Titel hintereinander. „Was für eine Nummer“, beglückwünschte sie Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, dem sie auf ihrem emotionalen Gang durch die Katakomben begegnete.

Strahlend nahm Kerber den Applaus entgegen, als sie sich auf dem Balkon den jubelnden Zuschauern präsentierte. Auch die britischen Herzoginnen Kate und Meghan drückten ihr persönlich Respekt aus. „Unglaublich“, sagte Trainer Wim Fissette. „Wimbledon ist das größte Turnier der Welt. Wenn man ein Turnier gewinnen will, dann ist es Wimbledon.“ Die unterlegene siebenmalige Wimbledonsiegerin Williams meinte: „Sie hat vom ersten bis zum letzten Ball unglaublich gespielt.“

Rücklings hatte sich Kerber nach dem verwandelten ersten Matchball auf den Heiligen Rasen plumpsen lassen, sofort kamen ihr die Tränen. „Ein Traum ist wahr geworden“, sagte sie, als sie um 18.27 Uhr Ortszeit die begehrte Trophäe in den Händen hielt. „Ich habe jede Sekunde der letzten zwei Wochen genossen.“

Überglücklich kletterte die neue Wimbledon-Königin dann in ihre Box, umarmte Mutter Beata und Trainer Fissette. „Als ich ein kleines Kind war, wollt ich Wimbledon gewinnen. Ich bin überglücklich“, sagte Kerber in einem ersten Fernseh-Interview der übertragenden Sender Sky und ZDF. „Sie ist eine unglaubliche Person“, würdigte Williams.

Mit einem leidenschaftlichen und unaufgeregten Auftritt in 65 Minuten gegen die junge Mutter krönte Kerber ihre Karriere an der Spielstätte, die ihren Sport in Deutschland in Zeiten von Graf, Boris Becker und Michael Stich am intensivsten bekannt gemacht hat. „Wir müssen nun unser Wohnzimmer teilen !!! Steffi, Michael und Ich... (vielleicht sollten wir es etwas vergrößern...)“, twitterte Becker.

Chancen genutzt

In der Neuauflage des Endspiels von 2016 nutzte die Kielerin mit ihrem unbändigen Willen die Chance, die sich nach der Babypause von Williams ergab. „Es war so ein erstaunliches Turnier für mich. Ich hatte wirklich gehofft, so weit zu kommen“, sagte die zu Tränen gerührte Williams, die erst ihr viertes Turnier nach ihrer Rückkehr spielte, und widmete ihre Leistung allen Müttern dieser Welt.

Kerber verwehrte Williams' ohnehin schillernder Karriere vorerst ein weiteres imposantes Kapitel: Nur gut zehn Monate nach der Geburt ihrer Tochter Alexis Olympia imponierte die US-Amerikanerin mit ihrem Einzug ins Endspiel, stellte den Allzeit-Rekord der Australierin Margaret Court mit 24 Grand-Slam-Titeln aber noch nicht ein.

Die momentan beste deutsche Tennisspielerin war an diesem wichtigsten Tag zweier turbulenter Wimbledon-Wochen für die langjährige Branchenführerin zu stark. „Serena hat Respekt vor Angie. Angie muss von Anfang an mental da sein und dagegenhalten“, sagte die deutsche Damen-Chefin Barbara Rittner kurz vor Spielbeginn bei Sky und prognostizierte Kerbers Wimbledonsieg. In ihrem vierten Grand-Slam-Endspiel wirkte die 1,73 Meter große Linkshänderin von Beginn an entschlossen.

Die herben Rückschläge, der Frust, die unerwartet schwachen Ergebnisse - das alles ist nach dem dritten Grand-Slam-Titel vergessen. Kerber hat sich ein weiteres Mal in der deutschen Tennis-Geschichte verewigt.

Die britische Herzogin Meghan, Frau von Prinz Harry und eine Freundin von Serena Williams, und Herzogin Kate, Frau von Prinz William, sahen in der königlichen Loge, wie Kerber der Auftakt gelang und wie sie den besseren Eindruck hinterließ. Gleich das erste Aufschlagspiel nahm sie der 36-jährigen Williams ab, vereinfacht auch durch Fehler ihrer Gegnerin. Die Vorbereitung war komplizierter gewesen als gewöhnlich vor einem Endspiel. Auf eine feste Anfangszeit konnte sich Kerber nicht einrichten, weil das zweite Herren-Halbfinale zuvor noch beendet wurde. Ihr Auftritt verzögerte sich um rund zwei Stunden.

Mit ihrer Power legte die jüngere Williams-Schwester wieder vor. Die Schleswig-Holsteinerin ließ die 72-fache Turniersiegerin aber nicht davon ziehen. Im Gegenteil. Die gebürtige Bremerin profitierte allerdings auch davon, dass Williams - verständlicherweise - noch nicht die Dominanz und Form vergangener Tage hat und sich deutlich mehr vermeidbare Fehler leistete.

Nach dem ersten Satzgewinn ballte Kerber nur kurz die Faust ohne zu große Euphorie, ganz so, als wollte sie zeigen: Heute lasse ich mir den Coup nicht nehmen. „Sie weiß, es ist noch ein weiter Weg, sie muss jetzt sofort den Fokus wiederfinden“, sagte die ZDF-Expertin Barbara Rittner. Bei 2:2 musste die Weltranglisten-Zehnte nach 40:0 noch über Einstand, hielt aber ihren Aufschlag.

Bei 3:2 erarbeitete sich Kerber zwei Breakbälle. Den ersten wehrte die Gewinnerin von 23 Grand-Slam-Titeln mit einem Volley noch ab. Die zweite Chance nutzte Kerber mit einer mutigen Vorhand die Linie entlang: 4:2. Die Vorentscheidung. Vor zwei Jahren hatte sie den Centre Court noch als stolze Verliererin verlassen. Im ersten Aufeinandertreffen mit Williams seit ihrem ersten Wimbledon-Finale hielt Kerber dem Druck stand - und gewann den letzten Ballwechsel.

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