Ulm SSV: Der verschwundene Rekordler Holm Mrazek

Ulm / WOLFGANG SCHEERER 26.04.2013
Horst Löffler, Olympia-Zweiter von Tokio, ist der Ulmer Schwimmer der 60er Jahre. Da gab es beim 1. SSV noch ein Riesentalent: Holm Mrazek. Plötzlich, im April 1963, verschwand er.

Mit rund 4000 Mitgliedern war der 1. SSV Ulm vor 50 Jahren der größte Sportverein der Stadt und einer der großen in Baden-Württemberg. Bekannt unter anderem für seine Schwimmabteilung. Trainer Paul Andreas hatte am Beckenrand das Sagen.

Freistilspezialist Horst Löffler war sein größtes Talent. 1964 bei den Olympischen Spielen in Tokio sollte der gebürtige Langenauer mit der deutschen Kraulstaffel die Silbermedaille über 4 x 100 Meter gewinnen. Da sprach über den ehemaligen Klub- und Trainingskollegen Holm Mrazek in Ulm schon lang keiner mehr. Beide sind Jahrgang 1942, Mrazek wechselte im April 1963 nach Dortmund. Schon aus der kurzen Meldung in der Schwäbischen Donau Zeitung (SDZ) liest sich heraus, dass es intern geknirscht haben muss: "Der deutsche Meister und Rekordhalter im Brustschwimmen, Horst Mrazek (SSV Ulm), hat sich trotz gegenteiliger Versicherung beim SV Westfalen Dortmund angemeldet. Mrazek hatte diesen Schritt vor zehn Tagen rückgängig gemacht, nachdem ihm von Trainer Andreas ins Gewissen geredet worden war. In Ulm ist von dem neuerlichen Unternehmen Mrazeks offiziell nichts bekannt."

Heute noch, mit 70, lebt Holm Mrazek in Dortmund, als Sportler auch vom SV Westfalen fast vergessen. Keine Telefonnummer, kein Foto, keine Spur. Doch, es gibt ihn noch, heißt es. Nach einem weiteren Versuch ist Mrazek gefunden: Sportlich muss sich er sich mit Wassergymnastik begnügen. Der Mann, der kurz nach dem Weggang aus Ulm am 29. September 1963 mit der deutschen Lagenstaffel in 4:07,6 Minuten Europarekord über 4 x 100 Meter schwamm, erlitt kürzlich einen Schlaganfall.

Warum hat der deutsche Rekordhalter über 100 und 200 Meter Brust sowie seit Januar 1963 mit der Lagenstaffel Ulm damals verlassen, wo seine Eltern die Vereinsgaststätte betrieben? Es war für Mrazek nicht die glücklichste Zeit. Er will nichts Schlechtes sagen. Schon gar nicht über Horst Löffler und den früh verstorbenen Paul Andreas. "Das war ein toller Mensch. Und ich selbst war damals sicher nicht einfach, kam auch mit der schwäbischen Mentalität einfach nicht so gut klar."

Holm Mrazeks Familie hatte 1956 die DDR verlassen, war aus der Nähe Dresdens zunächst nach Duisburg gezogen. Der talentierte Junge war vorher schon geschwommen, in Leipzig, in Dresden. Beim nächsten Umzug ging es von Duisburg nach Göppingen, wo Mrazek zunächst trainierte, schließlich nach Ulm. Aus Dresden und Leipzig war der Brustspezialist ausgetüftelte Übungspläne gewohnt, nun traf er auf einen Trainer vom alten Schlag. "Krafttraining gabs nicht. Wir machten Handstand oder turnten. Außerdem war die Bahn im Stadtbad ja keine 25 Meter lang, in Dortmund gabs sogar ein 50-Meter-Becken."

Dazu kam, dass der Vater unvermittelt ein Angebot bekam, im Opel-Werk in Bochum zu arbeiten. Auch Holm Mrazek zog es zurück in den Westen: In Duisburg hatte er sich wohlgefühlt, nun hatten die Dortmunder Interesse. Mit 1:08,6 Minuten über 100 Meter Brust schwamm er eine neue persönliche Bestzeit. Nach dem Europarekord blieben dann aber weitere ganz große Erfolge aus, während Löffler von Ulm aus die Schwimm-Welt eroberte. Mrazek kam nie mehr zurück, auch das Verhältnis zu Löffler hatte darunter gelitten, dass er Knall auf Fall den Verein verließ.

Holm Mrazek machte schließlich an der Sporthochschule Köln sein Sportlehrerdiplom, heiratete eine Marokkanerin. Einige Jahre lebten sie in Nordafrika. Wenn Mrazek erzählt, wie sie dort im Königreich eine Schwimm-Schule aufbauten und den Nachwuchs trainierten, taucht er ein in die erlebnisreichen, glücklichen (Schwimmer-)Zeiten.

Auch in der mit Bestnote ausgezeichneten Diplomarbeit hat er sich mit seinem Sport beschäftigt. "Auswirkungen der Körperrasur auf die sportliche Leistung" war schon damals ein Thema. Und bei einer zweiten Diplomarbeit, jener von Gerhard Breuner von 1971, war der 1,85 Meter große und damals 85 Kilogramm schwere Athletaktiv. Breuner untersuchte die "Vortriebswirkung von Arm- und Beinarbeit bei Schwimmern". Holm Mrazek war einer von drei namhaften Probanden. Im Internet kann man die Diplomarbeit aus dem Schreibmaschinen-Zeitalter noch einsehen. Und die Schwimmzüge Mrazeks, des (fast) vergessenen Rekordlers, sind verewigt. Durch ein gesichtloses Strichmännchen.

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