Ulm Sprints auf Aschebahnen: Drei Stoppuhren, ein Konsens

Ulm / WOLFGANG SCHEERER 25.07.2013
Sprints auf Aschenbahnen sind eine verlorene Kunstform der Leichtathletik. Die Laufzeit wurde von drei Stoppern ermittelt, die nicht selten das gemeinsame Ergebnis ausdiskutieren mussten.

Das weiße Zielband, die vorgestreckte Brust der Sprinter, die von den Spikes der Laufschuhe zerpflügte Aschenbahn. Simon Reschs dynamisches Leichtathletik-Foto zeigt in der Schwäbischen Donau Zeitung (SDZ) vom Juli 1963 eine Szene vergangener Sprint-Kunst: Wolfgang Hug, Schnellster beim 1. SSV Ulm, wirft auf den letzten Metern den Kopf in den Nacken, wird im nächsten Moment jubeln. Der Sieg bei der Bezirksmeisterschaft in Weißenhorn gehört dem Kurzstrecken-Allrounder, der auch über 200, vor allem aber über 400 Meter gute Zeiten lief.

Einen Schritt hinter ihm im Trikot der TSG 46: Davis Boampong. "Wir nannten ihn Dave", erzählt der freie SWP-Fotograf und damalige Diskus-Könner Rudi Apprich. Boampong war Ghanaer, der in Ulm studierte und in der Zeit für den Verein startete. "Diese Art Sprint sieht man jetzt nicht mehr", sagt Rolf Staudenmayer. Der 73-jährige Laichinger, der eigentlich vom Fußball kam, hält seit den 60er Jahren in 10,4 Sekunden den bis heute gültigen Klubrekord beim SSV 46 über 100 Meter - zusammen mit Norman Branch. Der hier stationierte US-Soldat lief zwei Dekaden später so schnell.

Staudenmayer ist seine 10,4 auf der Aschenbahn im Donaustadion gerannt. Ein Gefühl fürs Geläuf gehörte unbedingt dazu. Dornen verschiedener Länge, die eingeschraubt wurden, standen für die Spikes, die Laufschuhe, zur Verfügung: 12 Millimeter, 16, 18. "War die Bahn hart, nahm man die kurzen, war sie nass und weich, nahm man die langen", sagt Staudenmayer. Im Land zählte er damals zu den Schnellsten. Nur einen Tick flotter liefen die Sprinter von Salamander Kornwestheim: Peter Gamper, Alfred Hebauf, Hans-Jürgen Felsen - Namen, an die sich fast nur noch einstige Mitstreiter erinnern.

Den Vereinsrekord über 400 Meter hält beim SSV 46 der noch aktive Zehnkämpfer Arthur Abele in 47,98 Sekunden. Wolfgang Hug hat lange vor der Fusion beider Vereine im Trikot des SSV Ulm ebenfalls eine 47,9 gelaufen. Besser als Staudenmayer über 100 Meter war nur, wer auch auf den zweiten 50 Metern glänzte. "Ich war stark auf der ersten Hälfte. Hinten raus hat mir oft etwas die Puste gefehlt", sagt Staudenmayer.

Er war der Typ "Sportler durch und durch". Skispringen, Langlauf, Fußball, Leichtathletik - Rolf Staudenmayer hatte Spaß an allem. Heute fasziniert ihn Golf. Als Kicker hätte er beinahe Karriere gemacht, spielte beim TSV Laichingen in der zweiten Amateurliga. Der VfB Stuttgart hatte ihn auf dem Radar, doch nach einer Meniskusoperation 1962 war das kein Thema mehr. "Geradeaus laufen ging auch danach noch. Mit Fußball wurde es schwierig ohne Kreuzbänder", sagt Staudenmayer. Auch Sprint war Arbeit: "In der Mittagspause trainierten wir die Schnellkraft mit Gewichten." Im Wettkampf war das Zielband optische Hilfe. Auch für diejenigen mit den Stoppuhren. Je drei "Hand-Stopper" mussten sich auf eine Zeit einigen. Wenn es um die 10,4 geht, wird Rolf Staudenmayer vorsichtig. "Dass wir uns klar verstehen, ich habe die nicht selbst gemessen. Es können auch 10,5 gewesen sein. Ich glaube, so stands damals in der Zeitung." Hat die denn laufend recht? Also wird hier gestoppt: mit 10,4.

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