Tübingen Sportsoziologe Digel über Olympia-Krise: "Sotschi ist für mich ein Mahnmal"

Sieht den neuen IOC-Präsidenten Thomas Bach vor einer schwierigen Aufgabe: Helmut Digel, Council-Mitglied des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF.
Sieht den neuen IOC-Präsidenten Thomas Bach vor einer schwierigen Aufgabe: Helmut Digel, Council-Mitglied des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF. © Foto: Imago
Tübingen / WOLFGANG SCHEERER 13.12.2013
Zu teuer, ausufernd im Programm, fragwürdig bei der Vergabe. Helmut Digel sieht für Olympia in vielerlei Hinsicht eine kritische Grenze erreicht. Der Tübinger Sportsoziologe fordert radikales Umdenken.

Herr Professor Digel, bis zu den Winterspielen im Februar in Sotschi ist es nicht mehr lang. Denk ich an Olympia in der Nacht, . . .
HELMUT DIGEL: . . . bin ich zwar nicht um den Schlaf gebracht, aber was die Olympischen Spiele angeht, ist die Situation wirklich nicht einfach. Thomas Bach hat als IOC-Präsident schnell erkannt, vor welch ungeheurer Herausforderung er steht. Denn die Spiele haben in mehrfacher Hinsicht ihre Grenze erreicht. Sie sind zu teuer geworden, das Programm bedarf der Reform.

Wie sehr engt die Ausgaben-Explosion den Bewerberkreis ein?
DIGEL: Die Gefahr, dass immer weniger Länder in der Lage sind, die Spiele auszurichten, wächst. Und wenn die Spiele irgendwann nur noch in autoritären Systemen möglich sind, wäre es der größte Schaden, den man der olympischen Bewegung zufügen könnte.

Konkret: Die Winterspiele in Sotschi kosten rund 40 Milliarden Euro, neunmal mehr als Vancouver 2010 und 16 Mal mehr als Turin 2006.
DIGEL: Solche Summen lassen sich in einer Demokratie doch gar nicht mehr verantworten. Nur ein autoritär geführter Staat wie Russland mit seinen fragwürdigen Finanzstrukturen kann so ein Budget bereitstellen. Sotschi ist für mich kein olympisches Aushängeschild, sondern ein Mahnmal. Dass Bundespräsident Gauck auf einen Besuch verzichtet, ist für mich nachzuvollziehen, wenn er uns seine Gründe nennt. Die Spiele zu boykottieren, wäre jedoch der völlig falsche Weg.

Gibt es je wieder Olympische Spiele in Deutschland, etwa in Berlin?
DIGEL: Grundsätzlich ist die olympische Bewegung darauf angewiesen, dass sich Staaten wie Deutschland bewerben. Wenn eine der größten westlichen Demokratien nicht mehr in der Lage ist, die Spiele auszurichten und dafür kein Interesse entwickelt, wäre das fatal. Aber klar ist auch, man kann Olympia künftig nie mehr an den Menschen vorbei machen, per ,Ordre de Mufti.

Damit sind also Zeichen gesetzt?
DIGEL: Nach den Volksabstimmungen, auch in der Schweiz und Österreich gegen Winter-Olympia, ist ein Modell vorgegeben, wie künftig entschieden wird. Wenn ich meine Bevölkerung hinter mich bringen will, muss ich dafür offen und engagiert werben. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass Berlin eine ideale Ausrichterstadt wäre für Sommerspiele und dass die Münchner Bewerbung für die Winterspiele fantastisch war, unter ökologischen wie finanziellen Gesichtspunkten. Leider hat der Sport geglaubt, München wäre ein Selbstläufer. Der neue DOSB-Präsident Alfons Hörmann ist eine Person, die integrieren kann, das ist in diesen Tagen wichtig.

Sie haben das Sportarten-Programm angesprochen. Sind speziell Sommerspiele zu groß geworden?
DIGEL: Ganz sicher. Sie dürfen auf keinen Fall weiter wachsen. Darüber hinaus muss sich das IOC viel mehr als bisher fragen: Wie modernisiert man das Programm, was ist für junge Leute attraktiv? Die Jugend hat an vielen olympischen Disziplinen kaum mehr oder kein Interesse. Das lehren Umfragen, das zeigen mir aber auch Reaktionen meiner Studenten in Tübingen.

Wird Thomas Bach bei Reformbemühungen nicht schnell auf Widerstand stoßen?
DIGEL: Bestimmt, da tut man Leuten weh. Pfründe würden einkassiert, Sportarten müssten in ihrem Programm reduziert werden, vielleicht ganz wegfallen. Es wird darauf ankommen, dass Bach Stehvermögen zeigt. Er muss die IOC-Exekutive hinter sich bringen.

Wie soll ein Auf- und Abstieg von Sportarten denn geregelt werden?
DIGEL: Sorgfältig, glaubwürdig, mit nachvollziehbaren Kriterien. Es wäre falsch, nur Moden zu folgen. Die Verbreitung einer Disziplin ist besonders wichtig. Ein Kriterium müsste lauten, dass eine Sportart in mindestens 50 Ländern ausgetragen wird. Und: Es muss eine hohe Leistungsdifferenz zwischen Anfänger und Könner bestehen. Nur so erkennt man hochklassigen Sport. Ich denke da an einfache, aber faszinierende Disziplinen wie das Wettkampf-Klettern. Für mich ist Olympismus darüber hinaus mehr als die Addition von Weltmeisterschaften, auch ein Kulturprogramm muss wieder mehr im Vordergrund stehen.

Es gab von 1912 bis 1948 ja Kunstwettbewerbe bei Olympia: Medaillen in Architektur, Literatur, Musik, Malerei, Bildhauerei. Plädieren Sie dafür, daran wieder anzuknüpfen?
DIGEL: Jedenfalls braucht Olympia eine eigene Identität. Es müssen wieder Freiräume geschaffen werden, in denen man vor und nach den Wettkämpfen Zeit hat für andere Aktivitäten. Mal ehrlich, 2012 in London sind Sie und ich doch nur von Wettkampf zu Wettkampf gerast. Coubertins Idee, auch Kulturereignisse einzubinden, halte ich nach wie vor für sehr bedeutsam. Olympia muss auszeichnen, dass man sich hier von der kommerzialisierten Stoßrichtung der Weltmeisterschaften absetzt. Dazu müssen die Unterscheidungsmerkmale gepflegt werden. Das wurde in letzter Zeit stark vernachlässigt.

Es muss also keine olympische Musik-Goldmedaillen mehr geben?
DIGEL: Das nicht, aber es muss so etwas geben wie die Begegnung der Besten. Man sollte Künstler einladen, um sich auszutauschen - auch mit den Sportlern. Die Athleten dürfen Olympia nicht nur aus lauter Geschäftsinteresse als Ereignis definieren, bei dem man Medaillen abholt und dann die Vermarktungsserie startet. Auch wenn mir vielleicht Naivität unterstellt wird: Man kann das Rad zurückdrehen, wenn man will. Kreativität ist gefragt. Schließlich ist in Bezug auf Vermarktung und Fernseheinnahmen das Maximum erreicht. Es geht künftig also um Qualität, nicht Quantität.

Auch eine Image-Frage fürs IOC?
DIGEL: Ja, es ist besonders wichtig, das angekratzte Image des IOC in der öffentlichen Meinung intern auf den Prüfstand zu stellen und zu fragen: Wie konnte es dazu kommen?

Dazu wäre die abgeschmetterte München-Bewerbung ein guter Anlass.
DIGEL: Da war doch eigenartig, dass es vielfach hieß: Das IOC schließt unfaire Verträge, das IOC legt Einnahmen und Ausgaben nicht ausreichend offen, das IOC will steuerlich begünstigt werden. Solche Vorwürfe treffen auf den Fußball-Weltverband Fifa zu, nicht aber aufs IOC. Das hat einen transparenten Haushalt wie kein anderer großer Fachverband, mein eigener, der Leichtathletik-Weltverband, eingeschlossen. Im Grunde hat das IOC einiges davon abbekommen, was zu Recht am Gehabe der großen Verbände kritisiert wird.

Was läuft beim IOC noch schief?
DIGEL: Natürlich muss man auch selbstkritisch sein. Nehmen Sie die Winterspiele 2014 in Russland oder 2018 in Südkorea: Jede Olympia-Vergabe ging damit einher, da sei doch nicht alles mit rechten Dingen zugegangen. Man muss der Öffentlichkeit klar machen, dass man eine demokratische Organisation ist und sich nicht von außen oder innen, durch eigene IOC-Mitglieder, manipulieren und beeinflussen lässt. Das ist dem IOC in den letzten Jahren so gut wie nicht gelungen.

Es gibt auch kein restlos überzeugendes Anti-Doping-Konzept.
DIGEL: Es geht hier, wohlgemerkt, um die Dachorganisation des Weltsports, die Hüterin des Fairplay. Und da muss man sagen: Im Anti-Doping-Kampf sind nur geringe Erfolge erzielt worden. Man hat zwar die Welt-Anti-Doping-Agentur eingerichtet, aber damit ist das Doping-Problem nicht gelöst. Es ist in letzter Zeit teilweise sogar noch eskaliert.

Thomas Bach zählt jetzt doch zu den Befürwortern der neuen Vier-Jahres-Sperre für Dopingsünder. . .
DIGEL: Die Vier-Jahres-Sperre ist sicher der richtige Schritt. Aber man wundert sich schon, dass dieselben Juristen, die gemeint haben, solche Sperren seien nicht durchzusetzen, diese Sperren jetzt mittragen, wenn es der Zeitgeist verlangt.

"Verlorener Kampf" heißt Ihr neues Buch über das Doping-Problem. Klingt ziemlich hoffnungslos.
DIGEL: Ich bin seit Olympia 1976 in Montreal mit der Doping-Problematik konfrontiert. Seitdem - und bis heute - habe ich als Mitglied in der Anti-Doping-Kommission des Deutschen Leichtathletik-Verbandes andauernd konkret mit Fällen zu tun und kann mir ein Urteil erlauben.

Und das lautet im Detail?
DIGEL: Es ist leider so, dass sich alle an den Doping-Betrug gewöhnt haben. Athleten, die sich aktiv öffentlich gegen Doping engagieren, sind selten geworden. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Betrügern findet nicht statt. Von den Medizinern und Pharmakologen, die an den Skandalen beteiligt waren, wurde bis heute keiner einer Strafe zugeführt. Da sage ich: Dieser Kampf ist mehr als fragwürdig, aus meiner Sicht verloren.


Zur Person
Er kennt den Leistungssport schon seit seiner aktiven Zeit als Handballer beim damaligen Stuttgarter Bundesligisten SV Möhringen. Danach ist Helmut Digel zu einem Führungsspieler im deutschen Sport geworden. Als Sportsoziologe und hoher Funktionär beim Leichtathletik-Weltverband IAAF hat der gebürtige Aalener tiefe Einblicke gewonnen und als Vordenker vielfach über aktuelle Probleme räsoniert und publiziert. Von 1993, als die WM in Stuttgart ausgetragen wurde, bis 2001 war er Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Außerdem war Helmut Digel von 2002 bis 2010 Direktor des Institutes für Sportwissenschaft an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen. Inzwischen ist er emeritiert.

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