Stuttgart Sportmedizin: Bedeutung des Bindegewebe

Das Bindegewebe ist durch regelmäßiges Training veränderbar.
Das Bindegewebe ist durch regelmäßiges Training veränderbar. © Foto: © photophonie/Fotolia.com
Stuttgart / KLAUS VESTEWIG 18.11.2014
Jahrzehntelang hat sich die Trainingswissenschaft vorwiegend auf die Übungseffekte für die Muskulatur und das Herzkreislaufsystem konzentriert. Jetzt rücken die Faszien, das Bindegewebe, in den Blickpunkt.

Es ist so etwas wie ein wissenschaftlicher Aufbruch. Das Objekt des erwachten Interesses heißt Faszien. Das ist das Netzwerk aus jenem faserigen und elastischen Bindegewebe, das sämtliche Muskeln des Körpers und auch Organe wie Niere und Herz umschließt.

Viele, viele Jahre hatten sich die Trainingswissenschaftler im Leistungs- wie Breitensport fast ausschließlich mit den Auswirkungen beschäftigt, die sportliche Bewegung auf Muskeln, Herzkreislaufsystem und Gelenke hat. Jetzt rücken die Faszien mehr und mehr in den Fokus der medizinischen Forschung. "Viele Sportler und Physiotherapeuten haben das schon vorher empirisch genutzt, aber jetzt erklärt die Wissenschaft mehr und mehr die Zusammenhänge", sagt Dr. Werner Klingler von der Neurochirurgischen Universitätsklinik Ulm-Günzburg.

Startpunkt für die Neuentdeckung des Bindegewebes war der Faszienkongress im Jahr 2007 an der Harvard-University, bei dem auch Ulmer Wissenschaftler wie Klingler entscheidende Akzente gesetzt hatten.

Die neuen Erkenntnisse haben bereits die Basis erreicht: Beim 38. Sportmedizinischen Seminar des Württembergischen Landessportbundes (WLSB) am Wochenende in Stuttgart waren Vortrag und Workshop über Faszien bei den mehr als 400 Übungsleitern und Trainern der Hit.

Was kann durch eine Stärkung des Bindegewebes, zu dem auch die Sehnen, die Gelenk- und Organkapseln und bandartige Strukturen zählen, erreicht werden? Breiten- und Leistungssportler benötigen ein straffes Bindegewebe. Nach Klinglers Worten handelt es sich dabei nicht um ein zweitrangiges Füllgewebe, sondern um kollagene Fasern, die als elastische Feder fungieren (gerade die Achillessehne) und eine Pufferfunktion haben. Sie regulieren die Kraftübertragung, dehnen die Skelettmuskulatur vor und dienen als elastische Energiespeicher und Verstärker der Bewegung - ähnlich der Servolenkung beim Auto.

Den Faszien kommt somit eine Schlüsselrolle für Haltung, Bewegung und Gesundheit des Menschen zu. Durch ein stärkeres Bindegewebe, das versichern die Wissenschaftler, werden die aktive Beweglichkeit, die koordinativen Fähigkeiten, Körperwahrnehmung und Schmerzempfinden, ja generell Leistungsfähigkeit und Bewegungsfreude verbessert.

Das Training der Faszien sieht zunächst einmal unspektakulär aus. Es werden dabei keine einzelnen Muskelgruppen an Maschinen trainiert. "Das geht weg vom Bodybuilding-Stil", betont Klingler, Oberarzt am Bezirkskrankenhaus Günzburg. Stattdessen sind ganzkörperliche Bewegungen gefragt: ein ausgedehntes Räkeln wie bei einer Katze in mindestens zwei Ausdehnungsrichtungen, ein Sich-Strecken, ein weites Ausschwingen der Arme, Hüpfen und Federn, gezielte Mikrobewegungen, mit spielerischer Kreativität erkundete Variationen von bekanntem Übungsgut.

Das Bindegewebe, in der Kindheit angelegt, ist durch regelmäßiges Training durchaus veränderbar, auch im fortgeschrittenen Alter. Ältere und bewegungsarme Menschen verfügen nicht mehr über die regelmäßige und feine Wellenstruktur der kollagenen Fasern, bei ihnen finden sich häufig verfilzte, spröde Strukturen und Verklebungen. Elastische Bewegungen sind da nicht möglich, die Verletzungsanfälligkeit steigt. Für "Coach-Potatoes" hat Diplom-Sportwissenschaftler und Fascial-Fitness-Trainer Stefan Dennenmoser dennoch eine gute Nachricht: "Der kollagene Verfilzungsprozess ist durch geeignete Bewegung aufzuhalten und darüber hinaus sogar reversibel."

Neue Beweglichkeit und besseres Körpergefühl

Faszienrolle Die bisher bekannteste Variante des Faszientrainings, freilich von anderen Wissenschaftlern durchaus als problematisch erachtet (Gefahr von Krampfadern), ist die langsame Arbeit mit einer Hartschaumrolle. Die wird, meist schmerzhaft, unter ein Körperteil (Rücken, Fuß) gelegt und sodann versucht, über den Druck zu entspannen. "Das kann, je nach Körperregion, durchaus eine Herausforderung sein", so Fascial-Fitness-Trainer Stefan Dennenmoser, der zum Ulm-Günzburger Wissenschaftlerteam gehört. Durch das Rollen wird das extrazelluläre Wasser im Bindegewebe mit den ortsständigen Schlacken ausgepresst. Und weil das einem Schwamm ähnelt, fließt bald neues Gewebswasser nach. Der Effekt für den Übenden, so die Wissenschaftler: eine rasche Zunahme der Beweglichkeit und ein besseres Körpergefühl. Ein weitergehender Nutzen hinsichtlich der Bildung neuer Kollagenfasern stellt sich hingegen erst nach zwei bis vier Tagen ein. vg

SWP

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