International Management Spitzenathleten zwischen Leistung und Lernen

Der aktuelle Kurs mit Radrennfahrer Jonas Koch aus Rottweil (Mütze) und dem Ulmer Zehnkämpfer Tim Nowak (hinten links) im Interview-Seminar mit Bob-Olympiasiegerin Sandra Kiriasis.
Der aktuelle Kurs mit Radrennfahrer Jonas Koch aus Rottweil (Mütze) und dem Ulmer Zehnkämpfer Tim Nowak (hinten links) im Interview-Seminar mit Bob-Olympiasiegerin Sandra Kiriasis. © Foto: Alexander Erb
Jana Wiske 12.12.2017

Freitagfrüh, 9.15 Uhr. Die Aufregung ist spürbar. Sieben Studenten warten im Raum 50.2.6 an der Hochschule Ansbach auf einen speziellen Gast. Bob-Olympiasiegerin Sandra Kiriasis ist zur internen Pressekonferenz geladen. Im Kurs Sportjournalismus gehört das Befragen einer prominenten Persönlichkeit aus dem Sport zu den Leistungsnachweisen. Entsprechend vorbereitet sind die Teilnehmer im Studiengang International Management. Das Besondere: Rekordweltmeisterin Kiriasis, die zum Ende ihrer Karriere 2014 für den Bob-Club Stuttgart Solitude startete, sitzen selbst nur Leistungssportler gegenüber.

Über zehn Jahre schon gibt es diesen für Deutschlands Sportelite einzigartigen betriebswirtschaftlichen Studiengang, der auf die Bedürfnisse der Leistungssportler zugeschnitten ist. Bekannte Größen wie die Biathlon-­Olympiasieger Kathi Wilhelm und Michi Greis, Handball-Nationalspieler Steffen Weinhold, Ski-Ass Fritz Dopfer oder Severin Freund, der Weltmeister im Skispringen, haben die durchaus anspruchsvollen Fächer wie Statistik, Wirtschaftsrecht und International Finance in der mittelfränkischen Hochschulstadt erfolgreich hinter sich gebracht. „Wie im Sport gilt auch im Studium und bei ihrer Laufbahn in der beruflichen Praxis: Wenn Leistungssportler etwas anstreben, tun sie dies mit voller Leidenschaft und Einsatz – sie geben sich nicht mit Mittelmaß zufrieden“, lobt Prof. Dr. Bernd Heesen seine Schützlinge. Der Studiengangleiter steht im engen Austausch mit den verschiedenen Olympiastützpunkten im Land.

Akademische Laufbahn

Auch an diesem Morgen sitzen hochmotivierte Sportler im Hörsaal. Einer davon ist Jonas Koch. Der Student wurde in Schwäbisch Hall geboren und lebt mittlerweile in Rottweil. Er will Bobfahrerin Kiriasis über ihre Jugend in der DDR befragen. Koch ist Radrennfahrer, gilt als starker Straßensprinter. Seit dem 1. März ist der 24-Jährige beim polnischen Professional-Continental Team CCC Sprandi Polkowice unter Vertrag. Bei der Straßen-EM in Dänemark 2017 fuhr er auf Rang 23. Im neuen Jahr will er nun an die guten Leistungen anknüpfen, hat noch mal an der Stellschraube Ernährung gedreht. Sein Höhepunkt soll die Deutschland Tour sein, die 2018 ihr Comeback feiert. „Ich habe damals nach einer Möglichkeit gesucht, Leistungssport und Studium unter einen Hut zu bekommen. Ein Freund hat mich auf den Studiengang in Ansbach hingewiesen“, erklärt Koch den Start in seine akademische Laufbahn. Mittlerweile ist er im vierten Semester angekommen, vereinbart ehrgeizig Sportkarriere und Studium.

In zeitintensiven Sportabschnitten der Saison fällt es Athlet Koch dennoch schwer, produktiv zu lernen. „Da findet der eine oder andere Kampf mit dem inneren Schweinehund statt“, erklärt der Radspezialist und lobt das Studienkonzept: „Die Flexibilität ist unschlagbar und perfekt auf den Leistungssport abgestimmt.“ So gilt das Angebot als angenehme Ausnahme in der verbesserungswürdigen Sportförderung dieses Landes, schließlich lassen die Strukturen in Deutschland kaum eine duale Karriere für Spitzenathleten zu. Dabei finden sich Synergien auf beiden Seiten. Denn die Sportler werben für die Hochschule und leisten mit ihrem kultivierten Ehrgeiz und ihrer Disziplin einen wertvollen Beitrag zum Hochschulalltag.

Tim Nowak jedenfalls genießt den „Freiraum für die Planung unserer Kurse und Prüfungen“. Der Zehnkämpfer hat sich für einen sehr zeitintensiven Sport entschieden. Doch trotz aller Flexibilität gelten eben auch in diesem Studium Spielregeln. Und so musste Nowak schon Kurse wegen einem wichtigen Wettkampf im nächsten Semester wiederholen. „Der Hochschule fällt es schwer, auf alle unterschiedlichen Sportler und deren Wettkampfpläne einzugehen“, erklärt der muskelbepackte Mann. Der 22-Jährige wurde in Bad Mergentheim geboren und quält sich für den SSV Ulm 1846 regelmäßig durch zehn anspruchsvolle Disziplinen. In der Saison 2018 ist sein großes Ziel die Qualifikation für die Heim-EM in Berlin. Und die magische 8000-Punkte-Marke soll erstmals im neuen Jahr fallen.

Das Hier und Jetzt für Nowak bestimmt an diesem Freitag aber Sandra Kiriasis. Er hat wie alle Kursteilnehmer einen Fragenkatalog für den prominenten Gast entwickelt. Sein Themenschwerpunkt heißt Teamarbeit im Bobsport. „Sie sind bei allen vier Olympischen Spielen mit einer anderen Anschieberin an den Start gegangen – gehört ein steter Wechsel zu einer erfolgreichen Bob-Karriere dazu?“, fragt der Zehnkämpfer die Goldmedaillengewinnerin von Turin 2006. Kiriasis – die bei den Olympischen Spielen 2018 als Trainerin von Bobteam Jamaika fungiert und parallel das komplette kanadische Team samt Olympiasiegerin Kaillie Humphries berät – antwortet brav und erntet ein Zahnpastalächeln von Nowak. Eine Stunde rocken er, Koch, eine Tennisspielerin, ein weiterer Radfahrer, zwei Handballer und ein Nachwuchsfußballer die Pressekonferenz und tauchen in die Welt der Sportjournalisten ein. So gelingt ein intensiver Blick auf die Personen, denen sie selbst regelmäßig Antworten geben müssen und die sie mitunter suspekt finden. Die 60 Minuten in Ansbach führen bei den Kursteilnehmern auch zu einer größeren Würdigung der nicht immer leichten Vorbereitung auf Interviewpartner.

Titel: „Bachelor of Arts“

Den Wahlkurs Sportjournalismus hat Lena Urbaniak schon einige Semester hinter sich. Die Junioren-Weltmeisterin im Kugelstoßen von 2009 und regelmäßige Medaillengewinnerin bei Deutschen Meisterschaften stammt aus Schwäbisch Gmünd und startet für die LG Filstal im Landkreis Göppingen. In den letzten Jahren mauserte sie sich zur deutschen Nummer zwei hinter Weltmeisterin Christina Schwanitz. Die 25-Jährige feilt jetzt im 11. Semester an ihrer Bachelorarbeit. Soeben hat sie das Thema „Sportsponsoring im Mittelstand – Der Stakeholder-Value-Ansatz als Grundlage zur Wirkungsforschung des Sportsponsoring-Engagement des Albwerks“ angemeldet. Die Zielgerade liegt in Sichtweite: Im Februar muss sie abgeben. In ihrem Studium konnte Urbaniak immer wieder auf Eigenschaften, die sie als Sportlerin auszeichnen, zurückgreifen: „Ein gutes Zeitmanagement und das konsequente Verfolgen meiner Ziele“, hebt sie hervor.

Ab dem Frühjahr darf sich Urbaniak mit dem Titel „Bachelor of Arts“ schmücken und wieder voll auf den Sport konzentrieren. Der  große Wurf im Kugelstoßen soll im März bei der Hallen-WM in Birmingham oder im August bei der Heim-EM in Berlin folgen. Den Grundstein für die berufliche Karriere hat die Spitzensportlerin bereits in Ansbach gelegt.

Spezielles Studium für die Sportelite

Seit 2006 bietet die Hochschule Ansbach eine Ausbildung an, die auf die Bedürfnisse von Leistungssportlern zugeschnitten ist: den in Deutschland einzigartigen Bachelorstudiengang „Internationales Management für Spitzensportler“. Aktuell studieren mehr als 130 Nationalkaderathleten in Mittelfranken. Das Studium ist so konzipiert, dass es in zehn Semestern mit etwa 75 Präsenztagen in Ansbach abgeschlossen werden kann. Daneben nutzen die Sportler die Vorteile des Fernstudiums und halten über Lernplattformen intensiven Kontakt zu ihren Dozenten. „Herausragend engagierte Studierende treffen auf exzellente Lehre und schärfen so das Profil der Hochschule“, sagt Prof. Dr. Ute Ambrosius. Die Präsidentin sieht den Studiengang als Schrittmacher im Bereich ­E-Learning und Blended Learning, also dem Abwechseln von Präsenz- und Online-Phasen.