Sicherheit steht im Vordergrund

KLAUS VESTEWIG 28.02.2013
Vieles hat sich in den vergangenen Jahren im Skispringen verändert: Technik, Skilänge, Anzüge, Wind- und Gate-Regel. Walter Hofer (58), seit 21 Jahren Fis-Renndirektor, erklärt, warum die Steuerung nötig ist.

Herr Hofer, der V-Stil hat die Begrenzung der Skilänge nötig gemacht. Ist der Ski nun aus dem Fokus?

WALTER HOFER: Zunächst gab es ja den Effekt durch den V-Stil. Wir mussten alle Anlagen umbauen, weil sämtliche Profile nicht mehr gestimmt haben. Zwischen 1992 und 1996/97 haben wir dann die Skilänge reguliert, seitdem sind die Ski als Wettkampfgerät stabil.

In dieser Saison hat die Änderung der Anzugsweite von vier auf zwei Zentimeter für viel Gesprächsstoff gesorgt. Die Anzüge müssen jetzt dicht am Körper anliegen.

HOFER: 1996/97 gab es für Anzuggröße und -Dicke noch gar keine Vorschrift. In den letzten sieben Jahren wurde bei den Anzügen immer wieder etwas verändert, aber erst jetzt, als wir das tragende Gefühl vom Anzug etwas reduziert und es wieder mehr auf den Ski verteilt haben, gab es eine so starke Reaktion.

Was wollten Sie durch die Änderungen bezwecken?

HOFER: In erster Linie wollten wir das Messprozedere vereinfachen. Aber wir haben damit auch wieder eine leichte Reduzierung der aerodynamischen Effekte zugunsten der Athletik provoziert. Es bewirkt zwar eine höhere Flugkurve, aber durch die geringere Streuung werden die Wettkämpfe spannender. Zu weit darf man aber nicht springen, deswegen müssen wir mit der Anlaufgeschwindigkeit runtergehen, auch weil der Landedruck größer wird. Athletische Springer haben jetzt eine um Nuancen bessere Chance.

Die Windregel mit Bonuspunkten bei Rückenwind und Abzügen bei Aufwind hat das Springen sicherer und fairer gemacht. Ist das aber für die Zuschauer noch verständlich?

HOFER: Der normale Zuschauer versteht inzwischen, dass der Gegenwind von Vorteil ist und dass die Anlauflänge mit der Weite zu tun hat.

Ist es plausibel, dass der weiteste Sprung nicht zum Sieg führen muss?

HOFER: Das war doch auch schon im alten System so. Ammann ist einmal in Garmisch Schanzenrekord gesprungen, gewonnen hat aber Schlierenzauer mit einem Telemark. Das neue System ist transparent. Früher hätte es oft den Abbruch gegeben oder kein Springen.

Wird der Windkorridor von 2 Meter/Sekunde großzügiger gehandhabt?

HOFER: Wir verwenden einen Sicherheitskorridor. Dadurch gibt es zwar immer noch Unterschiede, die der Athlet als Vor- oder Nachteil der äußeren Bedingungen erfährt, aber darüber gehen wir aus Sicherheitsgründen nicht. Jedoch kann man bei Strömung aus einer Richtung bei Windgeschwindigkeiten von bis zu 4 Metern durchaus Ski springen.

In dieser Saison ist es den Trainern gestattet, ihre Springer auch aus einer tieferen Luke starten zu lassen. Auch Trainer wie Werner Schuster machen davon regen Gebrauch. Wird das Springen dadurch nicht noch unübersichtlicher?

HOFER: Nein, die Gate-Regelung trägt zur Transparenz bei. Wenn ein Trainer mit der von der Jury festgelegten Anlauflänge nicht einverstanden ist, kann er anders entscheiden. Er verwendet das auch aus taktischen Gründen: wenn er nicht will, dass sein Athlet bis zur Hillsize-Weite springt, sondern einen sauberen Telemark setzt.

Die Sicherheit ist zweifellos deutlich gewachsen, es gab glücklicherweise kaum mehr ganz schwere Stürze.

HOFER: Da sind wir sehr stolz drauf, an der Sicherheit müssen wir jeden Tag weiterarbeiten. Die Verletzungsrate liegt im Promillebereich, das ist für eine Risikosportart super. Weil die Anlaufspur im Gegensatz zu früher vorgefertigt ist, sind die Sprungski jetzt aber ein reines Fluggerät. Das bringt bei der Landung ein Risiko, weil der Ski weniger führt als früher.

Einst sind die Athleten mit rudernden Armen und mit paralleler Skiführung gesprungen. Ist in der Zukunft eine andere Technik als der V-Stil biomechanisch vorstellbar?

HOFER: Nur, wenn in dem System Ski-Bindung-Schuhe etwas gefunden wird, was die Aerodynamik verbessert. Das wird aber nicht in der Größenordnung der Veränderung durch den V-Stil sein.

Sind in der kommenden Saison weitere Neuerungen zu erwarten?

HOFER: Im Fernsehen gibt es ja schon die virtuelle Linie, die klarmacht: Wenn du die überspringst, gehst du in Führung. Mein Wunsch wäre es, diese Linie tatsächlich auf den Hang zu projizieren.

Mitunter wird der Vorwurf laut, die Fis sei nur noch eine Marionette des Fernsehens, die Sprünge würden wegen des TV-Zeitfensters auf Teufel-komm-raus durchgezogen.

HOFER: Ökonomisch kann Skispringen ohne mediales Fenster nicht existieren. Wir haben aber eine gewählte Wettkampf-Jury aus drei ehrenamtlichen Vertretern der nationalen Skiverbände. Ich biete den Rahmen, die Jury ist aber angehalten, aus rein sportlichen Gesichtspunkten zu entscheiden. Ich erfülle die Funktion eines Supervisors.