Leichtathletik-EM Alina Reh: Harter Weg bis zur EM

Berlin / Wolfgang Scheerer 06.08.2018

Runde um Runde werden sie auf der berühmten blauen Bahn im Olympiastadion drehen, fünfundzwanzig insgesamt. Und es gibt nur diese eine Chance, keinen Vorlauf. Ein Start über die 10 000 Meter heißt immer auch: Jetzt geht es um alles. Im besten Fall um eine Medaille bei der Leichtathletik-EM in Berlin. Richard Ringer vom VfB Friedrichshafen, 29 Jahre alt, ist der große Routinier, Alina Reh vom SSV Ulm 1846 mit ihren 21 Jahren eines der hoffnungsvollsten deutschen Lauftalente. Als einer der ersten im 125-köpfigen DLV-Aufgebot könnte Ringer heute (20.20 Uhr/ZDF) mit einem Erfolg für einen starken EM-Auftakt sorgen und gleich noch eine Ehrenrunde dranhängen. Denn der gebürtige Überlinger ist mit seiner persönlichen Bestzeit von 27:36,52 Minuten der bislang schnellste Europäer dieser Saison.

24 Stunden liegen zwischen seinem Rennen und Alina Rehs EM-Premiere.  Läuft es für die Laichingerin optimal (mit einer erhofften Steigerung um knapp 20 Sekunden), ist ebenfalls ein Platz auf dem Podest denkbar.

Große Kämpfernaturen

Beide, Reh und Ringer, kennen sich gut und schätzen sich sehr. Beide haben auch die bemerkenswerte Kämpfernatur gemeinsam.

Nach dem Höhentraining in St. Moritz wollte Richard Ringer bei der deutschen Meisterschaft in Nürnberg vor rund zwei Wochen eigentlich seinen 5000-Meter-Titel verteidigen. Ein fiebriger Infekt zwang ihn kurzfristig zur Absage und störte auch den Countdown für die Europameisterschaft. Am großen Traum haben die paar kleinen Viren nichts geändert: „Gold fehlt mir noch“, sagt Ringer selbstbewusst. Dass auch seine Freundin, die österreichische 5000-Meter-Läuferin Nada Ina Pauer in Berlin am Start ist, macht die gemeinsame große Aufgabe noch erfreulicher.

Als dritter deutscher Läufer nach Dieter Baumann (1997) und André Pollmächer (2007) hat Ringer im Mai den 10 000-m-Europacup in London gewonnen. Mit seiner Bestzeit katapultierte er sich auf Platz vier der ewigen deutschen Bestenliste. In Berlin hat er sich den 5000-Meter-Start ebenfalls vorgenommen. Vor zwei Jahren in Amsterdam feierte er auf dieser Strecke seinen größten Erfolg in einem dramatischen EM- Rennen: Fünf Läufer kamen zeitgleich ins Ziel, Richard Ringer gewann Bronze.

Aktuell auf Platz  sechs

Auch Alina Reh könnte in Berlin zusätzlich die 5000 Meter laufen. Die Norm hat sie als Zweite der deutschen Meisterschaft geknackt. Doch sie konzentriert ganz auf das 10 000-Meter-Rennen morgen (20.40 Uhr). „Das reicht“, sagt sie, und Trainer Jürgen Austin-Kerl nickt. „Aktuell liege ich auf Platz  sechs der Europarangliste und glaube, dass ich meine Zeit noch verbessern kann.“ Nach dem Ermüdungsbruch im rechten Wadenbein hatte Alina Reh sich erst auf den letzten Drücker in deutscher Jahresbestzeit von 32:17,17 Minuten qualifiziert und sagt nun wieder gewohnt angriffslustig: „Ich wünsche mir, dass am Ende die Zahl 31 vorne steht.“

Die Tiefpunkte einer schwierigen Saison sind abgehakt, längst geht der Blick wieder nach vorn. Selbstverständlich war das nicht, als nach dem April-Trainingslager im Allgäu wie aus dem Nichts die Schmerzen kamen und eine sechswöchige Zwangspause alles infrage stellte. „Zwischendurch habe ich das Ziel aus den Augen verloren“, sagt Alina Reh. Und Austin-Kerl fügt hinzu: „Das haut einem auch als Trainer erst einmal die Füße weg.“ Groß waren die Zweifel. Würde es für die EM in Berlin reichen? Ende Juni nutzte Alina Reh dann in Regensburg die letztmögliche Qualifikationschance über 10 000 Meter. „Alina hat trotz der Verletzung immer eisern daran geglaubt. Als Trainer ziehe ich den Hut vor ihr.“

Mit einer eilig angefertigten Prothese am Fuß hat sie durch Aquajogging langsam erste Fortschritte gemacht. „Es ging zweimal täglich ins Becken, 700 Minuten pro Woche. Ich hatte vom Schwimmgürtel rechts und links an der Hüfte schon Narben“, erzählt Alina Reh mit einem Augenzwinkern, doch die ganze Eintönigkeit dieses Trainingsmarathons blitzt noch einmal auf. „Ich weiß nicht, wie viele Kacheln im Schwimmbad sie gezählt haben muss“, sagt Jürgen Austin-Kerl.

„Es war jedenfalls ein Horror mit mir, weil mein Bewegungsdrang draußen so groß ist“, sagt Alina Reh mit entschuldigendem Blick zum Trainer. Morgen kann sie ihn in Berlin voll ausleben.

„Neutrale Athleten“ als Randerscheinung

Keine Flagge, keine Hymne: Die knapp 30 gemeldeten russischen „Neutralen Athleten“ firmieren offiziell nicht als Team. Gerade hat der Fall des Hallen-Weltmeisters Danil Lyssenko die Kritiker bestätigt. Nur wenige Stunden vor den ersten Wettbewerben in Berlin entzog der Weltverband IAAF dem Hochsprung-Favoriten das Startrecht. Er hatte mehrmals versäumt, seinen Aufenthaltsort für mögliche Dopingtest zu nennen.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel