Eine halbe Bootslänge kann grausam sein. Weil sie Träume erfüllt oder sie zerstören kann. Am Tag, nachdem Mahni Fatahi (18) und Julian Titze (19) ihre Träume von der Weltmeisterschaft aufgeben mussten, sitzen sie erschöpft im Ulmer Ruderclub. Draußen fällt der Regen in die Donau. Drinnen suchen die beiden Rudertalente nach den Ursachen für ihr Ausscheiden bei der Qualifikations-Regatta am vergangenen Wochenende in Ratzeburg. Vom Start weg lagen sie im Vorlauf hinten, nur eine halbe Bootslänge, doch den Vorsprung konnten sie nicht mehr aufholen. Am Ende fuhren sie im Leichtgewichts-Zweier auf der olympischen 2000-Meter-Distanz nur als Fünfte ins Ziel – und schieden damit für den eigentlichen Kampf um die Podestplätze aus. „Dass wir nicht ins A-Finale kommen könnten, hatten wir gar nicht im Blick“, sagt Titze.

Eigentlich galten sie als Favoriten für die U-23-WM im bulgarischen Plowdiw. Fatahi und Titze zählen zu den großen Nachwuchshoffnungen des Ulmer Ruderclubs Donau (URCD). Mit einem der acht Nachwuchs-Bundesstützpunkte beherbergen die Ulmer die wichtigste Kaderschmiede für Rudertalente in Süddeutschland. Die jungen Leistungssportler wollen den großen Ruderern folgen, die der erfolgsverwöhnte URCD hervorgebracht hat. Leuchtendes Beispiel: der mehrmalige Weltmeister und Olympiasieger von 2012, Maximilian Reinelt. Der Ulmer rudert seit fünf Jahren im Deutschland-Achter.

Nach internationalen Medaillen streben auch Fatahi und Titze. Beide wurden bereits Deutsche Vizemeister, allerdings noch nicht im gemeinsamen Zweier. Zusammen rudern die beiden erst seit diesem Jahr. Fatahi kam 2009 zum Rudern, Titze 2010. Beide waren schnell begeistert von der Stimmung im Team – und von den Trainingseffekten: „Bevor ich mit dem Rudern angefangen habe, war ich ziemlich moppelig“, erzählt Fatahi. Jetzt wirkt sein Körper drahtig, aber kaum übermäßig muskulös. „Viele denken, Ruderer hätten riesige Oberarme, aber das meiste kommt aus den Beinen“, erklärt Fatahi.

Um in Form zu bleiben, trainieren die Leistungssportler jeden Tag, oft bevor die Vorlesungen an der Uni beginnen. „Dann sitze ich morgens um halb 6 alleine am Ergometer“, sagt Fatahi. Nach dem Training geht es zum Chemie-Studium an die Uni Ulm, danach erneut zurück zum Training. Sein Ruderpartner Titze studiert Physik, ebenfalls an der Uni Ulm. Manche ihrer Freunde werfen ihnen vor: „Ihr denkt nur noch ans Rudern“, erzählt Fatahi. Dann erklärt er ihnen: „Der Ruderclub ist für uns eben wie eine große Familie.“

Schnell haben Titze und Fatahi gemerkt, dass sie harmonieren – nicht nur an Land, sondern auch im Boot. Im Training gebe es natürlich auch Momente, in denen sich beide zoffen, doch wenn es ernst wird, halten sie zusammen, sagt Titze: „So eine Niederlage wie in Ratzeburg stecken wir gemeinsam weg.“ Die Gründe für das schlechte Abschneiden bei dem vergangenen Rennen sieht er vor allem in der mangelnden Praxis: „Wir hatten sehr oft Krankheitsfälle.“ Und Fatahi fügt hinzu: „Das ganze Jahr war bisher eher durchwachsen.“

Im Mai hatten die beiden sogar eine Regatta im Zweier abbrechen müssen, weil Titze nach seiner Krankheit zu erschöpft war. Der Schock nach dem plötzlichen Abbruch saß tief. Beim Rennen in Ratzeburg war das noch zu spüren, meint Fatahi: „Wir hatten diesmal ein bisschen Angst, da richtig reinzugehen.“ Die Niederlage war eine bittere. „Wenn man verliert, tun die Schmerzen danach besonders weh“, sagt Tietze. Hinzu kommt die psychische Belastung für die jungen Leistungssportler. „Wir trainieren die gesamte Saison für ein paar wenige wichtige Rennen“, sagt Fatahi, „wenn dann der Erfolg fehlt, ist es besonders hart.“ Doch beide wissen, in einem Jahr können sie sich erneut für die Nachwuchs-WM qualifizieren.

Jetzt richten sie ihren Blick auf die DM vom 25. bis 28. Juni in Köln. „Wir wollen auf jeden Fall wieder im Zweier starten“, sagt Fatahi. Und dann wollen sie es allen beweisen: „Es wäre schön, wenn wir unsere Konkurrenten ein bisschen ärgern könnten.“ Und Titze fügt hinzu: „Da geht es um die Ehre!“

DRV-Regatta entfällt

Donau-Cup Der Ruder-Wettkampf in Ulm findet dieses Jahr in abgespeckter Form statt: Die DRV-Regatta entfällt. Als Grund nennt der Ruderclub auf seiner Homepage „geringes Interesse“ bei den Vereinen in Baden-Württemberg. Den Drachen-Cup und die Benefiz-Regatta „Rudern gegen Krebs“ wird es aber auch in diesem Jahr geben, traditionell am letzten Juni-Wochenende vom 26. bis 28. Juni.