Ulm Rollstuhlfahrer treibt mehr Sport als mancher Nicht-Behinderte

Vom Basketball zum Biathlon: Urs Rechtsteiner gehört gleich in mehreren Sportarten zu den Besten seiner Altersklasse. Foto: Oliver Schulz
Vom Basketball zum Biathlon: Urs Rechtsteiner gehört gleich in mehreren Sportarten zu den Besten seiner Altersklasse. Foto: Oliver Schulz
Ulm / UTE GALLBRONNER 31.05.2013
Urs Rechtsteiner sitzt im Rollstuhl. Im September wird er das Sportprofil am Anna-Essinger-Gymnasium besuchen. Seine Ziele hat der 13-Jährige hochgesteckt: Irgendwann will er bei den Paralympics dabei sein.

"Ist das Ihrer?" Die meisten Mütter zucken bei einer solchen Frage innerlich zusammen. Denn meist ist sie von einem tadelnden Unterton und leichtem Kopfschütteln begleitet. Auch Brigitte Recht-steiner passiert das. Immer dann, wenn Sohn Urs besonders schnell von der Schule nach Hause kommt. Denn auf dem Heimweg geht"s bergab, und da nimmt er nicht den Bus. "Das geht mit dem Rollstuhl viel schneller", sagt der 13-Jährige. Und die Mutter ist froh, dass sie es nicht sieht.

Urs Rechtsteiner besucht die 7. Klasse am Anna-Essinger-Gymnasium in Ulm. Er hat seine Baseball-Kappe falsch herum auf dem Kopf, trägt weite Hosen und sieht auch sonst aus, wie 13-Jährige eben aussehen. "Ich würde sagen, er ist immer mittendrin", sagt seine Klassenlehrerin Monika Klingbeil. Dass er im Rollstuhl sitzt, das ist in der Klasse kein Thema. Das ist eben so, das war schon immer so. Für Urs selbst sowieso. Er wurde mit einer Spina bifida geboren, auch als "offener Rücken" bekannt, und ist mit dem Rollstuhl groß geworden.

Urs sollte trotzdem eine Regelschule besuchen, das war von Beginn an klar. "Wir hatten Glück", erzählt seine Mutter. Schon an der Meinloh-Grundschule seien sie "ohne Vorbehalte" aufgenommen worden, gleiches gilt für das Gymnasium: "Das war alles völlig problemlos."

Der Sport hat Urs schon immer fasziniert. Seine Mutter hat großen Wert darauf gelegt, dass es nicht beim Zuschauen bleibt. Sie hat einen Übungsleiterschein für Rollstuhlsport gemacht und eine Kinder-Gruppe Rollstuhlbasketball gegründet. Es war der Einstieg in die Karriere, heute gehört Urs zur Junioren-Landesauswahl. Dort ist er der Jüngste, ebenso wie bei der zweiten Mannschaft der TSG Söflingen. Vor drei Jahren hat er Biathlon entdeckt: "Ich hab" das bei den Paralympics im Fernsehen gesehen, und es hat mir gleich gefallen. Das wollte ich auch versuchen." Schon wieder so ein glücklicher Umstand, denn das Leistungszentrum in Dornstadt liegt gewissermaßen vor der Haustür.

Für die Rechtsteiners war es nie eine Frage, dass ihr Sohn am Sportunterricht mitmacht. Auch das ist nicht unbedingt normal. "Der Normalfall ist, dass die Kinder vom Sport befreit werden", sagt Brigitte Rechtsteiner - viele Eltern sind zu ängstlich, Schulen lassen sich nicht darauf ein: "Manche beschäftigen sich gar nicht mit dem Thema. Und wenn sie mitmachen dürfen, dann höchstens als Schiedsrichter. Dabei ist Sport das inklusivste Fach überhaupt." Natürlich bedeutet es für den Lehrer zusätzlichen Aufwand. "Aber bis auf Turnen hat Urs alles mitgemacht", sagt Sportlehrer Jürgen Rueß: "Zur Not werden eben neue Regeln erfunden." Beim Fußball beispielsweise ist Urs meistens im Tor. "Das Problem ist nur, dass die Mannschaft, in der er spielt, dann im Vorteil ist", meint Rueß. In der Pause spielt Urs genauso mit, nur dass er den Ball eben mit der Hand spielt statt mit dem Fuß. Basketball geht sowieso, Volleyball auch und fürs Laufen gibt es Umrechnungstabellen.

Für Brigitte Rechtsteiner war klar, dass Urs in der 8. Klasse das naturwissenschaftliche Profil wählt. Doch da hatte sie die Rechnung ohne ihren Sohn gemacht: Urs wollte ins Sportprofil. "Sport ist einfach das, was mich am meisten interessiert. Auch die Theorie", sagt der 13-Jährige. Da lag für ihn nichts näher, als diesen Schwerpunkt zu wählen. "Natürlich mussten wir das im Kollegium erst einmal diskutieren", sagt Sportlehrer und Abteilungsleiter Michael Klippel. Mit der Deutschen Sporthochschule in Köln hat man nun einen Partner gefunden, der bei der Umsetzung helfen will. Bei der Diskussion an der Schule ging es nicht nur um die praktische Machbarkeit, sondern auch um den Gleichheitsgrundsatz. Keiner sollte benachteiligt werden, weder Urs noch die anderen. Also musste Urs durch den gleichen Test wie alle anderen Aspiranten, auch er musste Leistung bringen, Kondition und Spielfähigkeit nachweisen. "Er war leistungsmäßig bei allem mittendrin", sagt Klippel. Und dort sieht sich der 13-Jährige sowieso am allerliebsten.

Auch beim Einstein-Marathon im September will Urs starten. Die Frage ist nur, in welcher Disziplin. Die 800 Meter Handbike-Rennen bei den Schülerläufen sind ihm eigentlich zu kurz. "Ich denke eher an den Halbmarathon." Dann wird aus dem Rollstuhl ein Adaptiv-Bike, mit den Händen treibt er eine Kurbel an und kommt damit auf große Geschwindigkeiten.

Kraft hat Urs, das spürt jeder, der seine Hand drückt. Kraft, die vor allem vom Biathlon-Training kommt. "Auch dort wurde Urs ohne Vorbehalte aufgenommen. Die haben einfach gesagt: Kommt vorbei, wir kriegen das schon hin", erzählt Brigitte Rechtsteiner. Immer mittwochs trainiert Urs in Dornstadt, dazu kommen im Winter noch Lehrgänge. "Ich will in die Nationalmannschaft", sagt der 13-Jährige: "Und zu den Paralympics."

Bald wird es ihm so gehen wie den meisten jungen Leistungssportlern: Er wird sich zwischen Basketball und Biathlon entscheiden müssen. "Im Biathlon sind die Chancen größer", weiß der 13-Jährige. Zum einen gibt es wenige, die sich in einem Ausdauersport so quälen wollen, zum anderen ist Rollstuhl-Basketball ein klassischer Sport für diejenigen, die erst nach einem Unfall auf den Rollstuhl angewiesen sind. "Wer gelaufen ist, hat einen besseren Überblick. Unsere Kinder haben oft Probleme mit der Orientierung", erklärt Brigitte Rechtsteiner. Egal in welchem Sport, das Ziel ihres Sohnes ist klar: Er will noch viel erreichen und Spaß dabei haben.

Themen in diesem Artikel
Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel