Formel 1 Rennen auf dem Hockenheimring vor dem Aus

Von Manuela Harant 19.07.2018

Wenn am Sonntag um 15.10 Uhr die Motoren auf dem Hockenheimring aufheulen, wird die Begeisterung in Deutschland für die Formel 1 so groß sein wie seit Michael Schumachers Zeiten nicht mehr. Die Spannung, die Sebastian Vettel mit den Ferraristi im Zweikampf mit Mercedes-Pilot Lewis Hamilton in den früheren Langweiler zurückgebracht hat, schlägt sich nicht nur in zuletzt starken TV-Quoten bei RTL nieder, sondern auch vor Ort: Mehr als 68 000 Tickets sind bereits vergriffen, mit einer hastig installierten Zusatztribüne soll die 70 000er-Marke geknackt werden. So viele waren zuletzt vor zwölf Jahren dabei, als Schumacher – ebenfalls im Ferrari – seinen letzten Heimsieg feierte. Eins ist sicher: Das Motodrom, in dem sich die Boliden ganz nah an den Zuschauern um den Kurs schlängeln, wird beben.

Da wirkt es schon skurril, dass es das Rennen auf der nur optisch in die Jahre gekommenen Anlage vielleicht bald nicht mehr geben wird. Doch die vielen Geschichten, die tolle Stimmung und Traditionen zählen im Formel-1-Zirkus nichts, wenn die monetären Zahlen nicht stimmen. Während die vom neuen Eigentümer Liberty Media aufgerufenen Antrittsgagen in zweistelliger Millionenhöhe im fernen Osten aus der Portokasse gezahlt werden, finden sich in der Autonation Deutschland von der Industrie bis zur Politik nicht genügend Unterstützer, um das Geschäft mit der Königsklasse des Motorsports wieder attraktiv zu machen.

Aufgrund der positiven Zuschauerzahlen ist Hockenheim in diesem Jahr zumindest auf Kurs „schwarze Null“. Allerdings musste sich der Veranstalter dafür gewaltig strecken: Kinder bis sechs Jahre haben freien Eintritt, Jugendliche bis 16 Jahre können das Rennen für 45 Euro verfolgen, das gesamte Wochenende für 50 Euro. Zu den besten Zeiten haben Hockenheim-Besucher mehrere hundert D-Mark und später Euro dafür bezahlt. Doch nur so konnte der Wert von 2014 (52 000) und 2016 (57 000) deutlich gesteigert werden.

Nürburgring schon lange raus

„Es ist frustrierend zu sehen, dass wir für ein Land mit einer so großen Rennsport-Tradition keine Lösung gefunden haben – und dass offenbar niemand bereit ist, das finanzielle Risiko abzunehmen“, sagte Formel-1-Marketingchef Sean Bratches. Hinzu kommt: Wo sich früher noch die Kurpfalz (Hockenheim) und die Eifel (Nürburgring) abwechseln konnten, herrscht in Deutschland schon jetzt alle zwei Jahre gähnende Formel-1-Leere. Denn der insolvente Nürburgring sah 2015 und 2017 trotz gültigen Vertrags von einer Austragung ab.

Und der zehnjährige Kontrakt des Hockenheimrings, der noch  mit Bernie Ecclestone, dem Mann der alten Schule, geschlossen wurde, läuft am Sonntag aus. Konkrete Pläne über eine weitere Zusammenarbeit gibt es noch nicht. Sicher ist nur, dass der Rennkalender 2019 ohne einen Deutschland-Grand-Prix auskommt. Und auch wenn die Organisatoren weiter ihr „Bemühen“ beteuern, Hockenheim zurück in die Formel 1 zu holen, stellt Georg Seiler, Geschäftsführer der Hockenheimring-GmbH, gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ auch klar, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher: „Wir werden nicht draufzahlen und auf keinen Fall einen Vertrag unterschreiben, der ein wirtschaftliches Risiko beinhaltet.“

Allerdings kann seine Firma dabei bislang weder auf Unterstützung durch die öffentliche Hand noch auf Hilfe aus der Wirtschaft bauen. Genau hier erhofft sich der Ring-Chef allerdings Bewegung: „Es kann nicht sein, dass wir die Spielwiese stellen und die Zeche für andere zahlen“, sagt Seiler. Das klingt nach einem verzweifelten Hilfeschrei, der bislang auf allen Ebenen verhallt.

Ein potenzieller Geldgeber, auf den Seiler anspielt, wäre zum Beispiel Daimler. Der Weltkonzern aus dem nahen Stuttgart beschränkte sich bislang auf die Unterstützung von Marketingkampagnen und seine Teilnahme mit den Silberpfeilen. In Zeiten von Dieselskandalen und Elektrifizierung dürfte allerdings die Bereitschaft von Mercedes in den kommenden Jahren begrenzt sein, die Investitionen in die Formel 1 weiter zu erhöhen – zumal die Stuttgarter ab dem nächsten Jahr mit einem eigenen Werksteam in der florierenden Formel E antreten.

Den Fahrern selbst blutet derweil bei der Abschiedsvorstellung auf deutschem Boden das Herz. So war für Sebastian Vettel der Heim-Grand-Prix immer etwas Besonderes – und wird es auch über den Sonntag hinaus bleiben: „Wenn man ins Motodrom kommt, die ganzen Flaggen sieht und hoffentlich viele Leute in Rot, dann kribbelt es“, sagt der Heppenheimer. Ein Kribbeln, das er auf den aalglatten Kursen in Abu Dhabi oder Bahrain nicht spüren kann. Doch was ist den Machern der Formel 1 und ihren Unterstützern ein Kribbeln der Fahrer wert gegen die Millionen, um die es an so einem Wochenende geht? An der weiteren Entwicklung des Großen Preises von Deutschland wird es sich zeigen.

Rennen Nummer 11 von 21

Name: Hockenheimring

Streckenlänge: 4,574 Kilometer

Rundenzahl: 67

Grand Prix: 1970

Rekordsieger: Michael Schumacher (1995, 2002, 2004, 2006)

Das Streckenprofil: 2002 wurde der Kurs überholt. Die Strecke wurde zwei Kilometer kürzer und der Vollgas-Teil durch den Wald gestrichen. Stimmungs-Höhepunkt auch für die Fahrer: Das Motodrom. Fast-Fußball-Stimmung an der Formel-1-Strecke.

Der deutsche Faktor: Die Bilanz könnte wahrlich besser sein. Nur drei deutschen Piloten gelang auf dem Kurs mindestens ein Sieg. Neben Schumacher dessen Bruder Ralf (2001) und Nico Rosberg (2014). Vierfach-Weltmeister Sebastian Vettel wartet vor dem 36. Rennen in der Formel-1-Historie auf dem Kurs noch immer auf seinen ersten Grand-Prix-Erfolg auf dem Hockenheimring.

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