Markgröningen Olympischer Traum muss kein Traum bleiben

Der Markgröninger Rudersportler Florian Roller im Einer am Neckarufer bei Stuttgart. Im Deutschland-Achter der Leichtklasse gewann er kürzlich in Frankreich die Weltmeisterschaft.
Der Markgröninger Rudersportler Florian Roller im Einer am Neckarufer bei Stuttgart. Im Deutschland-Achter der Leichtklasse gewann er kürzlich in Frankreich die Weltmeisterschaft. © Foto: Imago
Markgröningen / SANDRA BILDMANN 17.10.2015
Ein Sieg und gleich acht neue Weltmeister: Bei den Titelkämpfen in Frankreich hat der deutsche Leichtgewichtsachter die Goldmedaille errudert. Mit im Boot: Florian Roller aus Markgröningen. Er surft und fährt gerne Rennrad, sein Erfolgssport aber ist das Rudern.

Im Kindergartenalter hat der Markgröninger Florian Roller mit dem Rudersport angefangen und 2005 seinen ersten Wettkampf bestritten. Damals war er Mitglied des Cannstatter Ruderclubs. Nach einem weniger erfolgreichen Intermezzo, als er für den Marbacher Ruderverein in der Schwergewichts-Klasse startete, sitzt er nun in Booten der Stuttgarter Rudergesellschaft aus Untertürkheim. 2013 wurde er vom deutschen Verband in die Nationalmannschaft berufen. Seitdem läuft's rund.

Für den gesamten Rudersport gelte, sagt Roller: "Man muss sich quälen können. Irgendwann schafft man es sich zu überwinden und dann zählen nur noch der Wille und das Ziel." Jene Fähigkeiten sind besonders während des Endspurts gefragt. Dann befindet sich der Körper in einer Ausnahmesituation: "Die letzten 200 Meter spüre ich nicht mehr. Da ist mir schwarz vor Augen." Als Leistungssportler erreiche man Laktatwerte von 24 Millimol pro Liter, berichtet Roller. Normal seien Werte unter zwei Millimol. Die Anfeuerungsrufe des Steuermanns nehme er am Ende nur noch unterbewusst wahr "und man denkt wirklich gar nichts mehr." Das wäre auch fatal, denn Unkonzentriertheit ist der größte Feind einer Ruder-Crew. Die Sportler müssen gut aufeinander abgestimmt sein und mit ihrer Technik die Schlagzahl synchron halten. Sonst droht die Gefahr, dass sich die Ruderer einen Krebs einfangen. In der Fachsprache ist damit gemeint, dass sich die Ruder (Riemen oder Skulls genannt) berühren, aus dem Rhythmus bringen und damit das gesamte Boot lahmlegen. Im Idealfall passiert das nicht - so wie beim entscheidenden Finalwettkampf des deutschen Leichtgewichtsachters bei der WM. Florian Roller gesteht ein, dass er schon Respekt vor diesem Rennen hatte, denn in den anderen Booten hätten schließlich Medaillengewinner und Olympiateilnehmer gesessen.

Vor den Wettkämpfen habe jeder gute Leichtgewichts-Ruderer drei bis vier Kilo zu viel Gewicht, erzählt Roller. Dann heißt es Abnehmen, denn im Schnitt darf jeder Sportler im Leichtgewichtsachter nur 70 Kilogramm wiegen. Kann die Grenze nicht eingehalten werden, wird das gesamte Boot vom Wettkampf ausgeschlossen.

Roller hat eine Disqualifikation noch nie erlebt: Er und seine Mitstreiter hatten immer rechtzeitig das Maximalgewicht erreicht - durch weniger trinken, abschwitzen, eine spezielle Ernährung und ein möglichst hohes Kraftniveau, wie er sagt. Einmal hat er über einen Winter mithilfe einer Radikaldiät siebeneinhalb Kilogramm abgenommen. "Durch ein anderes Training habe ich den Fettstoffwechsel angeregt und nur zwei Stücke Melone am Tag gegessen", erzählt der 22-Jährige. Die Obergrenze von 72,5 Kilogramm in der generellen Leichtgewichtsklasse zu erreichen und zu halten erfordert Disziplin: Abnehmen in dieser radikalen Form ist "richtig anstrengend und ekelhaft."

Die meiste Kraft mobilisiert ein Ruderer im Oberkörper und in den Beinen. Dabei hilft ihm der bewegliche Sitz im Boot. Der Oberkörper fungiere dabei als Kraftüberträger: "Die Arme müssen nur halten und mitschwingen." Wenn's bei einem Ruderer zwickt, dann im Rücken, speziell in der Lendenwirbelsäule, meint der junge Athlet. Er selbst hat noch keine größeren Verletzungen erlitten. Lediglich vergangenen Winter hat ihn eine Sehnenscheidenentzündung im Arm drei Monate weitgehend außer Gefecht gesetzt.

Das Jahr über trainiert jeder Athlet individuell, erst kurz vor den Wettkämpfen finden sich die Teams zusammen. Roller absolviert drei Trainingseinheiten pro Tag. Los geht es früh morgens bevor der Luft- und Raumfahrttechnik-Student die Vorlesungen an der Stuttgarter Uni besucht. Danach trainiert er in Untertürkheim, abends folgen schließlich eine individuelle Einheit auf dem Ergometer, Stabilitätsübungen oder im Sommer einige Runden im Freibad.

Der Leichtgewichtsachter ist keine olympische Bootsklasse. Aus der Traum von Olympia? Im Gegenteil: Roller will sich mit dem Vierer qualifizieren und dafür "alles andere hinten anstellen". Die aktuelle Besetzung in diesem Boot war zuletzt erfolglos geblieben, so steigen seine Chancen auf eine Nominierung. Der olympische Traum: alles andere als aussichtslos.