Die Menge im abgedunkelten Saal klatscht laut und rhythmisch. Mit festen Schritten tritt Alaa Ghazal in den Lichtkegel der Bühne. Sein Blick ist an die Langhantel geheftet, die vor ihm liegt. 140 Kilo Eisen, das er gleich in die Höhe wuchten wird. Bundesliga-Alltag der Gewichtheber vom KSV Durlach. Beim letzten Wettkampf der Saison geht es gegen das Oder-Sund-Team um die Platzierungen. Für Ghazal ist es viel mehr als das. Nach einem Jahr Durststrecke, nach Krieg und Flucht, darf der mehrfache Asia-Meister im Gewichtheben endlich wieder das tun, wofür er brennt. In der KSV-Sporthalle ist er nicht der Flüchtling aus Syrien, hier ist er Teil der Mannschaft. Die 140 Kilo schafft er im ersten Versuch. Manch andere Hürde in seinem neuen Leben lässt sich nicht so leicht aus dem Weg räumen.

Zwei Tage vor Saisonabschluss erzählt Ghazal, wie aus ihm ein international erfolgreicher Gewichtheber wurde. "Eigentlich war es Zufall", sagt er auf Arabisch. "Am Anfang hat es mir überhaupt keinen Spaß gemacht." Seit November lebt der 30-jährige Syrer mit über 50 anderen Flüchtlingen in einer einstigen Diskothek im Markgröninger Industriegebiet, die jetzt eine Gemeinschaftsunterkunft ist. Die deutsche Sprache fällt ihm noch schwer, doch diese Hürde will er unbedingt nehmen. Als Gewichtheber hat er gelernt, sich durchzubeißen.

Mit 15 syrischer Jugendmeister, mit 17 Jahren Gold bei den Asia-Spielen in Südkorea. Als Alaa zwölf war, kamen Talent-Scouts in seine Schule im syrischen Latakia und schickten ihn, den schmächtigen Jungen, zum Kraftsport. Die ersten Monate ging er nur widerwillig zum Training. Doch dann merkte er, wie er immer größere Gewichte bändigen konnte und mit seinen Muskeln auch die Anerkennung wuchs. "Irgendwann wollte ich nur noch Gewichte heben", erzählt er. Er verbrachte fortan mehrere Stunden im Kraftraum, vor und nach der Schule, freiwillig. Mit 13 Jahren gewann er den ersten Wettbewerb in seiner Heimatstadt, mit 15 wurde er syrischer Jugendmeister, mit 17 holte er Gold bei den Asia-Spielen in Südkorea.

Seine Karriere ging steil bergauf. Doch das Leben als Profi-Kraftsportler hinterlässt Spuren. Als ihn mehr und mehr Verletzungen plagten, ging Ghazal mit Anfang 20 nach Ägypten und studierte Schifffahrtswesen an einer Akademie. Das Intermezzo dauerte fünf Jahre, dann zog es ihn wieder an die Hantel. Mit hartem Training kehrte auch der Erfolg zurück. Mit dem syrischen Nationalteam gewann er weitere Titel, bestritt Wettkämpfe vor 5000 Fans. Zuletzt stemmte der 1,75-Meter große Syrer in seiner Heimat deutlich über 350 Kilo im Zweikampf aus Reißen und Stoßen - und brachte selbst gerade mal 85 Kilo auf die Waage.

Diese Zahlen klingen wie aus einer anderen Welt. Beim Saisonfinale mit dem KSV Durlach schaffte Alaa Ghazal vor etwa 80 Zuschauern 110 Kilo im Reißen und 145 Kilo im Stoßen. Von seiner Bestleistung ist er momentan noch weit entfernt. Und doch sagt er: "Ich bin glücklich, dass ich wieder stoßen kann."

Der Sport trat in den Hintergrund, als der Krieg in seine Stadt kam und mit ihm die Bomben. Über ein Jahr konnte Alaa nicht trainieren. Den endgültigen Entschluss zu fliehen fasste er, als Assads Armee ihn, den Reservisten, nochmals einziehen wollte. Er ließ alles hinter sich und machte sich allein auf die ungewisse Reise. Sein Weg führte über den Libanon, die Türkei, Griechenland und die Balkanroute bis nach Markgröningen. Und schließlich zum KSV Durlach.

Ende Dezember stellte sich Ghazal bei den Durlacher Gewichthebern vor. Den Kontakt hatte Marco Klun, ein ehrenamtlicher Helfer aus Markgröningen, geknüpft. KSV-Trainer Thomas Schweizer erkannte sofort das Potenzial seines neuen Schützlings. "Dafür, dass Alaa über ein Jahr Pause hatte, ist seine Leistung beachtlich", sagt Schweizer, der selbst mehrfach deutscher Gewichtheber-Meister war. Nach nur wenigen Trainingseinheiten gab Alaa Ghazal im März sein Debüt in der Bundesliga - als erster Flüchtling in Deutschland überhaupt. Der KSV-Trainer ist sich sicher: Wenn Alaa regelmäßig trainieren kann, kann er in der nächsten Saison ein fester Teil der Mannschaft sein.

Doch regelmäßig trainieren, das hieße derzeit: vier bis fünfmal in der Woche abends von Markgröningen nach Karlsruhe zu pendeln. Mit Bus und Bahn ist das nicht nur umständlich, sondern auch teuer. Weniger Training aber bedeutet mehr Verletzungen. Das hat Alaa anfangs schmerzhaft in der Schulter zu spüren bekommen, als er nur einmal die Woche - gemeinsam mit Marco Klun - nach Karlsruhe fahren konnte. Er wollte schon alles hinschmeißen. Doch der Bundesliga-Einsatz hat ihm wieder Auftrieb gegeben. Der Syrer möchte so schnell wie möglich nach Karlsruhe ziehen. Seit mehreren Wochen sucht er dort nach einem Zimmer. Der KSV Durlach unterstützt ihn dabei. Auch behördliche Formalitäten gibt es noch zu klären. Ghazals Vorbild ist der ehemalige Gewichtheber Matthias Steiner. Der gebürtige Österreicher war nach sportlichen Krisen und Einbürgerung unter deutscher Flagge 2008 Olympiasieger geworden. Auch Alaa hat ein ehrgeiziges Ziel: "Mein Traum ist es, vielleicht einmal für die deutsche Nationalmannschaft zu stoßen."