Tennis Mythos Sandplatztennis lebt in Paris auf

Kämpfen bis zum Umfallen: Das hat der Italiener Marco Cecchinato beim Viertelfinalsieg gegen Altstar Novak Djokovic bewiesen.
Kämpfen bis zum Umfallen: Das hat der Italiener Marco Cecchinato beim Viertelfinalsieg gegen Altstar Novak Djokovic bewiesen. © Foto: Christophe Archambault/afp
Jörg Allmeroth 09.06.2018

Er ist schon 23 Jahre her, der naßkalte Abend in Paris, an dem Boris Becker in heiligen Zorn geriet. Er spielte in der hereinbrechenden Dämmerung und im Nieselregen bei den French Open gegen den Rumänen Adrian Voinea, die Bälle waren schwer, die Aufgabe schwerer als erwartet. Beckers wütende Schreie über den immer dunkler werdenden Court. „Soooo tief“, rief Becker. Er meinte den Boden. „Sooo schlecht“, rief Becker. Er meinte die Sicht. Als fast niemand mehr etwas sah, stoppte der amerikanische Supervisor Brian Earley die Partie. Becker schulterte seine Tasche, ging davon. Und als er am nächsten Tag wiederkam verlor er das Match gegen den krassen Außenseiter. „Vielleicht spiele ich nie wieder in Paris“, sagte Becker danach im kleinen Kreis.

Das Turnier in Frankreichs Kapitale ist kein Turnier, das jeder und jede im Wanderzirkus der Professionals bedingungslos liebt, wahrlich nicht. Für viele in der Karawane der Tennisnomaden ist es die bei weitem schwerste Herausforderung in einer ohnehin schon auszehrenden Saison, sieben Matches über fünf Gewinnsätze braucht es in der Herrenkonkurrenz, um den Sandplatzkönig zu ermitteln. Selbst den Größten aller Zeiten in dieser Spezialdisziplin, den mallorquinischen Matador Rafael Nadal, kostete das in manchen seiner Herrschaftsjahre bis zu 20 Stunden schweißtreibende Spielzeit.

Agassis Schicksalsturnier

Der Mythos dieses Major-Turniers speist sich auch aus der Galerie der großen Gescheiterten, wie Becker oder auch Pete Sampras, die beide nie unterm Eiffelturm gewannen. Und aus jenen Spielern, die nach ewigen Anläufen, nach vielen vergeblichen Versuchen doch noch triumphierten. Wie Andre Agassi, der bei seiner Siegesmission im Jahr 1999 auch noch in Steffi Graf die Liebe seines Lebens fand.

Sandplatztennis damals war noch etwas klassischer als das, was man sich üblicherweise unter diesem Begriff vorstellt. Ein bisschen mehr Blut, Schweiß und Tränen. Auch entschleunigtes Spiel, eine Geduldsübung, mehr Schach als Speed. Wenn Spezialisten wie der Argentinier Guilermo Vilas einst ans Werk gingen in Paris, dann machte sich die Pressemeute einen Scherz aus der Gemächlichkeit der Geschehnisse: Man könne gern einen Kaffee trinken gehen, hieß es auf der Medientribüne, und danach sei man rechtzeitig zum nächsten Ballwechsel ja wieder da.

Dabei erlebt man bei den French Open ja kein extrem anderes Tennis als anderswo: Es wird mit extremer Athletik gespielt, mit modernen Rackets, die automatisch mehr Geschwindigkeit produzieren. Das Spiel lebt von schneller Konfrontation, die sagenhaft langen Ballwechsel früherer Tage sind nun eher die Ausnahme. „Die Beläge haben sich weltweit angenähert. Ist das gut oder nicht? Das muss jeder für sich entscheiden“, sagt der frühere Tennis-Oberflegel John McEnroe. Der Amerikaner sprach jüngst sogar davon, dass zwischen Wimbledon, dem ewigen Mekka der Hochgeschwindigkeit, und Paris „fast kein Unterschied mehr“ bestehe.

Unvergleichbare Abnutzung

McEnroe übertreibt gerne, er liebt die Zuspitzung, er lebt von manchen steilen Thesen. Denn wahr ist: Trotz aller technischen Neuerungen beim Arbeitsgerät der Profis, trotz aggressiverer Spielweise ist Paris weiter so etwas wie die Langstrecke im Profitennis. Der gefühlte Marathon, der legendäre Abnutzungskampf. Ihm sind in diesem Jahr bereits hochgehandelte Siegkandidaten wie der Hamburger Alexander Zverev zum Opfer gefallen. Oder der ratlose Novak Djokovic. Vier Stunden im Sand von Roland Garros fühlen sich eben anders an als vier Stunden in Wimbledon. Oder auch in New York oder Melbourne. Man braucht die zweite oder dritte Luft, um hier schließlich zu siegen. Wenigstens einmal. Fragen Sie doch Andre Agassi.

Dominic Thiem fordert im Finale Rafael Nadal heraus

Als zweiter Österreicher nach Thomas Muster vor 23 Jahren ist  Dominic Thiem bei den French Open in ein Grand-Slam-Finale eingezogen. Doch die Hürde auf dem Weg zum Titel könnte mit "Sandplatzkönig" Rafael Nadal höher nicht sein. Während der 24 Jahre alte Thiem durch einen 7:5, 7:6 (12:10), 6:1-Erfolg das Tennis-Märchen des italienischen Überraschungsmannes Marco Cecchinato beendete, zog der acht Jahre ältere Nadal durch ein klares 6:4, 6:1, 6:2 gegen den Argentinier Juan Martin Del Potro in sein elftes Endspiel in Paris ein. Gewonnen hat er bislang alle. "Ich bin glücklich, dass ich schon wieder im Finale stehe", sagte Nadal: "Thiem ist ein großartiger Spieler, der mich schon oft gefordert hat. Ich muss mein bestes Tennis zeigen."

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