Ruhpolding Kraxenbachloder - der Mann ohne Kopf

Ruhpolding / SWP 07.03.2012
Es ist eine Sagengestalt. Die Ruhpoldinger aber schwören darauf, dass der Kraxenbachloder unweit der Biathlon-Anlage sein Unwesen treibt.

Unter den Älteren der 1300 freiwilligen Helfer bei der Biathlon-WM sind etliche, die früher Holzknecht waren. "Bis 1960 war die Forstwirtschaft der größte Arbeitgeber in Ruhpolding. Mein Vater war auch Holzknecht", sagt Martin Haßlberger, der Ruhpoldinger Tourismus-Direktor. Ganz besonders die Holzknechte, die im waldigen Gebirg des Vorderen Kraxenbaches, gerade mal vier Kilometer von der Biathlon-Arena entfernt, Bäume gefällt und mit großen Mühen zu Tale transportiert haben, haben ihn gefürchtet, den wilden Kraxenbachloder.

Er gehört zu jenen unglücklichen Gestalten, die nach dem Tode keine Ruhe fanden, weil sie ein gottloses Leben geführt haben. Schaurig, so die Sage, ist er anzusehen: Seinen Kopf, auf dem ein Spitzhütl sitzt, trägt er unterm Arm. Das Gespenst soll Menschen erschrecken, die sich zu tief in die Wildnis gewagt haben. Auch der "Lambacher Wastl" hatte ein Erlebnis der unheimlichen Art. Als der urwüchsige Holzknecht hoch droben im Bergwald an einer Quelle Wasser schöpfen wollte, erschien der Kraxenbachloder. Die grässliche Gestalt verfolgte den Burschen, dem es gerade noch gelang, die Tür seiner Holzstube hinter sich zuzuschlagen. So die Legende. Im Gipfelhaus der Rauschbergbahn ist die mystische Begegnung auf einem Gemälde festgehalten: Der Kraxenbachloder, in dessen Kopf ein blutverschmiertes Beil steckt, stiert den Holzknecht mit stechenden Augen an. Am Rauschberg hat die Gemeinde einen Sagenweg angelegt, auf dem acht bis zehn der Legenden mit Text und Bild dargestellt sind.

Dass die Phantasie der Holzknechte von solchen Geschichten beflügelt wurde, verwundert nicht, verbrachten sie doch die ganze Woche inklusive der dunklen Nächte droben im Wald. Mit Hacken - die Wiegensäge war noch nicht erfunden - wurden ab 1680 über 15 000 Festmeter Fichtenholz im Jahr in Ruhpolding geschlagen. 1670 war von Bad Reichenhall eine Salinenleitung nach Traunstein gebaut worden. Die Stämme wurden dort für die Salzverarbeitung benötigt.

Die vier Meter langen Stämme ins Tal zu transportieren, war ein heikles Unterfangen. Das Wasser der Gebirgsbäche wurde dabei in sogenannten Klausen aufgestaut. Wenn die Schleusen geöffnet wurden, stürzten die Stämme ins Tal. Bei waghalsigen Fahrten auf dem Hörnerschlitten über die Ziehwege legte das Holz des Winters die letzte Wegstrecke zurück. Der Job war gefährlich, dagegen waren selbst Begegnungen mit dem Kraxenbachloder harmlos. "Jedes Jahr hat es zwei bis drei Leute erwischt", weiß Haßlberger. Manches Marterl am Wegrand erinnert an die Unfälle.