Dass Schüler nach Bewegungspausen wieder aufmerksamer und konzentrierter zuhören können, dass sie weniger aggressiv sind, dass sie nach kurzen, schnellen Belastungen besser Vokabeln lernen können: Das wissen viele Lehrer zu berichten. "Körperliche Aktivität fördert die Neubildung, das Wachstum, die Aufrechterhaltung und Vernetzung von Nervenzellen. Durch Sport und Bewegung läuft Lernen leichter", betont Dr. Renate Kubesch, Sport- und Neurowissenschaftlerin am Heidelberger Institut Bildung plus.

Die Erkenntnisse der Neurowissenschaften haben sich inzwischen über 800 der 2500 Grundschulen in Baden-Württemberg zu eigen gemacht. Als "Grundschulen mit sport- und bewegungserzieherischem Schwerpunkt" (GSB) - das Projekt wurde im Jahr 2000 gestartet - gilt für sie im Sinne eines rhythmisierenden Wechsels zwischen Be- und Entlastung die Bewegung als Unterrichtsprinzip in allen Fächern. Diese Schulen setzen sich zum Ziel, jeder Klasse neben dem bewegten Lernen und den Bewegungspausen überdies 200 Minuten qualifizierten Sportunterricht pro Woche anzubieten.

Die positiven Erfahrungen an den Grundschulen hatten das Kultusministerium 2010 bewogen, das Konzept mit Hilfe des Landesinstituts für Schulsport, Schulkunst und Schulmusik Baden-Württemberg (LIS) in Ludwigsburg auf die weiterführenden Schulen im Lande auszudehnen. Inzwischen sind 43 Gymnasien, Real-, Haupt- und Werkrealschulen - jeweils etwa zu gleichen Teilen - für fünf Jahre zertifiziert, darunter die erste Gemeinschaftsschule. 60 weitere befinden sich noch in der Warteschleife.

Angesichts von rund 2000 weiterführenden Schulen im Lande nur ein Tropfen auf den heißen Stein? "Nein", sagt Edwin Gahai, der Leiter des LIS, "das angesichts der fachspezifischen Lehrerschaft etwa am Gymnasium zu transportieren, ist viel schwieriger. Da ist ein viel dickeres Brett zu bohren als an der Grundschule." Projektleiter Franz Platz ergänzt: "Wir haben die Anforderungen bewusst hoch gehalten. Wir wollen, dass das an der Schule lebt, also eine sehr hohe Wertigkeit hat."

Die Wissenschaft bestätigt die Marschroute. Zuletzt sind die sogenannten exekutiven Funktionen, in den deutschsprachigen Ländern in den Diskussionen noch immer vernachlässigt, zunehmend in den Fokus gerückt. "Immer mehr Studien untermauern, wie wichtig der Sport ist hinsichtlich der exekutiven Funktionen", betont Sabine Kubesch. Unter den exekutiven Funktionen versteht man dreierlei: das Arbeitsgedächtnis (sozusagen die Suchmaschine des Gehirns; ermöglicht es, Informationen kurzzeitig zu speichern und damit zu arbeiten), die Inhibition (versetzt in die Lage, spontane Impulse zu unterdrücken, die Aufmerksamkeit willentlich zu lenken und Störreize auszublenden) sowie die kognitive Flexibiltät (Fähigkeit, den Fokus der Aufmerksamkeit zu wechseln, sich schnell auf neue Situationen einzustellen und andere Perspektiven einzunehmen). "Diese Funktionen steuern im Zusammenspiel selbstreguliertes Verhalten. Sie unterstützen uns zudem, Entscheidungen zu treffen, planvoll, auch flexibel vorzugehen", führt die Wissenschaftlerin aus, die vier Jahre lang am ZNL, Transfer-Zentrum für Neurowissenschaften und Lernen in Ulm, unter Prof. Manfred Spitzer geforscht hat.

"Das Training entfaltet sich am besten, wenn es sich durch den ganzen Schultag zieht", verdeutlicht Sabine Kubesch: "Das Gehirn von körperlich Fitten arbeitet effizienter." Überhaupt sei das Gehirn sogar noch anpassungsfähiger als ein trainierter Muskel, es gilt als das anpassungsfähigste menschliche Organ. Gerade die Mannschafts-Sportarten fördern die Verbesserung der exekutiven Funktionen, im Stirnhirn gesteuert, ganz beträchtlich.

Die Erfahrungen der Grundschulen dienen jetzt auch an den weiterführenden Schulen als Grundlage. "Viele Schulhöfe haben sich schon verändert, die Bewegungspausen ziehen sich durch das Land. Manche Schüler fordern das nach einiger Zeit ein", betont Ulla Seitz vom LIS. Das Thema, so die Experten, wird durch die Ganztagesschule weiter an Bedeutung gewinnen.

Allerdings: Altgediente Mathe-, Deutsch- oder Geschichtslehrer sowie pubertierende Schüler für Bewegungspausen im Unterricht zu begeistern, dazu ist viel Überzeugungsarbeit nötig. Über 60 Multiplikatoren im Land werben bei Schulleitertagen, Fortbildungen, Lehrer- und Schulkonferenzen, Pädagogischen Tagen und Kongressen für die Idee. "Ich habe noch nie erlebt, dass jemand gekommen ist und gesagt hat: So ein Mist. Auch bei der Elternschaft funktioniert das, wenn man die Argumente liefert. Und als Lehrer fühlt man sich im Unterricht weniger belastet", berichtet Projektleiter Platz. Der 64-Jährige ist Sport- und Biologie-Lehrer am Paracelsus-Gymnasium Stuttgart-Hohenheim.

Kleine Beispiele für etwas Bewegung im Unterricht auch an weiterführenden Schulen: Vokabeln mal pantomimisch umsetzen; Arbeitsblätter nicht einfach austeilen, sondern von den Schülern am Lehrerpult abholen lassen; neue Trends wie Slacklinen, Speedstacking oder Crossboccia aufgreifen. Franz Platz sagt es so: "Jeder Lehrer kann sich überlegen, wo man Kopf, Körper, Hände und Füße einsetzen kann."

Wichtiger als Intelligenzquotient oder Leseleistung