Leichtathletik Jürgen Kessing: „Wir hinken gewaltig hinterher“

Ulm/Berlin / Wolfgang Scheerer 03.08.2018

Die Leichtathletik-EM in der kommenden Woche (6. bis 12. August) in Berlin ist dieses Jahr das größte internationale Sportereignis in Deutschland. DLV-Präsident Jürgen Kessing, hauptberuflich Oberbürgermeister in Bietigheim-Bissingen, spricht im Interview über die hohen Erwartungen, Siegerehrungen am Breitscheidplatz, den Russen-Bann und Robert Hartings Abschied in seinem „Wohnzimmer“.

Herr Kessing, 125 deutsche Leichtathleten starten bei der Heim-Europameisterschaft. Ein Rekord-Aufgebot. Was erwarten Sie als Präsident von der DLV-Mannschaft?

Dass unsere Athleten beim Saisonhöhepunkt ihre besten Leistungen bringen und der Funke überspringt aufs Publikum – und zurück. Dann können wir uns hoffentlich über viele Finalplatzierungen freuen und über eine ordentliche Medaillenbilanz.

Gibt es keine konkrete Vorgabe?

Nein. Wir haben keine Zahl X. Wir wünschen uns möglichst großen Erfolg, wollen aber niemanden unter Druck setzen. Das hat keinen Sinn. Die Mischung im Team ist jedenfalls sehr gut: zahlreiche Etablierte und junge hoffnungsvolle Talente. Hoffen wir also auf viele positive Überraschungen.

Einer der Großen der vergangenen Dekade ist Robert Harting, der zum letzten Mal bei einem internationalen Großereignis den Diskus segeln lässt – in seinem „Wohnzimmer“.

Es ist sein Stadion. Für ihn schließt sich ein Kreis. Der Aufstieg des Sterns Harting war 2009 bei der WM in Berlin. Etwas Schöneres, als noch einmal unter dem Berliner Nachthimmel zu glänzen, kann man ihm gar nicht wünschen.

Harting ist jetzt 33 Jahre alt und hat sich in seiner letzten Saison auf den letzten Drücker qualifiziert. Wie wichtig ist er für die EM und die deutsche Leichtathletik?

Für die EM ist er als Ur-Berliner ein wunderbarer Botschafter und fast so etwas wie Mit-Gastgeber vor Ort. Er mobilisiert viele Fans. Für die deutsche Leichtathletik war er das Aushängeschild der letzten Jahre schlechthin.

Er hat sich nicht nur als Diskus-Star einen Namen gemacht, sondern auch als kritischer Kopf. Gibt es Überlegungen, ihn nach seinem Karriere-Ende beim DLV einzubinden?

Die Überlegungen gibt es sicher, aber noch nicht abschließend. Zunächst muss er selbst entscheiden, wie er sich seine Zukunft vorstellt. Dazu kenne ich seine Lebensplanung auch nicht in aller Gänze.

Sie müssen auf jeden Fall keine Angst haben, dass er Sie gleich als DLV-Präsident beerben will?

Dafür ist eine Mehrheit nötig (lacht), um die muss er dann werben. Und man braucht, um im Funktionärsdasein erfolgreich zu sein, manchmal andere Qualitäten als im Leistungssport. Diplomatie ist unter Umständen nicht schlecht.

Wie gut tut die Europameisterschaft der Leichtathletik in Deutschland?

Für uns ist diese EM eine wichtige Zwischenstation zu weiteren Höhepunkten in den nächsten Jahren, seien es Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele. Warten wir ab. Zugleich erhoffen wir uns durch die hohe Fernsehpräsenz in der EM-Woche, dass sich wieder mehr Menschen für die Leichtathletik interessieren, begeistern und sie vielleicht auch selbst ausüben wollen.

Kommt nach Robert Harting genügend nach, um mehr Zuschauer als das Stammpublikum zu faszinieren?

Wir haben viele Nachwuchsathletinnen und -athleten. Darunter sind einige tolle Kandidaten, die eine solche Rolle einmal übernehmen könnten. Gerade auch was Baden-Württemberg angeht, sind wir in der Breite und in der Spitze sehr gut aufgestellt. Als ehemaliger Zehnkämpfer nenne ich als Beispiel nur einmal die beiden Ulmer EM-Starter im Mehrkampf, Arthur Abele und Mathias Brugger, oder 1500-Meter-Läufer Timo Benitz, Weitspringer Fabian Heinle, Hochspingerin Marie-Laurence Jungfleisch oder auch Hindernisläuferin Elena Burkard, um nur einige zu nennen. Hier leisten viele Leute gute Arbeit.

Die EM im Olympiastadion soll ein großes Sportfest werden. Sie holen die EM aber auch ins Herz der Stadt Berlin. Ist dazu nicht ein enormer Sicherheitsapparat notwendig?

Das ist unabhängig von Berlin der Fall: an jedem Ort Europas, wo viele Menschen zusammenkommen. Es gibt ein umfassendes Sicherheitskonzept, das mit vielen Stellen abgestimmt ist. Mehr kann man eigentlich nicht tun. Aber es ist uns eben sehr wichtig, zu den Menschen zu gehen.

Und das ausgerechnet mit Events und Siegerehrungen auf der so genannten Europäischen Meile, die auch den Breitscheidplatz umfasst mit seiner schweren  Hypothek?

Gerade hier soll die EM ein Fest für Frieden, Freiheit und die Demokratie werden. An diesem Platz, Zentrum eines terroristischen Anschlags, wollen wir ein Zeichen setzen: Wir gehen in Deutschland offensiv mit diesen Dingen um und lassen uns nicht einschüchtern. Paris und London sind da für mich die großen Vorbilder. Nun sind wir in Berlin am Zug.

Ein Ereignis wie die EM wird auch begleitet von einem anderen großen Thema. Stichwort Anti-Doping- Kampf. Was die Russen angeht, dürfen nur einzelne Athleten unter neutraler Flagge starten. Wann kann sich daran etwas ändern?

In die große Familie der Leichtathletik ist eine Rückkehr erst möglich, wenn der russische Sport einräumt, dass er systematisch gedopt hat. Was übrigens gutachterlich belegt ist durch den McLaren-Bericht. Künftig müssen dort jederzeit unabhängige Kontrollen möglich sein. Das sind unabdingbar die Mindestvoraussetzungen. Noch bedarf es weiterer Anzeichen, dass sich tatsächlich etwas bewegt.

Wo stehen wir im Doping-Kampf, wo sehen Sie Nachholbedarf?

Der deutsche Sport ist sehr weit vorne. Wir sind eines der ersten Länder, die ein Anti-Doping-Gesetz hatten und das konsequent umsetzen. Unsere Athleten sind die mit am häufigsten untersuchten. Zu Recht pochen sie auf Chancengleichheit, die nur erreicht wird, wenn in anderen Nationen ähnlich gut kontrolliert wird. Wir werden weiter an der Spitze der Bewegung stehen und für Sauberkeit, Transparenz und die gleichen Chancen für alle kämpfen.

Sie sind im vergangenen November gewählt worden, mitten in den EM-Vorbereitungen. Wo setzen Sie künftig Prioritäten?

Es blieb kaum Zeit, über das Amt nachzudenken, weil es eine Menge zu tun gab. Und mein Hauptberuf als OB darf natürlich auch nicht darunter leiden. Auch in den nächsten Jahren geht die Arbeit sicher nicht aus: Mir liegt die Nachwuchsförderung am Herzen, wir wollen die Mitgliederzahlen steigern. Und die Infrastruktur muss gestärkt werden. Denken Sie gerade im Fall Berlin nur an die Diskussionen über den möglichen Umbau des Olympiastadions in eine reine Fußball-Arena.

Dann gäbe es quasi außer in Nürnberg kein großes Leichtathletik-Stadion mehr in Deutschland.

Genau. In Süddeutschland haben wir nicht einmal mehr ein Stadion, das für eine deutsche Meisterschaft geeignet ist. Sindelfingen, Heilbronn, Ulm, überall müsste für optimale Bedingungen erst wieder Geld in die Hand genommen werden.

Besteht Grund zur Hoffnung?

Es laufen Gespräche mit den Kommunen, und ich habe die Kultusministerin angeschrieben und um Unterstützung gebeten. Darüber hinaus haben wir außer in Leipzig keine Halle, mit der wir in der Leichtathletik international konkurrenzfähig wären. Wir hinken gewaltig hinter anderen europäischen Nationen her. Im Schwimmbereich beispielsweise sieht es ganz ähnlich aus. Das ist eigentlich eine Schande für unser wohlhabendes Land.

Zur Person: Jürgen Kessing

Als Nachfolger von Clemens Prokop, der seit 2001 im Amt war, ist Jürgen Kessing Mitte November 2017 mit großer Mehrheit zum Präsidenten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) gewählt worden. Der OB von Bietigheim-Bissingen mit knapp 43 000 Einwohnern ist verheiratet und Familienvater zweier Töchter. Der in Worms geborene Diplom-Verwaltungs- und Betriebswirt arbeitete unter anderem in der Staatskanzlei von Rheinland-Pfalz und war Bürgermeister in Dessau (2001 bis 2004). „Meine Sozialisation habe in der Leichtathletik erfahren“, sagt der ausgebildete A-Trainer im Bereich Sprung, der am Stützpunkt Mannheim Athleten betreut hat. Als Aktiver war er unter anderem Zehnkämpfer beim ABC Ludwigshafen.
Für Schlagzeilen sorgte der SPD-Kommunalpolitiker, als er im Juni 2017 nach einer Gemeinderatssitzung alkoholisiert in eine Polizeikontrolle geriet und ihm in der Folge der Führerschein entzogen wurde. Danach gab es unter anderem Kritik, weil er bei seiner DLV-Kandidatur blieb.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel