Dem deutschen Sport drohen wegen der Ausbreitung des Coronavirus Geisterspiele und Absagen. Nach der Empfehlung von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern offensiver abzusagen, wächst auch der Druck auf die großen Profiligen des Landes.

Warum sollen Sport-Großveranstaltungen vorerst nicht mehr stattfinden?

Für Minister Spahn ist es das oberste Ziel, die Ausbreitung der Krankheit zu verlangsamen. „Denn je langsamer sich das Virus verbreitet, desto besser kann unser Gesundheitssystem damit umgehen“, sagte er.

Wie reagiert der Sport auf die Empfehlung des Gesundheitsministers?

Geschäftsführer Christian Seifert von der Deutschen Fußball-Liga rechnet schon an diesem Wochenende mit Geisterspielen in der Bundesliga. „Wir würden am liebsten schon nächsten Spieltag mit Zuschauern spielen. Das ist aber leider nicht realistisch“, sagte er. Eine Komplett-Absage schließt die DFL weiter genauso aus wie die Bundesligen im Handball, Basketball und Volleyball sowie die Deutsche Eishockey-Liga. „Aufzuhören ist keine Option. Wir brauchen Mitte Mai eine Tabelle, damit die Klubs planen können“, sagte Seifert dazu.

Wer darf Spiele mit großen Zuschauerzahlen verbieten?

Im Falle einer Gefährdung von Spielern und Zuschauern können nur die lokalen Gesundheitsbehörden eine solche Entscheidung treffen, weil dabei neben Aspekten der Infektionsvorbeugung auch solche des gesamten öffentlichen Lebens zu berücksichtigen sind. Dem FC Bayern drohen mindestens bis Karfreitag zwei Geisterspiele. In diesen Zeitraum fallen das Champions-League-Heimspiel gegen den FC Chelsea am 18. März und die Bundesliga-Partie gegen Eintracht Frankfurt vier Tage später. Die Dachorganisationen des Sports sind nicht berechtigt, eine Partie abzusagen, weil sie nicht als Veranstalter fungieren. Daher gibt es keine einheitliche Linie bei der Entscheidungsfindung.

Gibt es noch andere Möglichkeiten außer Verschiebungen oder Geisterspiele?

Handball-Bundesligist Eulen Ludwigshafen muss nach Aussage von Trainer Ben Matschke vor dem ausverkauften Heimspiel gegen den THW Kiel am 19. März die Personalien aller Zuschauer erfassen. Das Gesundheitsamt habe entsprechende Restriktionen erlassen. Eine solche Maßnahme dürfte für die meisten Vereine nur schwer zu bewältigen sein – und könnte auch Datenschützer auf den Plan rufen.

Wie kurzfristig können Behörden oder Veranstalter eingreifen?

Das kann bis zur Öffnung der Stadion- oder Hallentore wenige Stunden vor dem Anpfiff geschehen, wie die jüngsten Beispiele gezeigt haben. Gesundheitsminister Spahn rät allerdings zu frühzeitigen Entscheidungen, um allen Beteiligten und Betroffenen die nötige Planungssicherheit zu geben.

Was würden Absagen und Verlegungen mit Blick auf die Spielpläne bedeuten?

Es würde ein Terminchaos drohen, denn Ausweichtermine sind in der Schlussphase einer Saison rar. Im Fußball würde es besonders eng werden, wenn Vereine beteiligt wären, die noch im DFB-Pokal und den Europapokal-Wettbewerben mitmischen. Die Saison in den Bundesligen endet wegen der EM im Juni regulär Mitte Mai. Aber auch im Eishockey, wo in dieser Woche die Playoffs beginnen, und in den anderen großen Ballsportarten sind die Spielpläne dicht gedrängt.

Welche Maßnahmen haben die Klubs und Dachorganisationen bereits ergriffen?

Der Kontakt der Spieler zu den Fans wird auf ein Minimum reduziert oder ganz vermieden. Selfies mit den Stars oder Autogramme gibt es für die Fans derzeit so gut wie nicht. Ligen und Vereine empfahlen den Sportlern zudem, auf den Handschlag vor und nach Spielen zu verzichten. Nach dem BVB-Gastspiel in Paris wird es am Mittwoch keine Mixed Zone mit den Spielern geben. In manchen Arenen wurden Fans zusätzliche Desinfektionsmittel angeboten. Borussia Mönchengladbach bat Fans aus dem besonders vom Virus betroffenen Kreis Heinsberg, nicht zum Topspiel gegen Borussia Dortmund am vergangenen Samstag zu kommen. 550 Ticketinhaber machten vom Angebot der Kaufpreiserstattung Gebrauch.

Kreis Heinsberg

Wer ist bei Geisterspielen dabei?

Neben den beteiligten Mannschaften noch Betreuer, Ballkinder, Arena-Personal und Journalisten dabei sein. Damit fallen Einnahmen aus dem Ticketverkauf weg. Die DFL prüft derzeit die Möglichkeit von Anpassungen des Lizenzierungsverfahrens für die Saison 2020/21, um mögliche finanzielle Nachteile für einzelne Klubs zu berücksichtigen.

Wer entschädigt die Fans?

Solche Forderungen müssten sich an die betroffenen Vereine als Veranstalter der Spiele richten. Dortmund kündigte an, seinen Fans die Kosten für die Eintrittskarten für das Champions-League-Spiel in Paris zu erstatten. Der SC Freiburg setzt den Ticketverkauf aus.

Werden Geisterspiele vielleicht im frei empfangbaren TV übertragen?

Das ist völlig offen. Der Pay-TV-Sender Sky und die DFL prüfen derzeit Optionen, falls es tatsächlich zu Geisterspielen kommen sollte. Eine solche Entscheidung würde nicht der Rechteinhaber Sky alleine fällen. Auch die DFL müsste dies absegnen.

Diese Sportereignisse hat es erwischt


Fußball Keine Zuschauer wird es beim Champions-League-Duell zwischen Paris und Dortmund am Mittwoch geben, Leipzig gegen Tottenham Hotspur findet dagegen vor Publikum statt. Das für den 19. März angesetzte Achtelfinal-Rückspiel von Eintracht Frankfurt in der Europa League beim FC Basel wird nicht im St. Jakob-Park stattfinden.

Formel 1 Das zweite Saisonrennen in Bahrain am 22. März soll unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgetragen werden.
Leichtathletik Die für das kommende Wochenende in Nanjing (China) geplante Hallen-WM wurde abgesagt.
Radsport Mailand-Sanremo (21. März) fällt aus. Paris-Nizza wird „hinter verschlossenen Türen“ ausgetragen.
Ski nordisch Die Skiflug-WM in Planica (19. bis 22. März) wird ohne Zuschauer stattfinden.
Ski alpin Das Weltcupfinale in Cortina d‘Ampezzo wurde abgesagt.
Tennis Das Masters-Turnier in Indian Wells findet wg. eines Coronafalls nicht statt.