Hohe Hürden Tag und Nacht

Träumt manchmal von ihren Hürdensprints - und von Olympia 2016 in Rio: Nadine Hildebrand vom VfL Sindelfingen. Foto: dpa
Träumt manchmal von ihren Hürdensprints - und von Olympia 2016 in Rio: Nadine Hildebrand vom VfL Sindelfingen. Foto: dpa
WOLFGANG SCHEERER 17.08.2013
Manchmal träumt Nadine Hildebrand von den Hürden. In Moskau aber wurden die Tage und Nächte lang. Als sie endlich laufen durfte, ging für die 25-Jährige vom VfL Sindelfingen alles glatt: Sie steht im Halbfinale.

Dritte ihres Vorlaufs, direkt qualifiziert fürs heutige Halbfinale über 100 Meter Hürden: Beim ersten WM-Start ihrer Karriere ging für Nadine Hildebrand alles so ungestreift wie im Jurastudium. Das hatte die 25-Jährige parallel zum Trainings- und Wettkampfprogramm absolviert und im Frühjahr mit dem Zweiten Staatsexamen abgeschlossen.

Schnelligkeit plus Zielstrebigkeit ist ihr Programm. Da kann sich jeder vorstellen, wie unruhig Nadine Hildebrand wurde, als das lange Warten in Moskau begann. Seit Montag ist sie im Mannschaftshotel "Golden Ring" in der City. "Da musste ich zwangsläufig ziemlich viel rumhängen", sagt die kleine, fast zierliche Sprinterin. So gut geschlafen wie daheim in Stuttgart-Feuerbach in ihrem Elternhaus, hat die Deutsche Meisterin vom VfL Sindelfingen natürlich auch nicht.

Trainiert wurde dann zwar einmal am Dienstag in der Aufwärm-Arena neben dem Luschniki-Stadion. Die schnelle blaue Mondo-Bahn betreten durften die Athletinnen aber erst gestern. Um ein Gefühl für die riesige WM-Schüssel mit rund 85 000 Plätzen zu bekommen, hatte sich Nadine Hildebrand zuvor das Diskus-Finale mit Robert Harting angesehen: "Wann kann man so etwas schon mal erleben!" Und ein bisschen Zeit war damit auch überbrückt.

Gleich im ersten von fünf Vorläufen dann endlich der Start: Nadine Hildebrand auf Bahn drei kommt gut aus dem Block, hat zwischendrin einen kleinen Hänger, läuft für die Uhrzeit in 13,16 Sekunden allerdings eine ordentliche Zeit. Nur 17 der 36 Vorlauf-Teilnehmerinnen sind schneller. Brianna Rollins (USA) in 12,55 führt das Feld vor der australischen Olympiasiegerin und WM-Titelverteidigerin Sally Pearson (12,62) an. Von den Muskelproblemen im Vorfeld der WM war ihr nichts mehr anzumerken.

Nadine Hildebrand ist diese Saison schon 12,85 Sekunden gelaufen, hat damit auch die WM-Norm (12,94) geknackt. "Ich bin sehr zufrieden. Ich hatte mir vorgenommen, diesmal anders als so oft den Start nicht zu verschlafen, das ist geglückt. Im Halbfinale will ich meine Bestzeit angreifen", sagte sie nach ihrem Rennen unter der Moskauer Morgensonne, das die Kanadierin Angela Whyte (12,93) vor der Italienerin Mariza Caravelli (13,07) gewonnen hat. Die erste Hürde ist genommen, die Erleichterung groß.

Das Herumtigern in Moskau hat an den Nerven gezehrt. Dass es ein Solo für sie ist, machts nicht einfacher. Für Hürden-Kollegin Carolin Nytra (MTG Mannheim) waren die WM-Pläne nach ihrer Fersensporn-Operation passé. Die EM-Dritte von 2010 hat eine Bestzeit von 12,57.

In diese Regionen, die Medaillen versprechen, will auch Nadine Hildebrand irgendwann vorstoßen. 2011 hat sie den Trainer gewechselt, um neue Reize zu setzen, überredete den renommierten Werner Späth zum späten Comeback. Der heute 69-Jährige hat fünf Hürdensprinterinnen zu Olympischen Spielen gebracht, zuletzt 2004 Stephanie Kampf, die ebenfalls für den VfL Sindelfingen startete.

Manchmal, sagt Nadine Hildebrand, da träume sie schon vom Rennen, vom Flug über diese zehn 83,8 Zentimeter hohen Hürden. Der größte Traum ist allerdings olympischer Art: Rio de Janeiro 2016.

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