Sport Leichtathletik-EM: Heimspiel in der Hauptstadt

Ulm/Berlin / Wolfgang Scheerer 04.08.2018
Welche Chancen haben die deutschen Athleten in Berlin? Im Olympiastadion steht die Werfer-Garde im Fokus. Räumt das deutsche Speer-Trio alles ab?

Usain Bolt, der schnellste Mann der Welt, rennt demnächst wahrscheinlich in Australien dem Fußball hinterher. Erfüllt sich für den Jamaikaner mit 31 Jahren doch noch der Traum und wird Profikicker? Als Leichtathlet hat er das Maximum erreicht.

Seine zwei vielleicht größten Momente erlebte „Thunderbolt“, der Blitz, Mitte August 2009 bei der Weltmeisterschaft im Berliner Olympiastadion: Auf der blauen Bahn sprintete er Weltrekorde über 100 Meter (9,58 Sekunden) und 200 Meter (19,19). Sie sind bis heute unangefochten.

Fürs deutsche Team gab es damals zwei Goldmedaillen: Steffi Nerius triumphierte im Speerwurf, Robert Harting mit dem Diskus. Bolt genießt heute Legendenstatus, Nerius ist eine erfolgreiche Trainerin, nur Harting steht noch im Ring. 33 Jahre alt, das eingebüßte Echthaar durch künstliches ersetzt, immer wieder geplagt von Schmerzen vor allem in Kniebereich. Doch der Diskus-Hüne vom SC Charlottenburg will es noch ein letztes Mal wissen. Bei der Europameisterschaft in Berlin, die am Montag beginnt und am Sonntag, 12. August, endet, schließt sich für ihn vor Heim-Publikum der Kreis.

Es ist sein vorletzter Wettkampf, beim Istaf am 2. September an gleicher Stelle endet die bemerkenswerte Karriere. Noch einmal vertritt Harting die extrem starke deutsche Werfer-Garde, auf die bei Großereignissen immer Verlass ist.

Wurf und Kugelstoßen

Wieder sind die Medaillenchancen  hier am größten. Robert Hartings jüngerer Bruder Christoph ist einer der Diskus-Favoriten. Der Olympiasieger muss sich als Vierter der Europarangliste aber steigern. Auch die deutsche Meisterin Shanice Craft (MTG Mannheim), die schon 2016 EM-Bronze holte, peilt das Podest an. Das Speerwurf-Trio könnte die Plätze unter sich ausmachen: der deutsche Meister Andreas Hofmann (MTG Mannheim), Weltmeister Johannes Vetter (LG Offenburg) und Olympiasieger Thomas Röhler (LC Jena). Im Kugelstoßen will David Storl (SC Leipzig) auftrumpfen. Als Titelverteidigerin tritt Christina Schwanitz (LV Erzgebirge) an. Wie fit ist sie nach ihrem Autounfall? Die Antwort gibt’s am Dienstagvormittag in der Qualifikation.

Lauf

Richard Ringer (VfB Friedrichshafen) will gleich am Dienstag auftrumpfen. Über 10.000 Meter ist er bisher schnellster Europäer 2018. Alina Reh (SSV Ulm 1846) läuft mit 21 Jahren erstmals die 10.000 Meter bei der EM. Auch sie könnte weit nach vorn kommen. Über 100 Meter ist mit Gina Lückenkemper  (Bayer Leverkusen) zu rechnen, im Hürdensprint gelten die WM-Dritte Pamela Dutkiewicz (TV Wattenscheid) und Titelverteidigerin Cindy Roleder (SV Halle) als Mitfavoritinnen, Gregor Traber (LAV Tübingen) hat über 110 Meter Hürden Außenseiterchancen. Der Fokus liegt zudem auf Hindernis-Titelverteidigerin Gesa Felicitas Krause (Trier) und Elena Burkard (LG Nordschwarzwald). Deren starker Klubkollege Timo Benitz läuft die 1500 Meter.

Sprung

Bei der EM 2016 glänzte Malaika Mihambo von der LG Kurpfalz in Schwetzingen mit Bronze im Weitsprung. Nun ist sie Zweite der Europarangliste. Im Hochsprung wartet die WM-Vierte Marie-Laurence Jungfleisch (VfB Stuttgart) noch auf ihre erste internationale Medaille. Ex-Weltmeister Raphael Holzdeppe (LAZ Zweibrücken) ist nur Nummer sechs in Europa, aber als starker Wettkampftyp bekannt.

Mehrkampf

Gold ist für Carolin Schäfer (LG Eintracht Frankfurt) im Duell mit der überragenden Belgierin Nafi Thiam unter normalen Umständen außer Reichweite, Siebenkampf-Silber dagegen ein realistisches Ziel. Bei den Zehnkämpfern ist nach dem kurzfristigen Ausfall des WM-Dritten Kai Kazmirek (LG Rhein-Wied) das Ulmer  Duo Arthur Abele und Mathias Brugger  im Blickpunkt. Kann Abele, Olympia-Teilnehmer 2008 und 2016, seine Saisonbestleistung von 8481 Punkten bestätigen, ist eine Medaille drin.

Die Zehnkämpfer mit Frankreichs Weltmeister Kevin Mayer an der Spitze sollen das Publikum gleich zum Auftakt zwei Tage lang mitreißen. WM-Gold 2017 hatte auch die russische 2,06-Meter-Hochspringerin Maria Lasitskene geholt, überragende Konkurrentin von Marie-Laurence Jungfleisch. Und Anita Wlodarczyk, 32, ist dabei. Die Polin triumphierte wie Harting schon bei der WM 2009 – sogar mit Weltrekord im Olympiastadion. Für die EM ist die Zuschauerkapazität von 74.400 auf 55.000 Plätze reduziert. 270.000 Tickets wurden bislang verkauft, bei 330.000 wäre die „schwarze Null“ erreicht.

EM in Zahlen: Größtes Sportereignis 2018

1600 Athleten aus mehr als 50 Nationen sind in 48 Disziplinen gemeldet. 2000 akkreditierte Journalisten berichten aus Berlin.

42 TV-Stationen sind vertreten. Zusätzlich wurden TV-Lizenzen nach Asien, Nord- und Südamerika vergeben.

39

Siegerehrungen werden auf der „Europäischen Meile“ stattfinden, die auch den Breitscheidplatz mit einschließt. Das wegen des Terroranschlags im Dezember 2016 mit zwölf Toten besonders aufwendige Sicherheitskonzept musste mit 27 Behörden abgestimmt werden.

400

Kampfrichter werden für die Korrektheit der Wettkämpfe sorgen, darunter auch Ex-Weitsprungstar Heike Drechsler, die 2017 bei der Jugend-DM in Ulm extra dafür geübt hatte.

75 Kameras sind im Berliner Olympiastadion, auf der „Europäischen Meile“ und entlang der Außenstrecken postiert und im Einsatz.

33 Millionen Euro. So hoch ist der EM-Etat. Die Stadt Berlin steuert zwölf Millionen bei, daneben läuft die Finanzierung über Ticketing, Vermarktung, Merchandising.

200 Fahrer und 100 Autos sind unter anderem für die Athleten aus 41 Nationen und ihre Trainer im Shuttle- Einsatz.

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