Leichtathletik-EM Geballte Ulmer Kraft im Zehnkampf

Jetzt geht’s los: Die beiden Ulmer EM-Zehnkämpfer Arthur Abele (rechts) und Mathias Brugger mit ihrem Stützpunkt-Trainer Christopher Hallmann (links).
Jetzt geht’s los: Die beiden Ulmer EM-Zehnkämpfer Arthur Abele (rechts) und Mathias Brugger mit ihrem Stützpunkt-Trainer Christopher Hallmann (links). © Foto: Matthias Kessler
Ulm/Berlin / Wolfgang Scheerer 06.08.2018

Jürgen Hingsen ist zwar Duisburger. Doch spätestens seit der legendäre Zwei-Meter-Drei-Hüne  1982 im Donaustadion mit seinem ersten Weltrekord, 8714 Punkte, mächtig Furore machte, ist Ulm den Zehnkampf-Fans ein Begriff.

Und gerade in den letzten Jahren, Hingsen würde sicher zustimmend nicken, hat sich beim SSV Ulm 1846 eines der besten Mehrkampf-Teams in Deutschland, wenn nicht in Europa entwickelt: Neben den Etablierten gibt es zahlreiche große Talente, denen die Zukunft gehören kann.

Wenn für die Zehnkämpfer bei der Leichtathletik-EM morgen in Berlin der Startschuss zum ersten Wettbewerb, den 100 Metern, fällt (9.30 Uhr/ZDF), streift der Blick automatisch  die erfolgreiche Ulmer Trainingsarbeit: Arthur Abele, 32, und Mathias Brugger, der heute seinen 26. Geburtstag feiert, gehen ins Rennen. Dritter deutscher Starter an den beiden Tagen: Niklas Kaul vom USC Mainz. Der U-20-Weltrekordler ist  nach dem Ausfall des WM- Dritten Kai Kazmirek (Muskelverletzung)  kurzfristig nachgerückt. Das Zeug für eine Medaille und die Erfahrung hat vor allem Abele. Der Sportsoldat, deutscher Saisonbester mit 8481 Punkten, hat das oft bewiesen. Nur: Gereicht hat es im entscheidenden Moment bisher nicht. Elf Zähler fehlten dem Olympia-Teilnehmer von 2008 und 2016 (er musste jeweils vorzeitig aufgeben) bei der EM vor vier Jahren in Zürich zu Bronze. Nun hat er die vielleicht letzte Chance.

Bestleistung 8605 Punkte

„In Berlin will ich Bestleistung schaffen. Das wären mehr als 8605 Punkte. Wenn ich damit wieder nur Vierter werde, das wäre bitter“, sagt Abele mit einem Augenzwinkern. Denn eines ist sicher: Mit 8600 Zählern wäre er Goldkandidat. Über die Form des französischen Weltmeisters Kevin Mayer darf noch bis morgen gerätselt werden: Der 26-Jährige hat dieses Jahr noch keinen kompletten Zehnkampf bestritten.

Abeles Vereinskollege Mathias Brugger hatte dagegen gleich die erste große Gelegenheit genutzt und beim berühmten Zehnkampf-Meeting in Götzis/Österreich mit neuer Bestleistung (8304) die EM-Qualifikation geschafft. In Berlin will sich der WM-Teilnehmer von 2017 noch einmal steigern – und die Enttäuschung der Weltmeisterschaft in London vergessen machen, als Knieprobleme ihn frühzeitig zum Aufgeben zwangen.

Fällt ein Ulmer aus, könnte eigentlich gleich der nächste nachrücken. So viele starke Zehnkämpfer gibt es inzwischen beim SSV 46 in Ulm. Hier ist offiziell auch die Außenstelle des Olympiastützpunktes Stuttgart. Unermüdlich hat Abteilungsleiter Wolfgang Beck, der zugleich Trainer ist und die Ulmer Stabhochspringerin Stefanie Dauber bei der EM betreut, Bittgänge zu regionalen Sponsoren gemacht: „Ohne Moos nix los – ohne Fleiß kein Preis“, sagt der 71-Jährige. Das erste große Ziel, definiert im Projekt „Der Weg nach Rio“ wurde mit Abele erreicht. Nun gibt es eine Fortsetzung: „Der Weg nach Tokio“. Auch bei Olympia 2020 soll mindestens ein SSV- Mehrkämpfer dabei sein.

Für die tägliche Trainingsarbeit ist Christopher Hallmann, 35, verantwortlich, früher selbst Zehnkämpfer. Er gilt nicht nur als kommender Bundestrainer, wenn der 30 Jahre ältere Berliner Rainer Pottel den Ruhestand antritt, mit dynamisch-modernen Methoden sorgt Hallmann auch dafür, dass es Talente aus dem Land in die Trainingsgruppe nach Ulm zieht und nicht zu einem Klub außerhalb Baden-Württembergs.

Zuletzt stieß der deutsche U-20-Meister Luca Dieckmann von der SpVgg Renningen dazu. Fynn Zenker, 20, kam sogar aus Düsseldorf. Davor entschieden sich Tim Nowak, 22, aus Bad Mergentheim und Manuel Eitel, 21, aus Baltmannsweiler bei Esslingen für die Karriere-Option Ulm. Und es gibt hier noch eine Reihe weiterer Nachwuchsathleten.

Nowak und Eitel sind bereits auf dem besten Wege, einem Arthur Abele oder Mathias Brugger Konkurrenz zu machen. Beide haben in dieser Saison die magische 8000-Punkte-Marke geknackt.

Storl und Co. stoßen die Kugel heute am Breitscheidplatz

Die Heim-EM in Berlin beginnt heute mit einem Abend der Qualifikationen. Die ersten Entscheidungen fallen morgen. Besonders im Fokus: Der Qualifikationswettkampf der Kugelstoßer mit Titelverteidiger David Storl (SC DHfK Leipzig) auf dem Breitscheidplatz mitten in der Stadt, der wegen des Terroranschlags im Dezember 2016 mit zwölf Toten besonders gesichert ist. Insgesamt bis zu 8000 Menschen fasst nun dort das EM-Areal. In einem abgezäunten Bereich mit Bühne und Tribünen finden auch zahlreiche Siegerehrungen statt.  Am Einlass zur temporären Arena werden Taschen durchsucht. Erlaubt sind Gepäckstücke mit maximal 25 Liter Fassungsvermögen, was einem Rucksack entspricht.

David Storl (SC DHfK Leipzig) wird auch gleich einen Eindruck bekommen, wie stark die Konkurrenz um den Jahresbesten Michal Haratyk (22,08 m) aus Polen in Form ist. Außerdem stehen im Olympiastadion die ersten Runden über 100 Meter sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern auf dem Programm. Die deutschen Sprint-Hoffnungen Gina Lückenkemper (Leverkusen) und Tatjana Pinto (Paderborn) sind wegen ihrer starken Vorleistungen allerdings schon direkt fürs Halbfinale morgen qualifiziert.

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