Der frühere 800-Meter-Weltklasseläufer Willi Wülbeck hat die Garde des neuen Jahrhunderts kritisiert.
„Ich vermisse bei vielen jungen und talentierten Läufern die Courage, den Biss und das Selbstbewusstsein! Viele versagen bei großen internationalen Meisterschaften und kommen nicht ins Finale“, sagte der 65-Jährige aus Oberhausen der Deutschen Presse-Agentur. Wülbeck wurde 1983 in Helsinki sensationell erster Weltmeister über die zwei Stadionrunden - noch heute steht sein DLV-Rekord bei 1:43,65 Minuten.
Dass der Nachwuchs bisher nicht an die damaligen Rekordzeiten herangekommen ist, „das wundert mich, ich sehe da aber eher ein mentales Problem. Die jungen Läufer müssen einfach das Bewusstsein dafür entwickeln, dass sie auch was können und gegen internationale Konkurrenz bestehen können! Da fehlt oft auch der Mut, der Biss, unbedingt siegen und besser werden zu wollen“, meinte Wülbeck, der für den TV Wattenscheid startete und zehn Mal deutscher Meister wurde. „Die Wettkampfhärte ist einfach nicht da.“
Wie Thomas Wessinghage hält auch Wülbeck noch zwei deutsche Rekorde, die schon Patina angesetzt haben: Auf seiner Spezialstrecke über 800 Meter und über die nicht-olympischen 1000 Meter. Die 2:14,53 Minuten vom 1. Juli 1980 in Oslo sind sogar noch ein paar Wochen älter als Wessinghages 1500-Meter-Rekord vom 27. August 1980 - die 3:31,58 Minuten haben seit 40 Jahren allen Angriffen stand gehalten.
„Pauschalurteile stehen mir da überhaupt nicht zu“, sagte Wessinghage im dpa-Gespräch mit Blick auf die Nachfolger. „Ich würde persönlich die Läufer absolut in Schutz nehmen. Denn die Bedingungen, eine Top-Leistung zu bringen, sind heute sicher schwieriger geworden.“ Die Leichtathletik habe eher ein strukturelles Problem, die olympische Kernsportart „einen Rückzug hinter sich - vielleicht ausgenommen Großereignisse wie Weltmeisterschaften und Olympische Spiele“.
Viele kleine Sportfeste gebe es nicht mehr, „das Istaf, das hält sich schlecht und recht“. Er habe damals noch großartige Bedingungen gehabt, seine persönliche Karriere zu entwickeln, erinnerte der 68 Jahre alte Mediziner, der am 1. Oktober in den Ruhestand geht. „Da haben es die Jungs heute viel, viel schwerer.“
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