Leichtathletik-EM Eine spektakuläre Flugshow

Berlin / Wolfgang Scheerer 13.08.2018

Schlag auf Schlag gab’s die Medaillen im Endspurt der Leichtathletik-EM. Es war die perfekte Flugshow: erst Gold für Hochspringer Mateusz Przybylko, nur zehn Minuten später Gold im Weitsprung für Malaika Mihambo vom TSV Oftersheim bei Heidelberg, dazu noch Silber und Bronze, als Nadine Müller und Shanice Craft ihren Diskus weit segeln ließen. Spektakuläres bekamen 60 500 begeisterte Zuschauer im erstmals bei der Heim-Europameisterschaft ausverkauften Berliner Olympiastadion zu sehen. „Die geile Kulisse hat mich über die Latte getragen“,  sagte Przybylko euphorisch. Als der 26-jährige Überflieger von Bayer Leverkusen bei 2,38 Meter zum ersten Mal in diesem bemerkenswerten Wettkampf riss, konnte ihm den Sieg schon keiner mehr nehmen.

Nach diesem einzigen Fehlversuch winkte Przybylko ab, reichte den Kampfrichtern strahlend die Hand, griff sich die Deutschlandfahne und startete zur Ehrenrunde. Die hatte er erst halb absolviert, als Malaika Mihambo, 24, auch schon als nächste Europameisterin feststand. Für beide ist es der erste große internationale Titel, für die deutsche Leichtathletik war’s ein denkwürdiger Moment: Dietmar Mögenburg hatte 1982 den bisher einzigen EM-Titel im Hochsprung geholt, Heike Drechsler vor 20 Jahren den letzten Erfolg im Weitsprung.

„Genial. Es war immer mein Traum, Europameister zu werden“, sagte Przybylko total exaltiert. „Es war der bisher beste Wettkampf meines Lebens.“ Tadellos lief es bis zur Gold-Höhe von 2,35. Mit dieser persönlichen Bestleistung ließ er den Weißrussen Maxim Nedasekau (2,33) und Ilja Iwanjuk aus Russland (2,31) hinter sich.

Dann bekam der blonde Schlaks weiche Knie, sank zu Boden und heulte hemmungslos. „Ich habe innerlich geschrien, gejubelt, meine Sinne spielten verrückt. Ich war wie fremdgesteuert“, schilderte er später seine Emotionen. Und immer wenn er vor Freude die Arme hochriss, war sein Tattoo am Oberarm zu sehen – „mi familia“.

Der in Bielefeld geborene Athlet hat den deutschen Pass, ist aber auch stolz auf seine polnischen Wurzeln. Aus Desinteresse des dortigen Leichtathletik-Verbandes startet er für den DLV. Przybylko war 17, als seine sportlichen Eltern (der Vater Mariusz spielte in Polen Fußball, Mutter Violetta war Weitspringerin)  die Funktionäre in der Heimat baten, den Sohn in die Sportförderung aufzunehmen. Mit Hinweis auf die knappen Mittel kam die Absage. Während Mateusz’ um ein Jahr jüngere Zwillingsbrüder Jacub und Kacper sich für Fußball entschieden und es in Polens  Jugendauswahl schafften, konzentrierte sich Mateusz („Ich wollte nie dem Ball hinterherrennen“) auf  Leichtathletik.

Auch Malaika Mihambo  steht fürs erfolgreiche deutsche Multi-Kulti-Team: Ihr Vater stammt aus Sansibar, die Mutter ist Deutsche. Für Mihambo lief es auf dem Weg zu Gold weniger rund als für Przybylko. Nach zwei Versuchen musste die U-23-Europameisterin von 2015 mit 6,36 Meter ums Weiterkommen bangen. Im dritten Anlauf und mit vollem Risiko landete sie bei 6,75. Und keine andere kam so weit. Silber ging an Marina Bech (Ukraine/6,73), Bronze holte die Britin Shara Proctor (6,70). Heike Drechsler erlebte den Sieg aus nächster Nähe mit, die zweimalige Olympiasiegerin ebnete als Kampfrichterin den Sand der Sprunggrube.

„Ich bin wie in Trance, realisieren werde ich das wohl erst morgen“, sagte Malaika Mihambo nach dem Gold-Sprung. Der Satz passte zu ihr. Sie gehört nicht zu den Exzentrischen, lässt lieber Erfolg für sich sprechen: Vor zwei Jahren hat sie EM-Bronze in Amsterdam gewonnen, wenig später wurde sie in Rio Olympia-Vierte.

2017 stand die Karriere plötzlich auf der Kippe: Malaika Mihambo war daheim auf der Treppe ausgerutscht. Die komplizierte Fußverletzung heilte ohne  riskante Operation. Es hätte sonst schnell das Ende aller Ambitionen bedeuten können.

Gesa Krause verteidigt souverän ihren Titel

Alle Hindernisse bravourös genommen: Gesa Felicitas Krause (Trier) hat auf der 3000-Meter-Strecke ihren EM-Titel in 9:19,80 Minuten eindrucksvoll verteidigt – vor Fabienne Schlumpf aus der Schweiz (9:22,29). Über 5000 Meter wurde Konstanze Klosterhalfen (Leverkusen) Fünfte. Die Sprintstaffel mit Gina Lückenkemper (Leverkusen ), Lisa-Marie Kwayie (Neukölln), Tatjana Pinto (Paderborn) und Rebekka Haase (LV Erzgebirge) hat im 4x100-Meter-Finale in 42,23 Sekunden Bronze gewonnen. Gold ging an die Britinnen (41,81), Silber an das Quartett der Niederlande (42,15). Bei den Männern stürzte Schlussläufer Lucas Jakubczyk übel und riss Julian Reus mit, die Staffel schied vorm Finale aus, der Berliner humpelte von der Bahn.

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