Ein Hauch von Wehmut weht durchs Fahrerlager der Formel 1 in Hockenheim. Da passten die Regentropfen gestern Nachmittag ins trübe Gesamtbild. Die Rennstadt mit dem durchaus spektakulären Kurs hat zwar einen Vertrag für ein weiteres Formel-1-Rennen im Jahr 2018. Ob dieser Deutschland-Grand-Prix jedoch dann noch stattfinden wird, ist offen. Hockenheim ist schon mehrmals über die finanzielle Schmerzgrenze gegangen, und Formel-1-Promoter Bernie Ecclestone lässt nicht locker – zumal sich der Brite gewiss sein kann, dass neue potente Rennstreckenbetreiber vor seinem Büro Schlange stehen, die Habicht-gleich darauf warten, sich auf einen freien Termin im Formel-1-Kalender stürzen zu können.

Der Nürburgring hat bekanntlich schon längst kapituliert, in Hockenheim wird gebibbert. „Wir müssen die Formel 1 ohne Zuschüsse stemmen“, betont Georg Sailer, der Hockenheimring-Geschäftsführer immer wieder. Bei den vergangenen Veranstaltungen wurde die anvisierte Zahl von 60 000 Fans, die das Rennen sehen wollten, nicht erreicht. Sonntag soll es wieder klappen.

Hier wird deutlich, wie dramatisch schnell sich die Räder in der Geschäfts-Welt der Formel 1 drehen.  Zwischen 1995 und 2006 gab es jährlich sogar zwei Rennen in Deutschland. In diesem Zeitraum hatte Michael Schumacher gleich viermal und sein Bruder Ralf einmal in Hockenheim gewonnen. Geblendet durch den Hype um Schumi wurden die Sinne für Realitätsnahe Verträge ausgeknipst.

Dabei hätten die Fans derzeit gute Gründe, nach Hockenheim zu kommen. Die beiden Mercedes-Piloten Lewis Hamilton (192 Punkte) und Nico Rosberg (186) liefern sich ein spannendes Duell an der Spitze. Mit Sebastian Vettel, Nico Hülkenberg und Pascal Wehrlein sind drei weitere deutsche Piloten am Start. Heimspiel für die Silberpfeile, Heimspiel für Vettel, der vierfache Champion kommt aus dem 40 Kilometer entfernten Heppenheim. Warum also sind die Boom-Jahre vorbei? Vettel meinte gestern: „Gründe dafür gibt es einige.“ Michael Schumacher habe die Formel 1 in Deutschland populär gemacht, nach einem solchen „Helden“ sei gelechzt worden. „In den letzten paar Jahren gab es allerdings viele negative Schlagzeilen“, so der Ferrari-Star, „außerdem hat der Sound nicht mehr gepasst und zudem sind die Tickets einfach zu teuer.“

Am Mittwochabend hatte in Mainz ein Benefizspiel zu Ehren Schumachers stattgefunden. Zu seiner aktiven Rennfahrer-Zeit hatte der gebürtige Kerpener vor dem jeweiligen Deutschland-Grand-Prix mit Prominenten stets ein „Spiel der Herzen“ veranstaltet. Auch daran wollten Sebastian Vettel und Dirk Nowitzki erinnern. „Wir wollten zeigen, dass wir ihn nicht vergessen haben“, sagte der Basketball-Superstar und ergänzte: „Wir wollten ihm positive Energie rüberschicken.“ Fast 25 000 Fans waren zu diesem Benefiz-Kick gekommen, an dem auch Lukas Podolski und Miroslav Klose mitmachten, auch sie schickten Schumacher, der sich im Dezember 2013 bei einem Skiunfall schwere Verletzungen zugezogen hatte,  Grüße: „Kämpfe weiter, Michael!“ Dies soll zudem die Botschaft sein, welche Schumi-Anhänger morgen übermitteln wollen, wenn sie sich um 12 Uhr hinter der Südtribüne zu einer Fan-Feier treffen.

Schumacher fehlt – das merken sie auch besonders in Hockenheim. Seit dessen Glanztagen hat sich in der Traditions-Rennstadt manches verändert. Deutlich herausgeputzter und geschmückter kommt es daher, aber viel leerer als früher. Und durch den Ort ist sehr gut der Fernwander-Weg „Franken-Hessen-Kurpfalz“ ausgezeichnet. Dieser zieht sich von Aschaffenburg über knapp 150 Kilometer durch Hockenheim nach Speyer. Ob freilich die Fuß-Pilger den Strom der ausbleibenden Formel-1-Fans gleichwertig ersetzen können, ist doch sehr fragwürdig.

100. Grand-Prix-Start für Ricciardo

Drei Siege Der Australier Daniel Ricciardo, aktuell hinter den Silberpfeil-Piloten Lewis Hamilton und Nico Rosberg, Dritter der Formel-1-Gesamtwertung, bestreitet am Sonntag in Hockenheim seinen 100. Grand Prix. Der 27-Jährige aus Perth feierte bislang drei Siege (2014 in Kanada, Ungarn, Belgien) und stand insgesamt zwölfmal auf dem Podium.

Hoffnung Mit 115 Zählern ist sein derzeitiger Rückstand auf Hamilton (192) allerdings schon recht deutlich, dennoch hofft der Red-Bull-Pilot beim Großen Preis von Deutschland auf einen Coup. „Regen kann uns immer helfen, da kann während eines Rennens viel passieren“, so Ricciardo. Für Sonntag werden tatsächlich im Laufe des Nachmittags in Nordbaden kürzere Schauer erwartet.tom