Skispringen Skispringen: Das ewige Duell

Gute Fluglage: Stefan Kraft zeigte in der Oberstdorfer Qualifkation einen soliden Sprung. Tourneefavorit ist er aufgrund der Vorleistungen dennoch nicht.
Gute Fluglage: Stefan Kraft zeigte in der Oberstdorfer Qualifkation einen soliden Sprung. Tourneefavorit ist er aufgrund der Vorleistungen dennoch nicht. © Foto: dpa
Oberstdorf / Manuela Harant 30.12.2017
Erstmals seit langem scheint Deutschland besser aufgestellt als Österreich. Die Alpenrepublik hat aber ein heißes Eisen im Feuer.

Es ist ungewöhnlich ruhig um die Österreicher zum Auftakt der 66. Vierschanzentournee geworden. Als Favoriten werden zwei Deutsche gehandelt – Richard Freitag und Andreas Wellinger. Dahinter kommen andere Nationen: „Die Norweger sind mindestens auf Augenhöhe. Die haben die ganzen Teamwettkämpfe gewonnen, auch die Polen sind sehr stark“, sagt Bundestrainer Werner Schuster. Erst im dritten Satz fällt meist der Name eines Österreichers: Stefan Kraft, Tournee-Zweiter der Vorsaison und aktuell Fünfter im Weltcup.

Der Skiflug-Weltrekordhalter ist in diesem Winter zwar schon dreimal aufs Podest gesprungen, doch für ganz oben reichte es noch nicht. Und den Druck der Tournee spürt er zum ersten Mal ganz allein, da die sonst so geschlossen starken ÖSV-Adler hinter ihm schwächeln: Zimmerkumpel Michael Hayböck, Siebter im Gesamtweltcup des vergangenen Winters, rangiert aktuell nur auf Position 29, Routinier Andreas Kofler fehlt krankheitsbedingt und Rekordsieger Gregor Schlierenzauer springt seiner Form nach vielen Verletzungen hinterher. Manuel Fettner ist als Weltranglisten-15. aktuell noch der beste Österreicher hinter Kraft. Doch das sind nicht die Ansprüche der Wintersport-Nation. Sieben Mal hintereinander stellten die Österreicher den Tourneesieger, vergangenen Winter dann gewann erstmals wieder ein Pole – hauchdünn vor Stefan Kraft.

Und dieser 24 Jahre alte Bursche aus dem Pongau ist es nun auch, auf dem die rot-weiß-roten Hoffnungen ruhen. Der Protagonist versucht verbal gegen den Druck von außen anzugehen: „Ich muss nicht großartig etwas beweisen“, sagt Kraft, fügt aber dann doch hinzu: „Ich kann ganz vorne mitmischen.“ Dabei weiß auch er: Wenn die Alpenrepublik bei der Vierschanzentournee im ewigen Duell mit dem großflächigen Nachbarn untergeht, dann ist der Boulevard in Aufruhr. Den hohe Stellenwert, den der Fußball in Deutschland genießt, den besitzen Skispringen und Ski Alpin in Österreich. Und bei der Tournee gibt es eine dieser seltenen Gelegenheiten im Jahr, bei der die „Ösis“ die „Piefkes“ schlagen können.

„Das Coolste für uns oder auch die Zuschauer ist ein deutsch-österreichisches Duell beim ersten Wettkampf, das ist einfach was Besonderes. Ich hoffe, es wird so eine Battle“, sagte Kraft vor dem heutigen Auftaktspringen in Oberstdorf (16.30 Uhr/ARD und Eurosport).

Freitag gewinnt Quali

Die Qualifikation dafür vor einer Rekordkulisse von 14 400 Zuschauern gab einen Vorgeschmack auf das sich vielleicht doch wieder anbahnende ewige Duell. Die Deutschen stellten im nervenstarken Richard Freitag nicht nur den Quali-Sieger. Lokalmatador Karl Geiger als Vierter, der Wahl-Schwarzwälder Stephan Leyhe mit Platz acht, Markus Eisenbichler als Zehnter und Andreas Wellinger als Verlierer der Windlotterie auf Rang 14 bildeten ein starkes Teamergebnis.

Bei den Österreichern dagegen das Spiegelbild der bisherigen Saison: Hinter dem solide springenden Quali-Dritten Kraft folgen Hayböck (13.), Fettner (23.) und Schlierenzauer (35.) mit gehörigem Abstand. 1:0 für Deutschland. Doch wie es läuft, wenn es wirklich in die 66. Auflage des ewigen Duells geht, wird sich am Samstag schon bei Paarung Nummer zehn zum ersten Mal zeigen. Dann nämlich trifft der 16. von Freitag, David Siegel vom SV Baiersbronn auf Schlierenzauer, und Kraft bekommt es mit dem sächsischen Nachwuchsmann Martin Hamann zu tun.

Nebenkriegsschauplätze, die Richard Freitag übrigens wenig interessieren: „Hauptsache es ist hier Mega-Stimmung. Da ist es mir egal, wer gegen wen hupft“, sagte der Wahl-Oberstorfer, der sich mit dem Kanadier Mackenzie Boyd-Clowes duelliert. Vielleicht ist es ja diese Unbekümmertheit der Deutschen, die im ewigen Duell den der Vierschanzentournee den Unterschied ausmachen wird.

Severin Freund zurück an der Schanze

Gut gelaunt verfolgte Severin Freund gestern Nachmittag in Oberstdorf die Qualifikation fürs Auftaktspringen. Obwohl ihm zwei Kreuzbandrisse innerhalb eines Jahres den Traum von Olympia 2018 in Pyeongchang gekostet haben, scheint der Mannschafts-Olympiasieger seinen Teamkollegen die jüngsten Erfolge zu gönnen. Allerdings stellte der 29-Jährige auch klar, dass er parallel auch an seinem Comeback feilt: „In den kommenden Tagen werde ich sicher bei der Mannschaft vorbeischauen. Aber nicht, um den Spaßvogel zu spielen. Auch ich habe noch einiges mit diesem Team vor.“ Voraussichtlich wird Severin Freund erst in diesem Sommer auf die Schanze zurückkehren.“ mha/sid

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