Fechten Constantin Böhm vom SSV 46 für Olympia-Qualifikation beim Degen-Weltcup

Fechter Constantin Böhm vom SSV 46: Mit dem Degen nach Rio?
Fechter Constantin Böhm vom SSV 46: Mit dem Degen nach Rio? © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / WOLFGANG SCHEERER 20.10.2015
Constantin Böhm vom SSV 46 zählt zu den deutschen Degenfechtern, die den Sprung zu den Sommerspielen 2016 in Rio schaffen können. Der Olympia-Traum des 24-Jährigen ist groß, die Qualifikation knallhart.

Herr Böhm, zwischen Ulm und Rio de Janeiro liegen 9500 Kilometer Luftlinie. Wie weit ist Rio für Sie persönlich noch entfernt?
CONSTANTIN BÖHM: Im Moment weit! Der lange Weg der Qualifikation hat im Mai begonnen und zieht sich durch bis Februar 2016. Für mich zählt aktuell, dass ich alles dafür tue, damit die deutsche Degen-Mannschaft das Ticket holt.

Das heißt noch nicht, dass Sie dann auch selbst bei Olympia fechten . . .
Richtig. Erst nachdem das Team den Sprung geschafft hat, wird sich zeigen, wer in Rio startet. Am Stützpunkt in Tauberbischofsheim sind wir sechs Kaderathleten. Drei werden nominiert – plus Ersatzmann. Zwei müssen daheim bleiben. Die trifft es am härtesten.

Platz acht bei der WM war der Grundstein zur Olympia-Qualifikation. Bei den Titelkämpfen in Moskau waren Sie der Ersatzmann. Wie trainieren Sie aktuell, wie bereiten Sie sich auf die Weltcups vor?
In der Weltrangliste haben wir uns in den letzten zwei Jahren von Platz 17 auf sechs verbessert, in der Quali-Rangliste für Rio belegen wir momentan Platz fünf, das würde reichen. Aber es bleibt bis zum Schluss spannend. Noch sind es vier Weltcup-Turniere: am Freitag geht’s in Bern los. Gerade habe ich auch das Okay für den Start im Einzelwettbewerb bekommen. Toll.

Und bis zur Entscheidung pausieren Sie im Maschinenbau-Studium?
Ich bin in Stuttgart sozusagen für die Olympia-Qualifikation beurlaubt. Während der Trainingstage in ,Tauber’ teile ich mir mit den Heidenheimern Niklas Multerer und Stephan Rein im Fecht-Internat ein Zimmer, das vom Stützpunkt Heidenheim bezahlt wird. Bei einer intensiven Woche wie der letzten fällt man abends ins Bett. Da wird von Montag bis Samstag durchtrainiert, bis drei Einheiten am Tag, insgesamt drei bis vier Stunden.

Wie sehen Sie Ihre Rio-Chance?
Die Quali-Phase ist jetzt ständig präsent, Rio nur im Hinterkopf. Dabei zu sein, ist ein großer Traum, weil ich London 2012 als Trainingspartner erlebt habe. Das war mein entscheidender Moment: Ich will auch als Aktiver zu Olympia!

London als spezielle Motivation?
Ja, ich war Trainingspartner von Jörg Fiedler, der Achter wurde und auch jetzt mit 37 Jahren eine feste Größe im Team ist. Ich war bei einer englischen Fechterfamilie einquartiert und musste immer eine Stunde mit der U-Bahn zur Halle fahren, weil ich nicht offiziell akkreditiert war und nicht ins Olympische Dorf durfte. Das war etwas enttäuschend. Ich war aber total fokussiert auf die Woche Training und dann ziemlich ausgelaugt, als Olympia für die anderen richtig losging.

Auch in Rio waren Sie schon . . .
Stimmt, dieses Jahr beim Grand-Prix-Turnier. Wir haben da in der Halle einer Militärkaserne gefochten, in einem Hotel an der Copacabana gewohnt, aber das Olympiagelände nicht gesehen. Es ist ja weit weg vom Strand – und war da ja auch noch komplett im Bau.

Sie sind Linkshänder. Bringt das Vorteile im Wettkampf?
Linkshänder bei Turnieren sind inzwischen völlig normal. Als ich 1999 in der Böfinger Halle beim SSV 46 anfing, war das noch etwas Besonderes. Heute sind in unserer Trainingsgruppe drei Rechts- und drei Linkshänder. Man gewöhnt sich daran, sich auf beide Arten von Gegnern einzustellen, dafür haben wir ja genügend Flugstunden.

Flugstunden – klingt nach schnellen Aktionen auf der Fechtbahn . . .
Ja, den Sturzangriff, auch Fleche genannt, versuche ich gern. Da nutze ich bei 1,95 Metern Körpergröße meine Reichweite, gehe explosiv nach vorne. Ich variiere auch gern, indem ich den Angriff simuliere, mich aber blitzschnell wegducke. Stößt der Gegner über mich ins Leere, kann ich entscheidend kontern. Das geht intuitiv.

Wie werden Sie bei Ihren Olympia-Plänen unterstützt?
Als Nationalmannschaftsmitglied bekommt man Turnierreisen vom Deutschen Fechter-Bund bezahlt, auch die Sporthilfe unterstützt mich. Und ich habe fürs Projekt Rio Ulmer Sponsoren gefunden, die mir sehr helfen. Trotzdem bin ich als Student weiter auf meine Eltern angewiesen. Sie sind mein großer Rückhalt. Mein Vater war auch Sportler, er hat Volleyball gespielt. Meine ganze Familie freut sich für mich und unterstützt mich. Darüber bin ich sehr froh.

Was kostet einen Leistungssportler wie Sie der Fechtsport extra?
Es fallen einige Kosten an. Zum einen das Auto. Zeitweise habe ich mit einem Sportpsychologen aus Ulm zusammengearbeitet, jetzt haben wir einen fürs Team. Die Ausrüstung, rund 700 Euro, ist nur ein kleinerer Posten. Trotz Sporthilfe, Sponsoren, DeFB, Verein: beim Umrechnen der monatlichen Unterstützung auf investierte Trainingsstunden, erhält man ein ernüchterndes Ergebnis. Leben kann man davon jedenfalls nicht. Deshalb brauche ich zusätzliche Unterstützung und die finanzielle Hilfe meiner Eltern.

Franzose trainiert deutschen Meister

Dritter Mann? Es ist bald 80 Jahre her: 1936 haben zwei Ulmer (Degen-)Fechter den Sprung zu Olympia geschafft: Sepp Uhlmann und Eugen Geiweitz. Sie mussten sich in Berlin mit der deutschen Equipe erst in der Finalrunde den Teams aus Italien, Schweden und Frankreich geschlagen geben und kamen auf Rang vier. Constantin Böhm kann die Qualifikation als dritter Ulmer schaffen. In Tauberbischofsheim wird der 24-Jährige, der am Michelsberg groß wurde, von Bundestrainer Didier Ollagon trainiert. Der Franzose hat Böhm, der Dritter der U-23-EM war und amtierender deutscher Meister ist, schon als Junior betreut. Zum Kader zählen zudem Niklas Multerer, Stephan Rein (beide Heidenheim), Christoph Kneip, Falk Spautz (beide Leverkusen) und Jörg Fiedler (Leipzig).

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