Wenn die Cracks auf zwei Rädern über die Erdpisten rasen, sieht das spielerisch aus. Locker nehmen sie die Sprünge und lehnen sich scheinbar mühelos in die Steilkurven. Was so einfach aussieht, ist harte Arbeit und kann nur in stundenlangen Trainingseinheiten erlernt werden - jeder fängt irgendwann einmal klein an.

Beim MSC Ingersheim versucht man den Spagat zwischen Breitensport und Leistungssport. Zwar trainieren in Ingersheim viele Hobby-Fahrer, mit Max und Tim Kofink, Mara Schwinger, Andreas Bernauer, Felix Schurr und Aaron Joos gibt es aber auch sechs Nachwuchsfahrer, die im Landeskader Baden-Württembergs stehen. Philip Schaub, das Aushängeschild der Ingersheimer, der in der kommenden Saison in die "Elite", die höchste Rennklasse im BMX-Sport, aufrückt, steht sogar im Bundeskader. Sechs bis acht Mal trainieren die besten Fahrer in der Woche. "Wir sind beim MSC schon auch sportlich orientiert", sagt Carsten Bernauer, Zweiter Vorsitzender des MSC Ingersheim, "mit Kerstin Meyer und Dominik Reichelt haben wir zudem hervorragende Trainer, die ihr Wissen an die Jungen weitergeben."

Allerdings stößt der Verein mit seinen Kapazitäten auch an seine Grenzen. Beim MSC in Ingersheim sind maximal zwei Trainingseinheiten in der Woche für die Fahrer möglich. Die ambitionierten Zwölf- bis 18-Jährigen trainieren mehrmals in der Woche, zum BMX-Fahren und zu den Sprinteinheiten kommen noch Turn- und Kraft- sowie Ausdauertraining unter der Anleitung des Trainerteams des württembergischen Radsport-Verbandes (WRSV) und von Bundestrainer Simon Schirle. Das Pensum von sechs bis acht Einheiten wöchentlich erreichen die Kaderfahrer wie Schaub auch, indem sie auf andere Strecken - beispielsweise nach Stuttgart - ausweichen.

Dass die Spitzenfahrer praktisch kaum noch am Vereinsleben teilnehmen, ist im Ingersheimer Klub nicht bei allen gern gesehen. "Klar ist es für die Kleinen toll, wenn Philip Schaub vorbeikommt und zeigt, was auf dem Rad alles möglich ist", betont Bernauer, "und die Kaderfahrer versuchen ja auch, so oft wie möglich auf der Strecke in Ingersheim vorbeizuschauen." Dass das Training auf dem Heim-Parcours aber nicht ausreicht, um national und vor allem international mitzuhalten, will Bernauer aber nicht verschweigen: "Im Vergleich zu den Engländern, Schweizern und insbesondere den Holländern haben wir in Deutschland noch jede Menge Nachholbedarf."

Die im Oktober 2015 gegründete BMX-Union Stuttgart e.V., ein kooperativer Zusammenschluss von BMX-Vereinen, bündelt die vereinsübergreifenden Aktivitäten. So wird die Union auch die am Burgholzhof in Stuttgart-Münster im Bau befindliche neue BMX-Bahn betreiben. Die 450 Meter lange, 710 000 Euro teure Strecke, die 2016 fertig sein soll, ist dann die einzige Freiluft-Supercross-Bahn in Deutschland. "Die Bahn ist notwendig, um an das Leistungsniveau der anderen Nationen ranzukommen. Sie ist ein Sprungbrett für die Elite", erklärt Carsten Bernauer. In Deutschland gibt es nirgendwo sonst eine Acht-Meter-Start-Rampe; von diesen wird aber auf internationalen Wettbewerben fast immer gestartet. "Bislang mussten wir immer nach Holland fahren, um diese Trainingsmöglichkeit zu haben. Und das war natürlich teuer", betont Bernauer.

Der BMX-Sport in Stuttgart ist also auf dem Vormarsch - und dazu trägt auch der MSC Ingersheim seinen Teil bei. Und mit der neuen Outdoor-Strecke scheint die Zukunft des Trainings in den Sommermonaten gesichert. "Rennen werden aber im Winter gewonnen", sagt Carsten Bernauer. Dann nämlich werden die Grundlagen gelegt und die Technik verfeinert, die bei den Rennen im Sommer über Sieg und Niederlage entscheiden kann. Ihr Winterdomizil in Stuttgart müssen die BMX-Fahrer aber bald aufgeben. Die Frachthalle in Cannstatt, in der im Moment noch bis zu 250 Radsportler aus 17 Vereinen aus der Region trainieren, wurde in den vergangenen zwei Jahren mit viel Engagement ausgebaut und bietet nicht nur den Fahrern aus Württemberg, sondern auch den Bundeskaderathleten optimale Bedingungen.

"Das Loch", wie die Halle von den Fahrern genannt wird, muss aber bald einem geplanten Wohnquartier weichen; eine Alternative ist derzeit nicht in Sicht. "Wenn wir nichts anderes finden, wäre das ein Nackenschlag für die technische Ausbildung der Fahrer", meint Carsten Bernauer und ergänzt: "Wir brauchen nur eine Halle, die Strecke bauen wir dann schon selbst."

So oder so: Mit der frühen Ausbildung der jungen Fahrer sieht Bernauer den MSC Ingersheim auf dem richtigen Weg. Und einer, der könnte 2020 für den MSC bei den Olympischen Spielen starten. "Ich würde mich für Philip Schaub freuen, wenn er sich für seinen enormen Trainingsaufwand mit einer Teilnahme in Tokio belohnt. Zuzutrauen ist es ihm allemal", sagt Bernauer.