Rio Behindertensport erreicht in Rio neues Niveau

Bahnrad-Olympiasieger Stefan Nimke (v.) holte bei den Paralympics als Pilot von Kai Kruse mit dem Tandem im 1000-Meter-Zeitfahren die Bronzemedaille.
Bahnrad-Olympiasieger Stefan Nimke (v.) holte bei den Paralympics als Pilot von Kai Kruse mit dem Tandem im 1000-Meter-Zeitfahren die Bronzemedaille. © Foto: dpa
DPA 13.09.2016
Was sich seit Jahren abzeichnet, wird in Rio de Janeiro Gewissheit: Die Paralympics sind Leistungssport, der mit höchster Professionalität betrieben wird.

Das Tandem ist eine Maßanfertigung, das Training hat olympische Umfänge, das Niveau der Leistung schießt durch die Decke: Spätestens seit den Paralympics in Rio de Janeiro hat der Behindertensport der Spitzenklasse eine neue Dimension erreicht. „Das ist Hochleistungssport. Das schüttelt man nicht aus dem Ärmel“ sagte Stefan Nimke. Der Bahnrad-Olympiasieger und als Pilot von Kai Kruse seit Sonntag auch Paralympics-Dritter mit dem Tandem im 1000-Meter-Zeitfahren bestätigte damit einen Trend, der sich bereits seit Jahren abgezeichnet hat.

Auch in anderen Sportarten ist Klar: Als Hobbysportler gewinnt man bei Paralympics allenfalls Sympathien, aber keine Medaillen. Bis zum Sonntagmorgen hatte es bereits fast 100 Weltrekorde gegeben. „Der paralympische Sport hat einen Riesenschritt gemacht seit London 2012“, meinte der Weitspringer mit Unterschenkel-Prothese Markus Rehm.

Er ist überzeugt davon, dass die Menschen im Behindertensport inzwischen die Leistungen achten. „Wir zeigen der ganzen Welt: Das ist ein seriöser Sport, den wir hier zeigen, trotz der Handicaps, die wir alle haben. Wir brauchen uns vor olympischen Athleten nicht zu verstecken“ sagte der Leverkusener. 2014 wurde der 28-jährige Sportler deutscher Weitsprung-Meister bei den Nichtbehinderten und schlug sogar den damaligen Europameister.

Bei aller Diskussion über die Hilfsmittel, wie vor allem die immer ausgereifteren Prothesen: Ohne hartes Training verhilft der beidseitig oberschenkelamputieren Vanessa Low auch die teuerste Technik nicht zum Paralympics-Sieg im Weitsprung mit dem Weltrekord von 4,93 m. Sie trainiert 25 bis 30 Stunden pro Woche – dazu Rehabilitation, Physiotherapie, Pilates und Yoga.

Doch neben dem vielen Training berichtete sie auch über die Arbeit an ihrer eigenen mentalen Stärke, bei der sie oft an ihre Grenzen stoß.

Die Voraussetzungen für Bahnradfahrer Stefan Nimke und seinen Partner Kai Kruse waren andere, aber ebenfalls professionell. Der Radsportler mit Handicap ist in der Sportfördergruppe der Landespolizei Mecklenburg-Vorpommern, das Tandem wurde vom Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) gebaut. Sein Tandempartner Kai Kruse hat mit Emanuel Raasch einen Trainer, der selbst einmal Tandem-Weltmeister war, und einen Arbeitgeber, der ihm den Freiraum für das aufwendige Training einräumt. „All denen gehört so ein kleines Stück von der Medaille“, meinte Nimke

Gerade im Velodrom, einer Veranstaltungshalle der Paralympics, war zu sehen, dass ohne Professionalität keine Medaille zu gewinnen ist. Als Tandempiloten waren im Olympia-Dritten Teun Mulder (Niederlande), dem Olympia-Zweiten Craig MacLean (Großbritannien) oder Nimke ehemalige Profis des Bahnrad-Sprints im Einsatz. „Du musst mittlerweile Piloten haben, die alle ehemalige Top-Sprinter sind“, sagte Kai Kruse. Nur 60 Sekunden brauchen die Spitzenduos für den Kilometer. Nimke betonte: „Wenn man solche Zeiten fahren will, kann man nicht nebenbei noch 30 Stunden arbeiten“. Das verdeutlicht die Professionalität im Behindertensport.