Interview Barbara Rittner freut sich auf ihren Perspektivwechsel

Als Fed-Cup-Kapitänin schwang Barbara Rittner auch mal den Schläger. Künftig hält sie sich mehr im Hintergrund.
Als Fed-Cup-Kapitänin schwang Barbara Rittner auch mal den Schläger. Künftig hält sie sich mehr im Hintergrund. © Foto: Eibner
Biberach / Von Helen Weible 16.12.2017
Im Interview während der Titelkämpfe in Biberach spricht die Chefin des deutschen Damentennis über das auslaufende, turbulente Jahr und was sie sich vom neuen erhofft.

Barbara Rittner kennt die Tennis-Szene und ihre Protagonisten wie keine andere. 15 Jahre als Spielerin, 13 Jahre als Fed-Cup-Teamchefin und seit zehn Jahren nunmehr auch Stammgast bei den deutschen Meisterschaften in Biberach an der Riß. Es war nur folgerichtig, dass die 44-Jährige im August zum „Head of Women’s Tennis“ aufstieg und sich nun verstärkt der Arbeit im Nachwuchsbereich widmet. Auch die Zusammenarbeit mit dem neuen Chef der Männer, Boris Becker, sei bereits fruchtbar, wie sie bereits mehrmals betonte. In welche Richtung sich das deutsche Tennis entwickeln kann, erklärt sie am Rande der Titelkämpfe in Biberach.

Frau Rittner, was ist Ihnen in zehn Jahren Biberach haften geblieben?

Barbara Rittner: Schwer zu sagen. Ich war die letzten 14 Jahre mindestens eine Woche in Biberach, also 14 Wochen meines Lebens. Beim Finale Petkovic gegen Görges (Andrea Petkovic besiegte Julia Görges im Finale der Biberach-Premiere 2007 Anm. d. Red.) war damals schon klar, dass dies die Spielerinnen der Zukunft sind, die international eine Rolle spielen könnten. Aber auch sonst haben so viele Nachwuchssternchen hier auf sich aufmerksam gemacht. Die späteren Fed-Cup-Spielerin waren hier am Start. Nach Biberach zu kommen, ist mittlerweile immer wie nach Hause zu kommen.

Erinnern sich auch die Spielerinnen an ihre Zeit in Oberschwaben?

Rittner: Ich hab vor dem Fed Cup ja viel Kontakt zu den Spielerinnen und wenn sie mich hier anrufen und ich schlechten Empfang habe, dann sagen sie: ‚Ah, dann geh’ spazieren!’ Ich geh dann zum Telefonieren mit meinem Hund raus. Sie erinnern sich also alle gut an Biberach.

Dieses Jahr war turbulent, mit dem Abstieg der Nummer eins einerseits und einem tollen Aufstieg von Julia Görges auf Rang 14. Was sind die Hintergründe?

Es war ein schwieriges Jahr für viele. Sehr positiv war die Entwicklung von Jule Görges, die ganz klar auf dem Weg in die Top Ten ist. Die sich körperlich und damit auch mental verbessert hat, stabiler geworden ist. Da macht ihre Trainer Michael Geserer offenbar einen guten Job. Sie wird ein Wort bei großen Turnieren mitreden, auch bei den Grandslams. Es geht so eng zu bei den Damen, darum glaube ich auch, dass sie ganz vorne mitspielen kann. Es ist erfreulich, dass sie mit knapp 30 diese Kurve nach oben genommen hat. Jule traue ich viel zu.

Wie steht es um Angelique Kerber, die auf Rang 21 abgerutscht ist?

Ich habe ihre Krise vom Bauchgefühl her kommen sehen, weil 2016 so viel Gutes, aber auch Dinge passiert sind, die schwer zu verarbeiten waren. Ich glaube, das braucht einfach noch Zeit bei ihr. Sie hat eine gute Entscheidung getroffen, mit Wim Fissette (Kerbers Coach Anm. d. Red.) eine neue Ansprache zu haben, obgleich Torben Beltz einen tollen Job gemacht hat. Sie muss niemanden mehr etwas beweisen. 2018 kann nur besser werden für sie.

Die Württembergerin Laura Siegemund, die im April den Titel beim Porsche Grand Prix geholt hat, verletzte sich schwer. Ihre Zwangspause hat sicher weh getan. . .

Ja, sie war auf dem absoluten Hoch ihrer Karriere und erlitt den Kreuzbandriss vor meinen Augen. Es wird wahnsinnig schwer für sie, jetzt wieder das Niveau zu erreichen. Ich hatte mich damals so gefreut, sie in Paris zu sehen. Es war wie ein Fluch 2017, wir hatten viel Verletzungspech. Sabine Lisicki konnte so gut wie gar nicht spielen, auch Anna-Lena Friedsam hat das ganze Jahr verpasst. Andrea Petkovic hemmen immer wieder körperliche Probleme und sie muss lernen zu dosieren. Annika Beck hat große Rückenprobleme und wird auch in Australien nicht spielen.

Wie ändert sich jetzt der Austausch mit den Fed-Cup-Spielerinnen in Ihrer neuen Funktion als Head of Women’s Tennis?

Ich freue mich darauf, alles einmal aus einer anderen Perspektive zu sehen. Es war ja so gedacht mit der neuen Konstellation, dass ich nicht mehr für eine Nominierung oder Aufstellung verantwortlich bin. Dass ich dadurch eine gewisse Unabhängigkeit habe und klarer sagen kann, was ich  denke, fernab von der Taktiererei. Und ich werde einen Teufel tun und mich einmischen!

Aber Sie fahren mit nach Weißrussland zur schweren Fed-Cup-Partie gegen den Finalisten?

Ich reise erst später an. Das Team muss jetzt mal ohne mich zusammenwachsen. Der Fed Cup liegt komplett in den Händen von Jens Gerlach und auch Dirk Dier (Co-Trainer Anm. d. Red.). Klar, kann Jens Gerlach einen Rat von mir haben. Die Aufstellung macht aber er allein und dann schauen wir mal, was im Februar gegen Weißrussland herauskommt. Ich feiere hinterher gerne mit.

Sie wollen das deutsche Tennis allgemein voranbringen. Angedacht ist auch ein eigenes DTB-Turnier – wie weit sind hier die Planungen?

Hier muss mit dem Präsidium abgestimmt werden, wann dieses Turnier konkret wird. Auch die Gespräche mit den Sponsoren sind noch nicht geführt.

Im Süden haben wir bereits mit dem Porsche Grand Prix in Stuttgart ein renommiertes Turnier, spielt sich wieder mehr im Norden ab?

Der Süden ist sehr engagiert. Ich denke da an die Turniere in Stuttgart und München. Tatsächlich würde es sich anbieten, wenn wir zur Abwechslung etwas im Norden aufbauen könnten.

Kohlmann zufrieden mit Herrenbereich

Davis-Cup-Chef Michael Kohlmann hat im kommenden Frühjahr die gleiche Aufgabe wie Jens Gerlach im Fed Cup: Es geht im Jahr 2018 darum, die Finals in der Weltgruppe zu erreichen. Gegner im sind im Februar in Brisbane die Australier. „Der Klassenerhalt war nicht unser Anspruch“, sagt der Teamchef in Biberach, „gegen Belgien ist es nicht so gelaufen wie gewünscht. Dafür hatten wir in Portugal viel Glück.“ Australien sei kein Wunschgegner, aber es könnte ausgeglichen zugehen. „Ich hoffe, dass wir positivere Schlagzeilen schreiben“, meint Kohlmann. „Die Generation an Spielern, die die damaligen Erfolge gar nicht erlebt haben, müssen erst mal eine Idee davon bekommen.“ Als Deutschland 1993 das Finale gegen Australien mit 4:1 gewann, war der heutige Spitzenspieler Alexander Zverev „minus 4“ Jahre alt. Zufrieden ist der 43-Jährige mit dem Niveau der deutschen Herren. „Wir haben acht Leute in den Top 100 und stehen breit da. Wir haben Leute in Lauerstellung wie Yannick Maden (ATP 148 Anm. d. Red.).“ Außergewöhnlich seien die zwei Mastertitel von Alexander Zverev. Jan-Lennard Struff traut er einen Coup zu: „Der hat es in sich.“ hel

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