Sind Sie als alter Hase im Eishockey-Geschäft vor dem Beginn der Playoffs überhaupt noch angespannt?

DOMINIC AUGER: Ja, auf jeden Fall. Ich bin aufgeregt und habe richtig Lust auf die Playoffs. Das ist für uns Spieler die beste Zeit des Jahres. Das habe ich schon immer so empfunden, ganz egal in welchem Alter. Schließlich spielt man die ganze Saison für die Playoffs.

Die Steelers sind mit 15 Punkten Vorsprung Hauptrundensieger geworden und treffen nun im Viertelfinale auf den Tabellenzehnten aus Dresden. Besteht da nicht die Gefahr, den Gegner zu unterschätzen?

AUGER: Das ist natürlich eine Gefahr. Man muss mental auf die Situation vorbereitet sein. In den Playoffs spielt es keine Rolle, ob eine Mannschaft Erster oder Zehnter geworden ist. Die Saison ist jetzt vorbei. Wir müssen alles geben, um Dresden viermal zu besiegen. Das wird ein harter Kampf.

Nach der überragenden Hauptrunde ist Ihr Team der hohe Favorit auf die Meisterschaft. Welche anderen Mannschaften haben Sie im Titelkampf auf der Rechnung?

AUGER: Bremerhaven hat wieder eine starke Mannschaft und gegenüber der Vorsaison nicht viel am Kader geändert. Die Ravensburger sind auf dem Papier sehr gut. Sie haben auswärts zwar nicht so stark gespielt wie zu Hause, aber das kann sich in den Playoffs ändern. Kassel und Frankfurt haben bisher eine sehr gute Saison gehabt. Auch wir haben eine sehr gute Mannschaft und eine gute Chance auf den Titel.

Auf was kommt es jetzt in den Playoffs an?

AUGER: Das sind Kleinigkeiten. Etwa den extra Schritt zu machen, auch wenn man gar nicht mehr kann. Der Wille ist entscheidend. Man muss über seine Grenzen hinaus gehen. Wichtig ist außerdem, möglichst wenig Fehler zu machen.

Sollten die Steelers nach 2009 und 2013 erneut Zweitliga-Meister werden, wird es wieder nichts mit einem Aufstieg in die DEL. Ist die nach wie vor fehlende Verzahnung zwischen beiden Ligen nicht frustrierend?

AUGER: Ich kann nur für mich sprechen. Für mich macht es keinen Unterschied. Ich spiele immer, um zu gewinnen. Ich bin gebürtiger Kanadier, auch in Nordamerika gibt es keinen Auf- und Abstieg. Da geht es nur um die Meisterschaft, und wenn man die gewinnt, ist man enorm stolz. Das ist ein tolles Gefühl. Ich bin nach Bietigheim gekommen, um die Meisterschaft zu gewinnen. Das Thema Auf- und Abstieg beschäftigt eher die Fans und weniger die Spieler.

Was macht die aktuelle Mannschaft des SCB so stark?

AUGER: Wir haben viele Spieler mit einem unglaublichen Talent. Wrigley und Pinizzotto zum Beispiel schießen auch mal Tore aus dem Nichts. McKnight, Kelly, Sommerfeld, Martinovic im Tor - das sind alles super Spieler, und das ist nur ein Teil der Mannschaft. Hinzu kommt, dass ein Großteil des Teams schon länger zusammenspielt. Der Zusammenhalt und die Stimmung in der Kabine sind immer gut, ebenso das System von unserem Trainer.

Die Steelers haben in der Hauptrunde die Konkurrenz abgehängt und die Tabelle phasenweise mit 20 Zählern angeführt. Wie hat sich das Team trotz dieser über Monate anhaltenden Dominanz motiviert?

AUGER Die Arbeitseinstellung stimmt einfach. Das habe ich schon im ersten Testspiel gegen Nürnberg gemerkt. Das haben wir 1:2 verloren. Ich dachte mir damals: Okay, gegen eine DEL-Mannschaft und in der Vorbereitung ist so eine Niederlage nicht so schlimm. Daraus kann man lernen. Doch die Jungs, die schon in der Saison zuvor für Bietigheim gespielt haben, waren stinksauer. Da wusste ich: Das ist eine gute Gruppe, die es hasst, zu verlieren - und dass wir eine gute Saison spielen würden.

Sie selbst können auf eine überragende Hauptrunde zurückblicken. Wie kommt es, dass Sie in Bietigheim im Herbst Ihrer Karriere noch einmal so aufgeblüht sind?

AUGER: Ich fühle mich in Bietigheim freier und durfte mehr spielen als in den Jahren zuvor. Unser auf die Offensive ausgelegtes System passt perfekt zu meinem Stil. Dass wir bei den Steelers viele Topspieler haben, erleichtert mir meine Arbeit ebenfalls. Passgenauigkeit und -annahme, Laufbereitschaft, Laufwege, Cleverness, Training - es passt einfach alles. Im Englischen spricht man von einem "Perfect Storm", einem perfekten Sturm. Dass ich persönlich eine so tolle Saison haben würde, kam auch für mich überraschend. Das ist unglaublich. Ich bin glücklich, dass es so gelaufen ist, gerade in meinem Alter. Ich selbst habe nichts verändert und bin immer noch der gleiche Spieler, der ich vor zehn Jahren war.

Mit 16 Toren und 37 Assists sind Sie der punktbeste Verteidiger der Liga. War es ein Ansporn für Sie, in diesem Ranking die Nummer eins zu sein?

AUGER: Daran habe ich nicht gedacht, ich wollte nur immer gut spielen. In meiner Karriere stand ich immer in der Top Ten der Verteidiger. Im Februar kamen dann auf einmal die vielen Punkte. Bei den letzten zwei Spielen gegen Heilbronn und Frankfurt hatte ich dann schon im Kopf, dass ich jetzt wirklich eine Chance auf den ersten Platz habe, auch wenn das ursprünglich gar nicht mein Ziel war. Der punktbeste Verteidiger zu sein, ist die Belohnung für die Arbeit in den letzten 14 Jahren und eine große Ehre. Aber jetzt ist die Hauptrunde vorbei. Wobei: Normalerweise bin ich ein Playoff-Spieler und spiele mein bestes Eishockey in den Playoffs.

Was ist das Geheimnis Ihrer Offensivstärke?

AUGER: Mein Bruder hat mir gesagt, dass ich mehr Punkte sammeln würde, wenn ich keine Strafen bekomme, und das stimmt natürlich. Darum habe ich aufgepasst, keine Strafen zu erhalten. Ich bin jetzt mehr auf dem Eis als auf der Strafbank. Ich hatte aber schon als junger Spieler immer gute Qualitäten in der Offensive, konnte genaue Pässe spielen und hatte ein gutes Auge. Darin liegt mein Talent. Defensiv spielen können viele Verteidiger, offensiv dagegen nur wenige.

Werden Sie Ihren Vertrag verlängern und auch in der nächsten Saison für die Steelers auflaufen?

AUGER: Im letzten Sommer dachte ich, das wird jetzt meine letzte Eishockey-Saison und dass ich zu alt bin und es Zeit ist, bald aufhören. Ich habe nicht damit gerechnet, dass es bei mir so gut laufen würde. Jetzt fühle ich mich superfit und möchte noch ein Jahr spielen - und dann sehen wir weiter. Gerne würde ich in Bietigheim bleiben. Verein, Mannschaft, Stadt - das passt alles. Hier fühlen meine Frau und ich uns wohl. Ich glaube, die Steelers sind auch daran interessiert, dass ich bleibe, aber konkret ist noch nichts. Ich habe noch keinen neuen Vertrag unterschrieben.

Haben Sie schon einen Plan für die Zeit nach Ihrer Karriere?

AUGER: Ich werde im Sommer in München ein Praktikum bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft machen. In Kanada habe ich an der Universität Betriebswirtschaft studiert und einen Abschluss. Finanzen, Rechnungswesen - in dieser Richtung will ich etwas machen. Ich könnte mir auch vorstellen, Manager eines Eishockey-Vereins zu werden, aber da müsste ich erst noch Erfahrungen sammeln. Trainer zu sein, dazu habe ich aber keine Lust.

Zur Person vom 13. März 2015

Dominic Auger wurde am 12. Januar 1977 in Montmagny (Provinz Québec) geboren. Nach drei Stationen in seiner kanadischen Heimat wechselte der Linksschütze 2001 zum damaligen Oberligisten ESV Kaufbeuren und schaffte mit den Allgäuern auf Anhieb den Zweitliga-Aufstieg. Nach fünf Jahren in Kaufbeuren wechselte er 2006 zu den Schwenninger Wild Wings. Weitere Stationen waren Kassel, München und Rosenheim. Seit dieser DEL-2-Saison läuft Auger für die Steelers auf und avancierte prompt zum punktbesten Verteidiger der Liga. Der 38-jährige Routinier ist seit 2007 mit seiner Frau Kathrin verheiratet und hat eine dreijährige Tochter, Enya. In seiner Freizeit schaut der Hobby-Golfer gerne TV-Serien wie "Friends" oder "Homeland". Zu seinen Lieblingsbands gehören Linkin Park und Metallica. ae

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