Paris Ärgster Verfolger: Zweifel

HARTMUT SCHERZER 22.07.2013
Der britische Radprofi Christopher Froome hat gestern die 100. Tour de France gewonnen. Die 21. und letzte Etappe über 133,5 Kilometer von Versailles nach Paris gewann jedoch ein Deutscher: Marcel Kittel.

Der Zweifel hat Christopher Froome von Porto-Vecchio auf Korsika 3404 Kilometer lang begleitet bis nach Paris auf die Champs-Élysées. Wie Richie Porte. Die französische Tageszeitung "Le Monde" brachte die dreiwöchige Doping-Debatte um den britischen Sieger der 100.Tour de France mit einer Überschrift auf den Punkt: "Froomstrong". Die Demonstration der Stärke Christopher Froomes auf der Tour 2013 erinnere an die Lance Armstrongs und gebe dem Dopingverdacht Nahrung.

Mit seinem unorthodoxen Fahrstil, dem ständigen Wackeln mit dem Kopf, den Nähmaschinentritten (wie Armstrong), den Zwischensprints, ließ der in Kenia geborene und in Südafrika aufgewachsene Brite, 1,86 Meter groß und 69 Kilo schwer, seine vermeintlichen Konkurrenten auf den Zielanstiegen förmlich stehen: nach Ax-3 Domaines, auf den Mont Ventoux und auch auf der letzten Bergankunft Annecy-Semnoz. Selbst wenn er am Samstag "nur" Dritter hinter dem 23-jährigen Kolumbianer Nairo Qintana und dem Spanier Joachim Rodriguez wurde. In den beiden Zeitfahren war nur Weltmeister Tony Martin einmal schneller. Quintana (+5:03) und Rodriguez (+5:47) haben als Zweiter und Dritter auf dem Podium deutliche Abstände.

Die psychische Anstrengung war nach eigenem Bekunden für den Engländer mit dem schwer verständlichen Akzent während der zwei Wochen im "Maillot Jaune" strapaziöser als die physische. Die Journalisten setzten dem Leader täglich mehr zu als die Rivalen. "Diese ständige Überprüfung, dieses andauernde Hinterfragen auf derartigem Niveau, wie unter einem Mikroskop, hat mir mental schwer zugesetzt", räumte Froome ein. Immer wieder beteuerte der Verdächtigte mit gequälter Unschuldsmiene und leiser Stimme, "absolut sauber" zu sein. Die Ergebnisse würden auch in 10, 20 Jahren Bestand haben. Als es nach der 20. Etappe geschafft war, gab sich Froome fassungslos: "Ich kann es nicht glauben, was passiert ist. Es ist fantastisch. Tut mir leid, aber mir fehlen die Worte."

Den Londoner Journalisten fehlt jener Enthusiasmus, mit dem sie vor einem Jahr den ersten britischen Tour-Sieg durch Bradley Wiggins begleitet hatten. Der Bahn-Olympiasieger von 2004 und 2008 musste vor dem Tour-Sieg und dem Zeitfahrgold 2012 mit Depressionen, Alkoholproblemen und einem Schlüsselbeinbruch bei der Tour 2011 fertig werden. Das machte ihn so menschlich. Chris Froome aber tauchte plötzlich aus dem Nirgendwo Afrikas auf, hatte 2011 als Etappensieger und Klassement-Zweiter der Vuelta erstmals sportlich auf sich aufmerksam gemacht.

Froomstrong. Armstrong hatte gewonnen , nachdem er den Krebs besiegt hatte. Froome, letztes Jahr Zweiter hinter Wiggins, siegte in dessen Abwesenheit nach ebenfalls langer Krankheit. Vor drei Jahren war die stark schwächende Tropenkrankheit Bilharziose erkannt worden, die spezielle Medikamente erforderlich macht. Man misstraut Überfliegern wie ihm. Daran ändert auch eine PR-Offensive des Teams Sky nichts, das in "L"Equipe" ein "Dossier" über alle Leistungsdaten und -werte Froomes veröffentlichte, mit der angeblichen Schlussfolgerung: "Keine Anomalien".

Mehr Radsport in den Öffentlich-Rechtlichen