Stuttgart "Fremdgesteuerter Idiot"

Blieb vor Gericht bei seiner Version, von Schumachers Doping nichts gewusst zu haben: Der frühere Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer. Foto: dpa
Blieb vor Gericht bei seiner Version, von Schumachers Doping nichts gewusst zu haben: Der frühere Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer. Foto: dpa
DPA 24.04.2013
Der wegen Betrugs angeklagte Radprofi Stefan Schumacher nannte am dritten Verhandlungstag vor dem Landgericht Stuttgart versehentlich den Namen eines angeblichen Doping-Arztes.

Stefan Schumacher war sauer. "Ich hatte den Knopf am Mikro schon gedrückt, aber es war dann schlauer, nicht das zu sagen, was ich wollte", sagte der wegen Betrugs angeklagte Radprofi am Dienstag nach dem dritten Verhandlungstag vor dem Landgericht Stuttgart. Sein Anwalt Dieter Rössner habe ihn zurückgehalten, nachdem sein ehemaliger Teamchef Hans-Michael Holczer sich zuvor emotional und lautstark über Schumacher ausgelassen hatte und ihn zum Abschluss einen "fremdgesteuerten Idiot" nannte.

Allerdings hatte auch Schumacher sich in Saal eins nicht immer im Griff - und verriet so ungeplant erstmals den Namen eines angeblich am Doping beteiligten Arztes des damaligen Teams Gerolsteiner. "Das kam aus der Emotion", sagte der 31-Jährige. "Es sind nicht nur die anderen Schuld. Er ist immer nur das Opfer", beschwerte er sich über den zweiten Teil von Holczers Aussagen vor Gericht. Der Mediziner wollte sich zu den Anschuldigungen nicht äußern. Holczer muss als Zeuge am nächsten Verhandlungstag ein drittes Mal in Stuttgart aussagen.

Schon vor den Kontrollverlusten Holczers und Schumachers hatten sich im Betrugsprozess Widersprüche ergeben. Der ehemalige Sportliche Leiter des Teams Gerolsteiner, Christian Henn, hatte am Vormittag ausgesagt, Doping sei im Team "kein Thema" gewesen. Holczer gab wenige Stunden später zu Protokoll: "Das Thema Doping ist in dieser Mannschaft relativ offen angesprochen worden." Er habe die Mannschaft deutlich und mehrfach darauf hingewiesen, Doping zerstöre den Radsport.

Henn gab an, er habe weder den Verdacht gehabt, dass Fahrer im Team gegen Dopingregeln verstoßen, noch habe er sich mit jemandem über leistungssteigernde Methoden unterhalten. Auch bei anderen Themen, wie dem Zugang zu Medikamentenboxen oder den Gebrauch von Messgeräten, gingen die Aussagen auseinander. Der 49 Jahre alte Ex-Telekom-Profi Henn vermittelte vor Gericht den Eindruck, über viele Abläufe im Radteam nicht informiert gewesen zu sein. Auf Fragen antwortete er häufig mit "Davon weiß ich nichts".

Dass zahlreiche Fahrer dopen würden, unter anderen Schumacher, habe er nicht bemerkt. "Wie hätte mir das auffallen sollen?" Auf die Frage, ob er der Meinung gewesen sei, weil das Blutdopingmittel Epo nachweisbar war, habe es kein Fahrer mehr benutzt, antwortete Henn: "Kann man so sagen, ja."

In der Befragung durch Schumachers Anwälte musste Henn allerdings eingestehen, dass er zumindest von dem Mittel "Nitro" (Nitrolingual) durch Gespräche im ehemaligen Team Gerolsteiner erfahren habe. Nach Henns Befragung durch das Gericht ergriff Schumacher noch vor seinen Verteidigern das Wort. Er warf Henn vor, "Unsinn" zu reden.