Leichtathletik-EM „Filmriss“ nach dem Silber-Rennen

Freudentränen: Gina Lückenkemper.
Freudentränen: Gina Lückenkemper. © Foto: J. MacDougall/afp
Berlin / Wolfgang Scheerer 09.08.2018

Schnell laufen ist ihre Profession. Mindestens so gern sitzt Gina Lückenkemper, die Vize-Europameisterin über 100 Meter von Berlin, im Sattel und lässt laufen. „Reiten ist für mich pure Entspannungstherapie“, sagt die 21-Jährige. Ihr vierbeiniger Liebling heißt Picasso. Galoppieren statt rennen, das war bei der EM natürlich nur am Rande ein Thema. Denn die junge Top-Sprinterin, das neue Gesicht der deutschen Leichtathletik, beeindruckte in 10,98 Sekunden im Halbfinale und erneut im Endlauf. Nur die favorisierte Britin Dina Asher-Smith (10,85) ist außer Reichweite. Vielleicht nicht mehr lange. Davon ist auch Trainer Uli Kunst, 67, überzeugt, der seit 40 Jahren im Geschäft ist: „Zeiten um 10,9 sind für Gina nicht das Limit.“ Denn bei aller Laufstärke hat Gina Lückenkemper, die für Bayer Leverkusen startet, eine große Schwachstelle: den Start.

Die Reaktionszeiten sind oft deutlich langsamer als die starker Konkurrentinnen. „10,98 – das soll mir erst einmal jemand nachmachen bei dem Start“, sagte die Silbermedaillengewinnerin am Morgen nach dem umjubelten Finale lachend. Start-Training wird künftig weiter in den Mittelpunkt der Arbeit rücken, auch in der Simulation am Computer, um die Reaktionsschnelligkeit weiter zu forcieren und bestenfalls extrem zu automatisieren. Vieles ist Kopf- oder Nervensache. Wer wüsste das besser als die Studentin der Wirtschaftspsychologie?

Zunächst einmal stand aber das Genießen des Erfolges auf dem Programm. „So etwas stellt man sich ja vielleicht vor“, sagte Gina Lückenkemper, „aber die Wirklichkeit ist viel schöner“. Mit einem kleinen Manko: „Das Rennen ist für mich wie ein Filmriss“, erzählte die deutsche Meisterin. „Ich erinnere mich, wie es in den Block ging. Und wie ich im Ziel war. Dazwischen ist alles weg.“

Doch die Bilder, wie Gina Lückenkemper immer stärker aufkam und Titelverteidigerin Dafne Schippers am Zielstrich um eine Hunderstel noch Silber entriss, sind im Multimediazeitalter ja aus vielen Perspektiven abrufbar.

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