Für Sportler ist die Teilnahme an olympischen Spielen ein Traum. Für Mark Dorfmüller ist das Ereignis rund um die fünf Ringe auch eine faszinierende Angelegenheit, der Wert jedoch bemisst sich für den Ulmer  Sportmediziner anders: „Für die Sportler, die sich lange Jahre auf dieses Event vorbereiten, ist es sicherlich ein Lebenstraum, daran teilnehmen zu können. Als Mannschaftsarzt zum Team zu gehören, das Vertrauen der Sportler für dieses besondere Event zu bekommen, ist eine Auszeichnung für die Arbeit, die man mit den Sportlern hat.“

Dorfmüller betreut in Rio als Mannschaftsarzt die deutsche Box- und Taekwondo-Nationalmannschaft. Für  den Ulmer Facharzt, der auch die deutschen Skispringer bei nun schon zwei Winterspielen begleitet hat, ist es insgesamt die vierte Olympia-Teilnahme. Mark Dorfmüller ist ärztlicher Leiter des Ulmer Therapiezentrums Reha Plus mit rund 40 Mitarbeitern.

Die nächsten Wochen ist der Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie aber als Olympiaarzt im Einsatz. Und das ist ein Fulltime-Job. „Ich bin als Mannschaftsarzt bei allen Kämpfen, beim Training und bei der Vorbereitung dabei und schaue, dass alle auf den Punkt fit sind“, erklärt der Sportmediziner seine Aufgabe. Tägliche Besprechungen mit den Trainer gehören ebenfalls dazu.

Dorfmüller hat Erfahrung im olympischen Boxen, aber auch im Profibereich. So behandelt er regelmäßig Profiboxer aus dem Sauerland-Boxstall und stellt Reha-Trainingsprogramme zusammen. Der besondere Reiz beim olympischen Boxen ist für ihn, dass „man in drei Runden alles geben muss“. Da gebe es kein großes – und manchmal langweiliges – Taktieren wie beim Profiboxen. Die Olympiaboxer seien alle „erstklassig ausgebildet und jede Sekunde hochkonzentriert“.

Im Olympischen Dorf teilt Dorfmüller das Appartement mit dem Athleten- und Trainerteam. „Wir sind fast 24 Stunden zusammen. Man muss daher schauen, dass keiner einen Lagerkoller bekommt, gerade gegen Ende hin, wenn dann die entscheidenden Kämpfe anstehen“, berichtet Dorfmüller, der auch gerne die Gelegenheit nutzt, in andere Disziplinen reinzuschnuppern. Aber das sei in Rio nicht so einfach. Dorfmüller erzählt: „Wir als Betreuer oder Trainer müssen – erstmalig – für den Eintritt zu anderen Sportevents Karten kaufen.“

Das sei möglich über das „Ticketoffice“ im Dorf oder über das Büro des DOSB. Spontan gehe da nichts mehr. Zudem seien die Tickets sehr teuer: „Wir wollten das Team Judo gemeinsam anschauen und unsere Judo-Jungs unterstützen. Es gab aber nur noch Karten für zirka 200 Euro pro Eintritt, so dass wir dann verzichtet haben. Die Athleten sind dann alleine hin.“

 Rein sportlich ist die Bilanz der deutschen Boxer mäßig.  „Zufrieden können wir bisher leider nicht sein, da wir fünf Erstrundenkämpfe bereits abgegeben haben. Besonders ärgerlich ist dabei die Tatsache, dass wir, nach unserer Einschätzung, zwei Duelle,  die mit Erik Pfeifer und David Graf, eigentlich gewonnen haben.“ Die Taekwondo-Wettkämpfe starten erst am Mittwoch.

Bei den Boxern konzentriert sich jetzt alles, und auch die Arbeit Dorfmüllers, auf Artem Harutyunyan. Der Halbweltergewichtler aus Hamburg steht im Viertelfinale. Der APB-Weltmeister ist der einzige von sechs angetretenen deutschen Boxern, der über den Auftaktkampf hinausgekommen ist. Im Viertelfinale trifft der 26-Jährige am Dienstag auf den Türken Batuhan Gozgec. Sollte Harutyunyan diesen Kampf ebenfalls gewinnen und ins Halbfinale einziehen, hätte er die Bronzemedaille bereits sicher. Das wäre dann auch ein Erfolg von Mark Dorfmüller, der die deutsche Boxstaffel bereits seit 2002 betreut.

Der Arzt hat auch zur aktuellen Dopingdiskussion eine klare Meinung. „Sportler wissen genau, was in ihren Sportarten läuft, spüren, wie die Dinge dann gelöst werden. Sie fühlen sich im Großen und Ganzen von den verantwortlichen Institutionen im Stich gelassen“, beschreibt der Arzt die aktuelle Stimmungslage und betont: „In unserem Boxteam und beim Skisprung ist Doping kein Thema. Die Sportler wollen für sich selbst fair gewinnen.“ Wäre schön, wenn im Rio dieser Tage diese Sichtweise überwiegen würde.